Am LG Saarbrücken kann man auch fran­zö­si­sches Recht

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Dass auch bei ei­nem Verkehrsunfall mit Auslandsbezug vor deut­schen Gerichten aus­län­di­sches Sachrecht zur Anwendung kom­men kann, wenn das in­ter­na­tio­na­le Privatrecht dies be­stimmt, ist nichts Neues. Für den Tatrichter bie­tet es sich an, in­so­weit in Rechtsgutachten ein­zu­ho­len (vgl. § 293 ZPO), er muss es aber nicht in je­dem Fall. Die 13. Zivilkammer des LG Saarbrücken hat in ei­nem neu­en Urteil aus­ge­führt, dass sie ei­nes Gutachtens über das fran­zö­si­sche Verkehrs- und Schadenrecht auf­grund ei­ge­ner Sachkunde (auch über die Rechtspraxis der fran­zö­si­schen Gerichte) nicht be­darf, ei­ner­seits we­gen ih­rer zahl­rei­chen Verkehrsunfallsachen in den letz­ten Jahren mit Bezug zum fran­zö­si­schen Recht, an­de­rer­seits we­gen ei­nes Kammermitglieds mit ent­spre­chen­der Studienerfahrung. Daher heu­te aus­nahms­wei­se ein Fall nach fran­zö­si­schem Recht (Urteil vom 11.05.2015, Az. 13 S 21/15).

I. Mit der vor­lie­gen­den Klage macht die Klägerin Schadensersatz aus ei­nem Verkehrsunfall gel­tend, der sich am 24. Juni 2011 in ... auf dem Boulevard ... in Höhe der Porte ... er­eig­ne­te.

Der Zeuge ... be­fuhr mit dem Lkw der Klägerin bei zäh­flie­ßen­dem Verkehr die rech­te von vier Fahrbahnen des Boulevard ... Die Fahrerin des bei der Beklagten haft­pflicht­ver­si­cher­ten Pkw fuhr von ei­ner nicht be­schil­der­ten Einfahrt in Höhe der Porte ... kom­mend auf den Boulevard ... ein. Kurz vor der auf die Einfahrt fol­gen­den Unterführung kol­li­dier­te die rech­te vor­de­re Ecke des klä­ge­ri­schen Lkw mit der hin­te­ren lin­ken Ecke des Beklagtenfahrzeugs.

Erstinstanzlich hat die Klägerin be­haup­tet, das Beklagtenfahrzeug ha­be sich vor­kol­li­sio­när in ei­nem Bereich hin­ter der Einfahrt rechts an dem klä­ge­ri­schen Fahrzeug vor­bei­ge­drängt.

Mit der Klage hat sie 1.903,39 € Reparaturkosten, 453,50 € Sachverständigenkosten und 26,00 € Auslagenpauschale, ins­ge­samt 2.382,89 € nebst Zinsen gel­tend ge­macht.

Die Beklagte hat sich erst­in­stanz­lich zu­nächst nicht an dem Verfahren be­tei­ligt.

Nachdem das Erstgericht die Klage mit Urteil vom 29. Dezember 2011 als un­zu­läs­sig ab­ge­wie­sen hat­te und die Kammer die­ses Urteil nach Vorlage an den Gerichtshof der Europäischen Union mit Urteil vom 15. November 2013 auf­ge­ho­ben und das Verfahren an das Erstgericht zu­rück­ver­wie­sen hat­te, hat die Klägerin ih­ren frü­he­ren Antrag wei­ter­ver­folgt.

Die Beklagte hat be­an­tragt, die Klage ab­zu­wei­sen.

Sie hat be­haup­tet, zwi­schen der Einmündung und der Unfallstelle lä­gen al­len­falls 20 m, al­so in et­wa die Länge des klä­ge­ri­schen Fahrzeuges.

Das Erstgericht, auf des­sen Feststellungen er­gän­zend Bezug ge­nom­men wird, hat die Klage nach Beweisaufnahme ab­ge­wie­sen. Zur Begründung hat es im Wesentlichen aus­ge­führt, der Anscheinsbeweis spre­che da­für, dass der Zeuge ... den Unfall durch ei­nen Vorfahrtsverstoß ver­ur­sacht ha­be. Der Kollisionsort be­fin­de sich im Einmündungsbereich. Der Klägerin sei es nicht ge­lun­gen, den ge­gen sie spre­chen­den Anscheinsbeweis zu er­schüt­tern. Das Gericht sei von der Unfalldarstellung des Zeugen ... nicht über­zeugt.

