Verdachtsabhängige Video-Abstandsüberwachung auf der Autobahn ver­letzt kei­ne Grundrechte

Th. Reinhardt / pixelio.de
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Im Jahr 2009 - nach ei­ner Entscheidung des BVerfG zum Eingriff in das Recht auf in­for­ma­tio­nel­le Selbstbestimmung bei der Verkehrsüberwachung - und in der Folgezeit wur­de viel dis­ku­tiert, wel­che Rechtsgrundlage für die ver­schie­de­nen Messverfahren im Straßenverkehr in Betracht kom­men, wenn bei die­sen Fotos oder Videos an­fer­tigt wer­den. Die meis­ten Gerichte ha­ben dann § 100 h Abs. 1 S. 1 Nr. 1 StPO (i. V. m. § 46 Abs. 1 OWiG) als Ermächtigung je­den­falls für ver­dachts­ab­hän­gi­ge Aufnahmen an­er­kannt, so dass es in letz­ter Zeit zu der Thematik nicht mehr viel Neues gab. Daher führ­te in die­sem Fall die Erfassung ei­nes Abstandsverstoßes mit dem Messgerät VKS 3.0 zu kei­nem Beweiserhebungs- oder Beweisverwertungsverbot, da je­weils nur kur­ze und an­lass­be­zo­ge­ne Videosequenzen zur Feststellung des Kennzeichens und des Fahrers auf­ge­zeich­net wur­den (OLG Bamberg, Beschluss vom 04.08.2015, Az. 3 Ss OWi 874/15).

I. Mit dem an­ge­foch­te­nen Urteil ist ge­gen den Betroffenen we­gen fahr­läs­si­ger Nichteinhaltung des Mindestabstandes von ei­nem vor­aus­fah­ren­den Fahrzeug (§ 4 Abs. 1 Satz 1 StVO) aus­schließ­li­ch ei­ne Geldbuße von 100 Euro fest­ge­setzt wor­den. Nach § 80 Abs. 1 und 2 Nr. 1 OWiG darf da­her die Rechtsbeschwerde nur zu­ge­las­sen wer­den, wenn es ge­bo­ten ist, die Nachprüfung des an­ge­foch­te­nen Urteils zur Fortbildung des ma­te­ri­el­len Rechts zu er­mög­li­chen oder das Urteil we­gen Versagung des recht­li­chen Gehörs auf­zu­he­ben. Ein sol­cher Fall liegt hier of­fen­sicht­li­ch nicht vor. Der Antrag auf Zulassung der Rechtsbeschwerde wird da­her nach § 80 Abs. 4 Sätze 1 und 3 OWiG ver­wor­fen. Damit gilt die Rechtsbeschwerde als zu­rück­ge­nom­men (§ 80 Abs. 3 Satz 2 i.V.m. Abs. 4 Satz 4 OWiG).

II. Außerhalb der durch den Zulassungsantrag ver­an­lass­ten Rechtsbeschwerdeprüfung be­merkt der Senat er­gän­zend:

Ein straf­pro­zes­sua­les Verwertungsverbot be­steht nicht. Vielmehr stellt § 100 h Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 StPO i.V.m. § 46 Abs. 1 OWiG auch für die im Rahmen des von der baye­ri­schen Polizei für Abstandsmessungen ein­ge­setz­ten Systems „VKS 3.0“ der Fa.,VIDIT Systems GmbH‘ ent­ge­gen der Auffassung der Rechtsbeschwerde mit Hilfe des Softwaremoduls „VKS select” aus­schließ­li­ch fahrspur- und an­lass­be­zo­gen über kur­ze Identsequenzen her­ge­stell­te Fahrervideoaufzeichnungen zur zu­ver­läs­si­gen Kennzeichenerkennung und Fahreridentifizierung ei­ne hin­rei­chen­de ge­setz­li­che Grundlage für den da­mit ver­bun­de­nen Eingriff in das Recht auf in­for­ma­tio­nel­le Selbstbestimmung dar (rechts­grund­sätz­li­ch: OLG Bamberg NJW 2010, 100 = DAR 2010, 26 = zfs 2010, 50; vgl. auch OLG Bamberg DAR 2010, 279). Dieser ins­be­son­de­re auch von Verfassungs we­gen nicht zu be­an­stan­den­den (vgl. Beschlüsse der 2. Kammer des 2. Senats des Bundesverfassungsgerichts vom 05.07.2010 - 2 BvR 759/10 = NJW 2010, 2717 = DuD 2010, 657 = StraFo 2010, 337 = DAR 2010, 508; vom 12.08.2010 - 2 BvR 1447/10 = DAR 2010, 574 und vom 20.05.2011 - 2 BvR 2072/10 = VRR 2011, 272) Rechtsauffassung ha­ben si­ch al­le deut­schen Oberlandesgerichte ein­hel­lig an­ge­schlos­sen (vgl. u.a. OLG Dresden DAR 2010, 210; OLG Jena NJW 2010, 1093 und ZfS 2011, 109 [je­weils für VKS 3.0 bzw. VKS 3.1 mit ver­dachts­ab­hän­gi­ger Selektionskamera]; OLG Stuttgart NJW 2010, 1219 = DAR 2010, 148 = VerkMitt. 2010 Nr. 34; OLG Schleswig zfs 2010, 171; OLG Hamm, Beschluss vom 22.10.2009 - 4 Ss OWi 800/09 [für VKS 3.0 mit „au­to­ma­ti­scher Verstoßvorselektierung” mit Hilfe der Vorselektionssoftware „VKS select”; bei ju­ris]; OLG Saarbrücken VRS 2010, 268; OLG Brandenburg NJW 2010, 1471 = VRS 2010, 290; OLG Rostock VRS 2010, 359; OLG Koblenz DuD 2010, 341; OLG Hamm, Beschluss vom 11. 03.2010 - 5 RBs 13/10 [bei ju­ris]; OLG Düsseldorf DAR 2010, 393; KG VRS 2010, 366 und OLG Celle StraFo 2010, 247; vgl. u.a. auch die zu­sam­men­fas­sen­de Darstellung bei Burhoff [Hrsg.]/G/eg, Handbuch für das stra­ßen­ver­kehrs­recht­li­che OWi-Verfahren, 4. Aufl. [2015], Rn. 707 ff., ins­be­son­de­re Rn. 720 m.w.N.).

Über Alexander Gratz

Dipl. jur. Universität des Saarlandes

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