Welche Fußgängerüberwege in­ner­halb ge­schlos­se­ner Ortschaften müs­sen ge­streut wer­den?

Quelle: RAUCH Landmaschinefabrik GmbH, Wikimedia Commons

Quelle: RAUCH Landmaschinefabrik GmbH, Wikimedia Commons

Der BGH hat sei­ne Rechtsprechung be­stä­tigt, wo­nach bei Fußgängerüberwegen in­ner­halb ge­schlos­se­ner Ortschaften ei­ne Verkehrssicherungspflicht zum Streuen nur dann be­steht, so­weit die Überwege be­lebt und un­ent­behr­lich sind (Urteil vom 23.07.2015, Az. III ZR 86/15). Dieser Grundsatz gel­te auch im Straßenrecht von Schleswig-Holstein. Abzustellen sei da­bei nicht stets auf nor­ma­le Werktage, son­dern auf die Zeit des Sturzes (hier: zwei­ter Weihnachtsfeiertag).

1. Inhalt und Umfang der win­ter­li­chen Streupflicht auf öf­fent­li­chen Wegen und Straßen un­ter dem Gesichtspunkt der Verkehrssicherung rich­ten sich nach den Umständen des Einzelfalls. Art und Wichtigkeit des Verkehrswegs sind da­bei eben­so zu be­rück­sich­ti­gen wie sei­ne Gefährlichkeit und die Stärke des zu er­war­ten­den Verkehrs. Die Streupflicht be­steht al­so nicht un­ein­ge­schränkt. Sie steht viel­mehr un­ter dem Vorbehalt des Zumutbaren, wo­bei es auf die Leistungsfähigkeit des Sicherungspflichtigen an­kommt. Dieser hat im Rahmen und nach Maßgabe der vor­ge­nann­ten Grundsätze durch Bestreuen mit ab­stump­fen­den Mitteln die Gefahren zu be­sei­ti­gen, die in­fol­ge win­ter­li­cher Glätte für den Verkehrsteilnehmer bei zweck­ge­rech­ter Wegebenutzung und trotz Anwendung der im Verkehr er­for­der­li­chen Sorgfalt be­stehen (stän­di­ge Senatsrechtsprechung, vgl. nur Urteile vom 5. Juli 1990 - III ZR 217/89, BGHZ 112, 74, 75 f; vom 1. Juli 1993 - III ZR 88/92, NJW 1993, 2802 f; vom 15. Januar 1998 - III ZR 124/97, VersR 1998, 1373 und vom 9. Oktober 2003 - III ZR 8/03, NJW 2003, 3622, 3623; je­weils mwN).

Fußgängerüberwege in­ner­halb ge­schlos­se­ner Ortschaften sind da­nach nicht grund­sätz­lich, son­dern nur zu streu­en, so­weit sie be­lebt und un­ent­behr­lich sind (stän­di­ge Senatsrechtsprechung; vgl. nur Urteile vom 22. November 1965 - III ZR 32/65, NJW 1966, 202; vom 13. Juli 1967 - III ZR 165/66, VersR 1967, 981, 982; vom 13. März 1969 - III ZR 101/68, VersR 1969, 667 und vom 15. November 1984 - III ZR 97/83, VersR 1985, 568, 569; Beschlüsse vom 27. April 1987 - III ZR 123/86, VersR 1987, 989 und vom 8. März 1990 - III ZR 27/89, BGHR BGB § 839 Abs. 1 Satz 1 Streupflicht 3; Urteile vom 20. Dezember 1990 - III ZR 21/90, VersR 1991, 665 f und vom 1. Juli 1993 aaO S. 2803; Beschluss vom 20. Oktober 1994 - III ZR 60/94, VersR 1995, 721, 722; Urteil vom 9. Oktober 2003 aaO).

2. Entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts gel­ten die­se Grundsätze auch in Schleswig-Holstein.

a) § 45 des Straßen- und Wegegesetzes des Landes Schleswig-Holstein in der Fassung der Bekanntmachung vom 25. November 2003 (GVOBl. Schl.-H. S. 631, 2004 S. 140) - im Folgenden StrWG - lau­tet:

“(1) Alle in­ner­halb von Ortsdurchfahrten ge­le­ge­nen Landes- und Kreisstraßen sind zu rei­ni­gen. Entsprechendes gilt für Gemeindestraßen und die sons­ti­gen öf­fent­li­chen Straßen in­ner­halb der ge­schlos­se­nen Ortslage so­wie für die nach Absatz 3 be­son­ders be­stimm­ten Straßen. Art und Umfang der Reinigung rich­ten sich nach den ört­li­chen Erfordernissen der öf­fent­li­chen Sicherheit.

(2) Zur Reinigung ge­hört auch … bei Glatteis das Bestreuen der Gehwege, Radwege, ge­mein­sa­men (kom­bi­nier­ten) Geh- und Radwege, Fußgängerüberwege und der be­son­ders ge­fähr­li­chen Fahrbahnstellen, bei de­nen die Gefahr auch bei Anwendung der im Verkehr er­for­der­li­chen Sorgfalt nicht oder nicht recht­zei­tig er­kenn­bar ist.

(3) …”

Der Wortlaut des § 45 Abs. 2 StrWG könn­te die Annahme na­he­le­gen, dass für die dort be­son­ders auf­ge­führ­ten Geh- be­zie­hungs­wei­se Radwege und Fußgängerüberwege die Streupflicht kei­ner­lei Einschränkungen un­ter­liegt. Andererseits be­stimmt § 45 Abs. 1 Satz 3 StrWG, dass sich Art und Umfang der po­li­zei­li­chen Reinigung, zu der auch das Streuen ge­hört, nach den ört­li­chen Erfordernissen der öf­fent­li­chen Sicherheit rich­tet.

b) Betrachtet man die Entstehungsgeschichte der Norm, wird deut­lich, dass ei­ne un­be­schränk­te Streupflicht nicht dem Willen des Landesgesetzgebers ent­spricht.

aa) Seit je­her ist die Verkehrssicherungspflicht für Straßen und Wege von den Umständen des Einzelfalls ab­hän­gig ge­macht und in­so­weit ei­ne all­ge­mei­ne Verpflichtung zum Streuen bei Glatteis ab­ge­lehnt be­zie­hungs­wei­se das Bestehen ei­ner Streupflicht un­ter Berücksichtigung der Verkehrsbedeutung und des ver­kehrs­recht­li­chen Bedürfnisses ein­ge­schränkt wor­den (vgl. be­reits RG, JW 1900, 164 f Nr. 38; RGZ 54, 53, 59; JW 1904, 470 Nr. 8; WarnRspr 1907/1908 Nr. 47; JW 1933, 836 f; sie­he auch Planck, BGB, 3. Aufl. 1907, § 823 Anm. II 2 c S. 976 zu c so­wie - zur po­li­zei­mä­ßi­gen Straßenreinigung - PrOVGE 47, 409, 411; 68, 318, 322 ff, wo­bei die aus der po­li­zei­mä­ßi­gen Reinigung flie­ßen­de Räum- und Streupflicht, so­weit sie auch der Verkehrssicherung dient, ih­rem recht­li­chen Gehalt und Umfang nach von der aus der all­ge­mei­nen Verkehrssicherungspflicht ab­ge­lei­te­ten Pflicht zur Sorge für die Sicherheit im Straßenverkehr nicht ver­schie­den ist; vgl. nur Senat, Urteil vom 5. Juli 1990 - III ZR 217/89, BGHZ 112, 74, 79 mwN). Hiervon aus­ge­hend hat das Reichsgericht (JW 1913, 859, 860 f Nr. 5; sie­he auch JW 1913, 91 Nr. 6) aus­ge­führt, dass nur dort, wo ein be­son­de­res Bedürfnis es ge­bie­te, un­ter Umständen von ei­ner Gemeinde ver­langt wer­den kön­ne, dass auch der Fahrdamm (Straße) strecken- und stel­len­wei­se, zum Beispiel an be­leb­ten und un­er­läss­li­chen Übergängen, be­streut wer­de.