Mit ih­rer hier­ge­gen ge­rich­te­ten Berufung ver­folgt die Klägerin ihr erst­in­stanz­li­ches Klagebegehren in vol­lem Umfang wei­ter. Sie rügt, das Erstgericht ha­be sei­ner Beweiswürdigung zu Unrecht die von der Beklagten vor­ge­leg­ten Lichtbilder zu­grun­de ge­legt, die meh­re­re 100 m vor der Unfallstelle auf­ge­nom­men wor­den sei­en. Aus den Lichtbildern er­ge­be sich, dass das Gericht von ei­ner un­zu­tref­fen­den Unfallstelle aus­ge­gan­gen sei.

Die Beklagte ver­tei­digt die an­ge­grif­fe­ne Entscheidung und ver­tieft ih­ren erst­in­stanz­li­chen Vortrag. Mit Schriftsatz vom 1. April 2015 hat sie nach dem Schluss der münd­li­chen Verhandlung un­ter Vorlage ei­nes Unfallberichts gel­tend ge­macht, der Unfall ha­be sich an der Einmündung er­eig­net.

II. Die form- und frist­ge­recht ein­ge­leg­te Berufung ist zu­läs­sig. In der Sache hat sie ei­nen über­wie­gen­den Teilerfolg.

1. Im Ausgangspunkt zu­tref­fend hat das Erstgericht an­ge­nom­men, dass der vor­lie­gen­de Verkehrsunfall ge­mäß Art. 4 Abs. 1 i.V.m. Art. 18 der Verordnung (EG) Nr. 864/2007 des Europäischen Parlaments und des Rates über das auf au­ßer­ver­trag­li­che Schuldverhältnisse an­zu­wen­den­de Recht vom 11. Juli 2007 (ABl. EU L Nr. 199, S. 40; im Folgenden Rom II VO) nach fran­zö­si­schem Recht zu be­ur­tei­len ist. Nach Art. 4 Abs. 1 Rom II VO ist auf ein au­ßer­ver­trag­li­ches Schuldverhältnis aus un­er­laub­ter Handlung das Recht des Staates an­zu­wen­den, in dem der Schaden ein­tritt, un­ab­hän­gig da­von, in wel­chem Staat das scha­dens­be­grün­den­de Ereignis oder in­di­rek­te Schadensfolgen ein­ge­tre­ten sind (sog. Erfolgsortprinzip, vgl. Geigel/Haag, Der Haftpflichtprozess, 26. Aufl. 2011, Kap. 43 Rdn. 59). Die Regelung fin­det hier Anwendung, da es sich um ei­nen Anspruch aus ei­nem Verkehrsunfall han­delt (vgl. Kammerurteil vom 9. März 2012 - 13 S 51/11, NJW-RR 2012, 885 ff.; Geigel/Haag, Der Haftpflichtprozess, 26. Aufl. 2011, Kap. 43 Rdn. 59; Wurmnest in: jurisPK-BGB, Art. 4 Rom-II-VO Rdn. 38; Palandt/Thorn, BGB, 74. Aufl. 2015, Art. 4 (IPR) Rom II Rdn. 18), der nach dem 11. Januar 2009 ent­stan­den ist (vgl. Art. 32 Rom II VO). Für die hier gel­tend ge­mach­ten Schäden ist Erfolgsort der Tatort - hier Frankreich (vgl. Kammerurteil vom 9. März 2012 aaO; LG Frankenthal, Urteil vom 14. April 2011 - 4 O 155/09, zi­tiert nach ju­ris; Bachmeier, Regulierung von Auslandsunfällen, D/EU Rdn. 217; Palandt/Thorn aaO; Riedmeyer, zfs 2008, 602, 608).

2. Die Kammer sieht sich zur Beurteilung der im vor­lie­gen­den Fall re­le­van­ten Fragen des fran­zö­si­schen Rechts - ein­schließ­lich der ge­bo­te­nen Ermittlung der Rechtspraxis der Gerichte des be­trof­fe­nen Landes (vgl. BGH, Urteil vom 30. Januar 2001 - VI ZR 357/99, ZIP 2001, 675; Saarländisches Oberlandesgericht SVR 2014, 228 ff.) - auf­grund ei­ge­ner Sachkunde im­stan­de. Die Kammer war in den zu­rück­lie­gen­den Jahren auf­grund ih­rer Spezialzuständigkeit für Straßenverkehrsunfallsachen in zahl­rei­chen Verfahren, auch sach­ver­stän­dig be­ra­ten, mit ei­ner grö­ße­ren Zahl von Verkehrsunfällen nach fran­zö­si­schem Recht be­fasst und ver­fügt über ein Mitglied mit Studienerfahrung im fran­zö­si­schen Schuldrecht. Einwendungen hier­ge­gen ha­ben die Parteien auf ent­spre­chen­den Hinweis der Kammer hin nicht er­ho­ben.

3. Zu Recht hat das Erstgericht an­ge­nom­men, dass die Beklagte dem Grunde nach für den Unfallschaden ein­zu­ste­hen hat.

a) Nach Art. 124-3 Code des Assurances be­steht ein Direktanspruch ge­gen das fran­zö­si­sche Haftpflichtversicherungsunternehmen (vgl. BGH, Urteil vom 7. Dezember 2010 - VI ZR 48/10, MDR 2011, 121; Kammerbeschluss vom 22. Juni 2012 - 13 S 12/12, DAR 2012, 465 ff.; Kammerurteil vom 9. März 2012 aaO). Dieser ist auch nicht da­durch aus­ge­schlos­sen, dass die Klägerin ein nach fran­zö­si­schem Recht vor­ge­se­he­nes vor­pro­zes­sua­les Entschädigungsverfahren nicht be­schrit­ten hät­te (vgl. hier­zu et­wa Kammerurteil vom 9. März 2012 aaO).

b) Nach Art. 1, 2 Gesetz Nr. 85-677 vom 5. Juli 1985 (Loi ten­dant à l’amélioration de la si­tua­ti­on des vic­times d’accidents de la cir­cu­la­ti­on et à l’accélération des pro­cé­du­res d’indemnisation, im Folgenden: Loi Badinter), das die Grundsätze der Verschuldenshaftung nach den Art. 1382 f. Code ci­vil mo­di­fi­ziert, haf­ten Fahrer und Halter dem Grunde nach ver­schul­dens­un­ab­hän­gig al­lein auf­grund der Beteiligung ei­nes mo­to­ri­sier­ten Straßenfahrzeugs an ei­nem Unfall, oh­ne dass dem Geschädigten hö­he­re Gewalt oder das Verschulden ei­nes Dritten ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den könn­ten (vgl. Mazeaud/Pierre (Hrsg.), Lamy Droit de la Responsabilité, Etude 313 - Le droit à in­dem­ni­sa­ti­on des vic­times d’accident de la cir­cu­la­ti­on, 2000, Rdn. 15; Lemor in: Feyock/Jacobsen/Lemor, Kraftfahrtversicherung, 3. Aufl. 2009, AuslUnf., Frankreich Rdn. 1; Jantkowiak in: Bachmeier aaO, F Rdn. 9 ff.; Neidhart, Unfall im Ausland, Band 2 - West-Europa, 5. Aufl. 2007, Frankreich Rdn. 13 ff.). Eine sol­che Beteiligung des Kraftfahrzeugs an dem Unfall liegt je­den­falls im­mer dann vor, wenn es - wie hier - zu ei­ner Kollision mit dem Kraftfahrzeug ge­kom­men ist (vgl. Cass. 2e civ., Urteil vom 25. Januar 1995 - 92-17.164, zi­tiert nach www.legifrance.gouv.fr; Ferid/Sonnenberger, Das Französische Zivilrecht, 2. Aufl. 1993 Bd. 4/1 Rdn. 2 O 370g).

4. Im Ausgangspunkt zu Recht hat das Erstgericht an­ge­nom­men, dass die Haftung durch ein Verschulden des Fahrers des Geschädigtenfahrzeugs ge­min­dert oder aus­ge­schlos­sen sein kann. Gemäß Art. 5 Abs. 2 Satz 1 Loi Badinter führt ein Verschulden des Fahrers des Geschädigtenfahrzeugs bei Sachschäden zu ei­ner Reduzierung oder zum Ausschluss des Schadensersatzanspruchs (vgl. da­zu auch Mazeaud/Pierre (Hrsg.) aaO Rdn. 20; Neidhart, aaO; Frankreich Rdn. 17; Kühl/Klinkert in: Ausländischer Anwaltverein in Deutschland e.V., Schadensregulierung bei Verkehrsunfällen in Europa, 2010, S. 55). Ist ein Verschulden nach­ge­wie­sen, ent­schei­det der Richter in sou­ve­rä­nem Ermessen, ob das Verschulden zu ei­ner Reduzierung oder zum voll­stän­di­gen Ausschluss des Schadensersatzanspruchs führt (vgl. Cass. 2e civ., Urteil vom 21. Oktober 1999 - 98-11.018, zi­tiert nach www.legifrance.gouv.fr). Lässt sich ein sol­ches Verschulden hin­ge­gen nicht nach­wei­sen, ver­bleibt es bei der vol­len Einstandspflicht des Schädigers (vgl. Cass. 2e civ., Urteil vom 24. Juni 1987 - 86-11.851, zi­tiert nach www.legifrance.gouv.fr).