bb) Auch nach dem Preußischen Gesetz über die Reinigung öf­fent­li­cher Wege vom 1. Juli 1912 (GS S. 187), des­sen Gültigkeit in Schleswig-Holstein erst durch § 66 Nr. 10 des Straßen- und Wegegesetzes des Landes Schleswig- Holstein vom 22. Juni 1962 (GVOBl. Schl-H S. 237) auf­ge­ho­ben wor­den ist, be­stand kei­ne un­ein­ge­schränk­te Streupflicht. Vielmehr rich­te­ten sich nach § 2 die Anforderungen “hin­sicht­lich der Art, des Maßes und der räum­li­chen Ausdehnung der po­li­zei­li­chen Reinigung” nach dem “un­ter Berücksichtigung der ört­li­chen Verhältnisse Notwendigen”. Insoweit soll­te die Frage des ver­kehrs­recht­li­chen Bedürfnisses un­ter Berücksichtigung der tat­säch­li­chen Verhältnisse ge­prüft wer­den. Eine Erweiterung der Streupflicht ge­gen­über der bis­he­ri­gen Rechtslage war aus­drück­lich nicht be­ab­sich­tigt (vgl. Entwurf ei­nes Gesetzes über die Reinigung öf­fent­li­cher Wege, Sammlung der Drucksachen des Preußischen Hauses der Abgeordneten, 21. Legislaturperiode, V. Session 1912/1913, Drucks. Nr. 51, S. 1403 f, 1406, 1407, 1408). Den Verkehrsverhältnissen kam in­so­weit für die Feststellung ei­ner Streupflicht wei­ter­hin ei­ne we­sent­li­che Bedeutung zu (vgl. auch Hecht/Hellich, Gesetz über die Reinigung öf­fent­li­cher Wege, 3. Aufl. 1954, S. 47 f).

cc) Auch der Senat hat in sei­ner (frü­hen) Rechtsprechung zum Preußischen Gesetz über die Reinigung öf­fent­li­cher Wege die win­ter­li­che Streupflicht für öf­fent­li­che Straßen und Wege nicht un­ein­ge­schränkt be­jaht, son­dern un­ter an­de­rem die Verkehrsbedeutung ein­schrän­kend be­rück­sich­tigt (vgl. nur Urteile vom 5. Dezember 1955 - III ZR 83/54, VkBl 1956, 249 ff; vom 30. September 1957 - III ZR 207/56, VersR 1957, 785 und vom 1. Oktober 1959 - III ZR 59/58, NJW 1960, 41 f).

dd) Dass der Landesgesetzgeber in Schleswig-Holstein den Inhalt der Streupflicht ih­rem sach­li­chen Gehalt und Umfang nach in Abweichung von die­ser jahr­zehn­te­lan­gen Rechtslage re­geln woll­te, ist nicht er­sicht­lich. Bereits § 45 StrWG 1962 ent­hielt ei­ne dem § 45 StrWG 2003 im Wesentlichen ent­spre­chen­de Regelung. In der Begründung zum Gesetzentwurf vom 5. September 1961 (LT-Drucks. Nr. 466, S. 65 f), in der aus­drück­lich auf das Senatsurteil vom 5. Dezember 1955 (aaO) Bezug ge­nom­men wor­den ist, wur­de dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Reinigungspflicht ih­rem Umfang nach je nach Lage und Benutzungsart der Straße ver­schie­den sei. In der ers­ten Lesung des Gesetzentwurfs im Landtag am 26. September 1961 stell­te der zu­stän­di­ge Ressortminister fest:

“Im Siebenten Teil wird den bis­her gel­ten­den Bestimmungen des Preußischen Wegereinigungsgesetzes ei­ne neu­zeit­li­che Gestalt ge­ge­ben. In den prak­ti­schen Auswirkungen soll auf die­sem Gebiete für die Gemeinden und für den Bürger al­les beim al­ten blei­ben” (Stenographischer Bericht der 66. Sitzung, S. 2288).