5. Entgegen der an­ge­grif­fe­nen Entscheidung ist es der Beklagten hier je­doch nicht ge­lun­gen nach­zu­wei­sen, dass der Zeuge ... den Unfall schuld­haft mit­ver­ur­sacht hät­te.

a) Die zu be­ach­ten­den Verkehrspflichten be­stim­men sich nach aus­län­di­schem Recht (vgl. Wurmnest in: jurisPK-BGB, Art. 4 Rom II-VO Rdn. 31; Bachmeier aaO D/EU Rdn. 340; Palandt/Thorn aaO Art. 4 Rom II-VO Rdn. 15, jew. mwN.). Danach hat das Erstgericht in der Sache zu­tref­fend und von der Berufung un­an­ge­grif­fen fest­ge­stellt, dass der von rechts auf den Boulevard ... ein­fah­ren­de Verkehr an der Unfallstelle man­gels ge­gen­tei­li­ger Beschilderung nach Art. R415-5 Abs. 1 Code de la rou­te („rechts vor links“) ge­gen­über dem auf dem Boulevard ... fah­ren­den Verkehr vor­fahrts­be­rech­tigt war.

b) Es be­geg­net im Ausgangspunkt auch kei­nen Bedenken, dass das Erstgericht an­ge­nom­men hat, bei ei­ner Kollision im Einmündungsbereich spre­che der Beweis des ers­ten Anscheins für ei­ne Vorfahrtsverletzung durch den auf dem Boulevard ... be­find­li­chen, war­te­pflich­ti­gen Unfallbeteiligten.

aa) Die Anwendbarkeit des Anscheinsbeweises be­stimmt sich in Verfahren mit in­ter­na­tio­na­lem Bezug nicht nach dem aus­län­di­schen Sachrecht (lex cau­sae), son­dern nach den Regeln des deut­schen Zivilprozessrechts als dem Recht am Ort des an­ge­ru­fe­nen Gerichts (lex fo­ri) (vgl. BGH, Urteil vom 4. Oktober 1984 - I ZR 112/82, NJW 1985, 554; Kammerurteil vom 13. Februar 2015 - 13 S 203/15; Prütting in: Münchener Kommentar zur Zivilprozessordnung, 4. Aufl., § 286 Rdn. 50, 55; Prütting/Gehrlein/Laumen, ZPO, 6. Aufl., § 286 Rdn. 29; Schack, IZVR, 5. Aufl., Rdn. 746; Nagel/Gottwald, IZPR, 7. Aufl., § 10 Rdn. 57 f.; Thole, IPrax 2010, 285, 286; a.A. Zöller/Geimer, ZPO, 30. Aufl. 2014, § 363 Rdn. 160; Zöller/Greger aaO vor § 284 Rdn. 29; Greger/Zwickel, Haftungsrecht des Straßenverkehrs, 5. Aufl. 2014, Art. 4 Rom-II-Verordnung, Rdn. 23; Hohloch in: Erman, 14. Aufl. 2014, Art. 15 Rom-II-VO Rdn. 15). Dies wird zu­tref­fend da­mit be­grün­det, dass es sich beim Anscheinsbeweis um ei­ne Beweiswürdigungsregel han­delt, mit­hin um ei­ne Norm des Verfahrensrechts, die den Richter be­rech­tigt und ver­pflich­tet, die durch Erfahrungssätze be­grün­de­te Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen ei­ner be­haup­te­ten Tatsache zur Überzeugungsbildung und da­mit zum Beweis aus­rei­chen zu las­sen (Prütting/Gehrlein/Laumen aaO; MüKo-ZPO/Prütting aaO; Thole aaO, jew. mwN.; vgl. auch Rosenberg/Schwab/Gottwald, Zivilprozessrecht, 17. Aufl., § 113 Rdn. 16). Würde man der Gegenauffassung fol­gen, er­gä­be sich im Übrigen kei­ne der Beklagten güns­ti­ge­re Beweisposition, wenn man da­von aus­geht, dass das fran­zö­si­sche Recht ei­nen Anscheinsbeweis im Sinne der deut­schen zi­vil­pro­zess­recht­li­chen Dogmatik nicht kennt (vgl. Brinkmann, Das Beweismaß im Zivilprozess aus rechts­ver­glei­chen­der Sicht, S. 58 f.; zum lu­xem­bur­gi­schen Recht AG Landstuhl, Urteil vom 3. April 2004 - 3 S 384/11, ju­ris).

bb) Nach deut­schem Recht spricht der Beweis des ers­ten Anscheins für ei­ne Vorfahrtsverletzung des Wartepflichtigen, wenn es in dem Einmündungsbereich zu ei­ner Kollision kommt (vgl. BGH, Urteil vom 15. Juni 1982 - VI ZR 119/81, VersR 1982, 903 f.; BGH, Urteil vom 18. November 1975 - VI ZR 172/74, VersR 1976, 364; BGH, Urteil vom 19. März 1964 - III ZR 177/92, VersR 1964, 639 f.; OLG München, Urteil vom 29. Juli 2011 - 10 U 1131/11, ju­ris; KG, SVR 2011, 222; OLG Frankfurt, Urteil vom 21. Januar 2008 - 25 U 220/04, ju­ris; OLG Brandenburg, OLG-Report 2009, 689; OLG München, VersR 1998, 733; OLG Köln, VersR 1992, 68; Kammerurteile vom 28. März 2014 - 13 S 196/13, NJW 2015, 177; vom 21. Oktober 2011 - 13 S 124/11 - und vom 18. Januar 2010 - 13 S 44/10). Hat sich die Kollision al­ler­dings erst hin­ter dem ei­gent­li­chen Einmündungsviereck/-trichter er­eig­net, greift der Anscheinsbeweis nur ein, wenn sich der Wartepflichtige noch nicht oh­ne Behinderung des be­vor­rech­tig­ten Verkehrs ein­ge­ord­net hat (vgl. OLG München, Urteil vom 27. Mai 2010 - 10 U 3379/09, ju­ris; OLG Brandenburg, Urteil vom 8. März 2007 - 12 U 173/06; KG-Report 2002, 364; Kammerurteile vom 7. Juni 2013 - 13 S 31/13, NJW-RR 2013, 1249 ff., und vom 10. Juni 2011 - 13 S 40/11, NZV 2011, 607 mwN.; Hinweisbeschluss vom 17. April 2015 - 13 S 29/15).

c) Nach Maßgabe die­ser Grundsätze ist es der Beklagten hier nicht ge­lun­gen, die Voraussetzungen ei­nes Anscheinsbeweises zu Lasten der Klägerin zu be­wei­sen.

aa) Die Beklagte konn­te nicht be­wei­sen, dass sich der Unfall im ei­gent­li­chen Einmündungsbereich er­eig­net hat.

Die Unfallendstellung der Fahrzeuge be­fand sich auf Höhe des Verkehrsschildes zu Beginn der auf die Einfahrt fol­gen­den Unterführung. Das er­gibt sich aus den mit der Klage vor­ge­leg­ten Lichtbildern, die un­strei­tig die Unfallendstellung do­ku­men­tie­ren. Nach dem ei­ge­nen Vortrag der Beklagten er­eig­ne­te sich der Unfall auch un­ge­fähr auf Höhe die­ses Schildes. Soweit die Beklagte un­ter Hinweis auf das in Gegenfahrtrichtung auf­ge­nom­me­ne Lichtbild auf Seite 6 ih­res Schriftsatzes vom 29. Mai 2012 vor­trägt, der Unfall ha­be sich an dem ers­ten von zwei ab­ge­bil­de­ten Verkehrsschildern er­eig­net, ist da­mit of­fen­kun­dig das in Fahrtrichtung zwei­te Schild ge­meint. Denn wie sich aus den wei­te­ren Lichtbildern er­gibt, be­fin­det sich das in Fahrtrichtung ers­te Schild nicht hin­ter, son­dern vor der Einmündung in ei­nem Bereich, in dem sich die Fahrspuren der Unfallbeteiligten noch nicht be­rüh­ren konn­ten. Diese Auslegung ist auch al­lein mit der Schätzung der Beklagten ver­ein­bar, zwi­schen der Einmündung und dem Unfallort lä­gen al­len­falls 20 Meter. Einer Vernehmung der Zeugin ... be­durf­te es nicht, da die Beklagte nicht un­ter ih­ren Zeugenbeweis ge­stellt hat, dass sich der Unfall an ei­ner an­de­ren als die­ser Kollisionsstelle er­eig­net hät­te.