Soweit durch § 45 StrWG 2003 die Verkehrssicherungspflicht auch auf Rad- be­zie­hungs­wei­se kom­bi­nier­te Geh- und Radwege er­wei­tert wor­den ist, war hier­mit kei­ne dar­über hin­aus­ge­hen­de Änderung der bis­he­ri­gen Rechtslage be­ab­sich­tigt (vgl. LT-Drucks. 15/1906 S. 16). Insgesamt lässt sich den Gesetzesmaterialien nicht an­satz­wei­se ent­neh­men, dass der Landesgesetzgeber die her­ge­brach­ten Grundsätze zur Streupflicht än­dern woll­te. Der Winterdienst ist so­mit auch in Schleswig-Holstein von der Verkehrsbedeutung des je­wei­li­gen Straßen- oder Wegebereichs ab­hän­gig (vgl. auch Hoefer in Wilke/Gröller/Behnsen/Hoefer/Steinweg, StrWG, Loseblattsammlung, § 45 (Stand: 3. 2011) Rn. 16).

3. Fußgängerüberwege sind da­mit bei Glatteis nur un­ter der ein­schrän­ken­den Voraussetzung zu streu­en, dass sie be­lebt und un­ent­behr­lich sind (vgl. auch Staudinger/Hager, BGB, Neubearbeitung 2009, § 823 Rn. E 137; MüKoBGB/Papier, 6. Aufl., § 839 Rn. 201; Wellner in Geigel, Der Haftpflichtprozess, 27. Aufl., Kap. 14 Rn. 147, 159; OLG Hamm VersR 1978, 950, 951; OLG Brandenburg OLGR 2002, 335, 336 und Urteil vom 30. September 2014 - 2 U 7/14, ju­ris Rn. 39; OLG München, Urteil vom 26. April 2007 - 1 U 5742/06, ju­ris Rn. 31 ff; OLG Koblenz MDR 2012, 1226). Der Senat folgt nicht der Auffassung des Berufungsgerichts, für Überwege müss­ten die glei­chen Grundsätze wie für Gehwege gel­ten. Eine sol­che Annahme wür­de be­wir­ken, dass auf zahl­rei­chen nicht oder nach­ran­gig zu be­streu­en­den Straßen vor­ran­gig Überwege für Fußgänger ab­ge­streut wer­den müss­ten. Dies hät­te zur Folge, dass die Gemeinden bei der Durchführung ih­rer Streupläne, oh­ne die ein ge­ord­ne­ter Winterdienst un­mög­lich ist, un­zu­mut­bar be­hin­dert wür­den (vgl. nur Senat, Urteil vom 20. Dezember 1990 - III ZR 21/90, VersR 1991, 665, 666). Was die Frage der Zumutbarkeit für die Kommunen an­be­trifft, un­ter­schei­det sich die Situation auf Gehwegen und Fußgängerüberwegen im Übrigen da­durch, dass durch Satzung (hier: auf­grund § 45 Abs. 3 Nr. 2 StrWG) die Streupflicht für Gehwege in­ner­halb ge­schlos­se­ner Ortschaften üb­li­cher­wei­se auf die Anlieger über­tra­gen wird.

Feststellungen da­zu, ob der streit­ge­gen­ständ­li­che Überweg be­lebt und un­ent­behr­lich ge­we­sen ist, hat das Berufungsgericht nicht ge­trof­fen. Dies ist nach­zu­ho­len. Hierbei wird das Berufungsgericht ins­be­son­de­re zu be­rück­sich­ti­gen ha­ben, dass der Sturz am Morgen des zwei­ten Weihnachtstages 2009 er­folgt ist. Insoweit ist die Verkehrsbedeutung der Straße be­zie­hungs­wei­se des Überwegs an nor­ma­len Werktagen nicht aus­schlag­ge­bend (vgl. Senatsbeschluss vom 26. März 1992 - III ZR 71/91, BGHR BGB § 839 Abs. 1 Satz 1 - Streupflicht 8).

Über Alexander Gratz

Dipl. jur. Universität des Saarlandes

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*