Die so be­stimm­te Kollisionsstelle lag be­reits hin­ter der Einmündung. Wie sich an­hand des von dem Gericht in die Verhandlung ein­ge­führ­ten Luftbildes nach­voll­zie­hen lässt, liegt das Verkehrszeichen auf Höhe der Unfallstelle et­wa 37-38 m hin­ter der be­gin­nen­den Zusammenführung bei­der Fahrbahnen. An die­ser Stelle hat­te sich die Fahrbahn je­doch schon seit ca. 10 m wie­der auf ei­ne nor­ma­le Fahrbahnbreite ver­engt. Dem ent­spricht es, dass auch die durch­ge­zo­ge­ne Linie, die den Einmündungsbereich zwi­schen der ein­mün­den­den Fahrbahn und der rech­ten Fahrbahn des Boulevards ... von den wei­te­ren Fahrbahnen ab­schirmt, seit et­wa 10 m auf­ge­ho­ben war. Unter die­sen Umständen lässt sich die Unfallstelle nicht mehr dem un­mit­tel­ba­ren Einmündungsbereich zu­ord­nen. Entgegen der Einschätzung des Erstgerichts kommt es in­so­weit nicht dar­auf an, wie lang das klä­ge­ri­sche Fahrzeug war und in­wie­fern sich der hin­te­re Fahrzeugteil noch im Einmündungsbereich be­fand, da sich je­den­falls das Beklagtenfahrzeug, das mit der vor­de­ren rech­ten Ecke des Klägerfahrzeugs kol­li­diert ist, im Unfallzeitpunkt nicht mehr im Einmündungsbereich be­fand.

Der von der Beklagten mit Schriftsatz vom 1. April 2015 vor­ge­leg­te Unfallbericht recht­fer­tigt - un­ab­hän­gig da­von, dass er nach § 296a ZPO nicht mehr zu ver­wer­ten war, weil der Beklagten in­so­weit kein Schriftsatznachlass ge­währt wor­den war - kei­ne ab­wei­chen­de Beurteilung. Im Rahmen der sich nach deut­schem Recht voll­zie­hen­den Beweiswürdigung kommt ei­nem Unfallbericht („cons­tat ami­able“), der in ers­ter Linie da­zu dient, die Regulierung un­strei­ti­ger Unfälle zu er­leich­tern, nicht oh­ne wei­te­res bin­den­de Wirkung - et­wa im Sinne ei­nes Schuldanerkenntnisses - zu (vgl. Kammerurteil vom 2. Mai 2014 - 13 S 34/14). Zwar kann den Erklärungen der Unfallbeteiligten Indizwert für das tat­säch­li­che Unfallgeschehen bei­zu­mes­sen sein. Im vor­lie­gen­den Fall lässt der Unfallbericht je­doch nicht den Schluss zu, der Unfall ha­be sich im Einmündungsbereich er­eig­net. Zwar wür­de die in dem Bericht ent­hal­te­ne Unfallskizze bei maß­stabs­ge­treu­er Abbildung der Unfallstelle ei­ne Kollision im Einmündungsviereck na­he le­gen. Die Aussagekraft der Zeichnung ist je­doch schon des­halb sehr ein­ge­schränkt, weil die tan­gen­tia­le Annäherung des Boulevard ... an die Einfahrt in der stark sche­ma­ti­sier­ten Zeichnung nicht zum Ausdruck kommt. Gerade die­se ört­li­che Besonderheit ist für die Bestimmung des maß­geb­li­chen Einmündungsbereichs vor­lie­gend aber von zen­tra­ler Bedeutung. Vor die­sem Hintergrund ver­blei­ben er­heb­li­che, im Ergebnis nicht zu über­win­den­de Zweifel dar­an, ob die Unfallbeteiligten mit ih­rer Skizze die Kollisionsstelle ge­ra­de im Hinblick auf das Einmündungsviereck ge­nau lo­ka­li­sie­ren woll­ten. Danach kann auf­grund des Unfallberichts nicht von ei­ner Kollision im Einmündungsbereich aus­ge­gan­gen wer­den, zu­mal die Beklagte in ih­rem ur­sprüng­li­chen Vortrag ei­ne ge­wis­se Entfernung zwi­schen der Einmündung und dem Unfallort aus­drück­lich ein­ge­räumt hat.

bb) Es steht auch nicht hin­rei­chend ver­läss­lich fest, dass sich das klä­ge­ri­sche Fahrzeug noch nicht voll­stän­dig und oh­ne Behinderung des be­vor­rech­tig­ten Verkehrs ein­ge­ord­net hat­te, als sich der Unfall er­eig­ne­te. Unstreitig war der Verkehr an der Unfallstelle zum Unfallzeitpunkt zäh­flie­ßend. Danach ver­bleibt zu­min­dest die Möglichkeit, dass der klä­ge­ri­sche Lkw die Kollisionsstelle hin­ter dem Einmündungsbereich be­reits er­reicht hat­te, oh­ne den von der Einfahrt her kom­men­den Verkehr zu be­hin­dern, und er erst im Anschluss hier­an mit dem üb­ri­gen be­vor­rech­tig­ten Verkehr durch ei­ne Verkehrsstockung auf­ge­hal­ten wur­de. Dass das Beklagtenfahrzeug so­wohl auf der rech­ten als auch auf der lin­ken Seite be­schä­digt wur­de, spricht ent­ge­gen der Auffassung der Beklagten nicht ge­gen die­se Möglichkeit. Denn ei­ne sol­che Beschädigung kann da­durch ent­stan­den sein, dass das Beklagtenfahrzeug hin­ter dem Einmündungsbereich auf der hier­für nicht mehr aus­rei­chend brei­ten Fahrbahn an dem klä­ge­ri­schen Fahrzeug vor­bei ge­führt wur­de und ge­ra­de man­gels aus­rei­chen­der Breite auch mit der rechts be­find­li­chen Wand kol­li­diert ist.

d) Der Zeuge ... hat den Unfall auch nicht nach­weis­lich durch ei­ne Unaufmerksamkeit (Art. R412-6 Abs. 1 Code de la rou­te) oder ei­nen zu ge­rin­gen Abstand (Art. R412-12 Abs. 1 Code de la rou­te) ver­ur­sacht. Der Beweis des ers­ten Anscheins spricht hier nicht für ei­nen Verkehrsverstoß des Zeugen ... bei ei­nem Auffahrunfall. Zwar weist die Berufung im Ausgangspunkt zu­tref­fend dar­auf hin, dass im Falle ei­nes Auffahrunfalls der Beweis des ers­ten Anscheins da­für spricht, dass der Auffahrende zu schnell oder un­auf­merk­sam war oder den ge­bo­te­nen Sicherheitsabstand nicht ein­ge­hal­ten hat (vgl. BGH, Urteile vom 30. November 2010 - VI ZR 15/10, VersR 2011, 234; vom 18. Oktober 1988 - VI ZR 223/87, VersR 1989, 54 und vom 23. Juni 1987 - VI ZR 188/86, VersR 1987, 1241, Kammerurteile vom 15. November 2013 - 13 S 134/13; vom 11. Februar 2011 - 13 S 150/10 - und vom 26. Juni 2009 - 13 S 141/09; Kammerbeschlüsse vom 22. April 2009 - 13 S 137/09 - und vom 14. Juni 2011 - 13 S 90/11). Jedoch fehlt es an der für die Anwendung des Anscheinsbeweises er­for­der­li­chen Typizität, wenn die Fahrzeuge - wie hier - ver­setzt zu­ein­an­der le­dig­lich im Eckbereich kol­li­diert sind (vgl. OLG Hamburg, Schaden-Praxis 2012, 392; OLG Bamberg, Schaden-Praxis 2010, 427; OLG Dresden, OLG-Report Ost 46/2010; KG NZV 2009, 458; Hinweisbeschluss der Kammer vom 21. Mai 2013 - 13 S 72/13). Da sich nicht fest­stel­len lässt, wann der Zeuge ... die ge­fähr­li­che Annäherung an das Beklagtenfahrzeug fest­stel­len und in­wie­fern er da­nach den Unfall noch durch ei­ne ge­eig­ne­te Reaktion hät­te ver­mei­den kön­nen, kann zu Lasten der Klägerin auch kein sons­ti­ger Sorgfaltsverstoß an­ge­nom­men wer­den, zu­mal die Beklagte selbst es für mög­lich hält, dass das Fahrzeug im to­ten Winkel seit­lich vor das klä­ge­ri­sche Fahrzeug ge­fah­ren war.

6. Der von der Klägerin gel­tend ge­mach­te Schaden ist auch ganz über­wie­gend er­satz­fä­hig.

a) Nach fran­zö­si­schen Recht kann der Geschädigte die Kosten für die Reparatur des be­schä­dig­ten Fahrzeugs grund­sätz­lich er­setzt ver­lan­gen, oh­ne den Nachweis ei­ner Reparatur er­brin­gen zu müs­sen (vgl. Casson, Répertoire de droit ci­vil Dalloz, Dommages et in­té­rêts; Stand November 2011, Rdn. 39). Ein Totalschadensfall, in dem Ausnahmen von die­sem Grundsatz gel­ten (vgl. Kammerurteil vom 9. März 2012 aaO), liegt an­ge­sichts des ge­rin­gen Schadens an dem Lkw der Klägerin of­fen­kun­dig nicht vor.

b) Auch Sachverständigenkosten sind nach fran­zö­si­schem Recht zu er­set­zen (vgl. Lemor in: Feyock/Jacobsen/Lemor, aaO, AuslUnf, VII Rdn. 2; Neidhart, aaO, Frankreich Rdn. 72, mwN.).

c) Eine Unkostenpauschale, wie sie im deut­schen Recht als Schadensposition an­er­kannt ist, kann der Kläger nicht ver­lan­gen, da die­se nach fran­zö­si­schem Recht nicht ge­schul­det ist (vgl. Kammerurteil vom 9. März 2012 aaO; Neidhart aaO Rdn. 87; Jantkowiak aaO F Rdn. 191).

d) Danach kann die Klägerin Reparaturkosten von un­strei­tig 1.903,39 € und Sachverständigenkosten von un­strei­tig 453,50 €, ins­ge­samt 2.356,89 € er­setzt ver­lan­gen.

7. Aus dem da­nach ge­schul­de­ten Betrag kann die Klägerin auch ge­setz­li­che Zinsen be­an­spru­chen.

a) Nach Art. 15 b) Rom-II-Verordnung rich­ten sich die Zinsforderung als Teil des Haftungsumfangs nach dem Deliktsstatut (vgl. Kammerurteil vom 9. März 2012 aaO; LG Düsseldorf IPRspr 2011, 92; AG Frankenthal, Urteil vom 15. Oktober 2014 - 3a C 158/13, ju­ris; wohl auch AG München zfs 2013, 566; aA LG Lübeck, IPRspr 2010, 120). Gemäß Art. 1153-1 Abs. 1 Code ci­vil schul­det der Schädiger ge­setz­li­che Zinsen (vgl. Cass. civ. 2e, Urteil vom 20. Juni 1990 - 89.10347; Kammerurteil vom 9. März 2012 aaO).

b) Die Beklagte hat die ge­schul­de­te Hauptforderung auch an­trags­ge­mäß ab dem auf die Zustellung an die Schadensregulierungsbeauftragte der Beklagten am 26. Oktober 2011 fol­gen­den Tag zu ver­zin­sen. Die fran­zö­si­sche Rechtsprechung lässt die Pflicht zur Zahlung von Verzugszinsen ver­brei­tet mit der Urteilsverkündung be­gin­nen (vgl. Cass. civ. 1re, Urteil vom 7. Januar 1997 - 94.17947, zi­tiert nach www.legifrance.gouv.fr; Cass. civ. 1re, Urteil vom 12. Dezember 1995 - 93-12.561, zi­tiert nach www.legifrance.gouv.fr; Cass. civ. 2e, Urteil vom 25. November 1981 - 80-13160, zi­tiert nach www.legifrance.gouv.fr), hält es aber ins­be­son­de­re bei ei­nem lan­ge zu­rück­lie­gen­den Entstehungsgrund der Forderung für zu­läs­sig, ge­setz­li­che Verzugszinsen ab dem Zeitpunkt des Unfalls zu­zu­bil­li­gen, um ei­ne ge­rech­te Entschädigung zu ge­währ­leis­ten (vgl. Cass. civ. 2e, Urteil vom 20. Juni 1990 - 89-10347, zi­tiert nach www.legifrance.gouv.fr; Kammerurteil vom 15. November 2013 - 13 S 12/12). Nach Maßgabe die­ser Grundsätze hält die Kammer es hier an­ge­sichts der be­dingt durch das Vorlageverfahren und zwei Berufungen lan­gen Verfahrensdauer für an­ge­mes­sen, den Verzugsbeginn an­trags­ge­mäß zu be­stim­men.

c) Die Höhe des ge­setz­li­chen Zinssatzes folgt hier aus den Dekreten Nr. 2012-182 vom 7. Februar 2012, Nr. 2013-178 vom 1. März 2013, Nr. 2014-98 vom 4. Februar 2014 und Nr. 2014-1115 vom 2. Oktober 2014 in Verbindung mit der Verordnung vom 23. Dezember 2014 (Arrêté du 23 dé­cem­bre 2014 re­la­tif à la fixa­ti­on du taux d’intérêt lé­gal).

Über Alexander Gratz

Dipl. jur. Universität des Saarlandes

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