Leistungssport nach Unfall nicht mehr mög­li­ch: Höheres Schmerzensgeld!

Ed Yourdon, Wikimedia Commons
Ed Yourdon, Wikimedia Commons

Der zu die­sem Zeitpunkt knapp 39 Jahre al­te Kläger be­schäf­tig­te si­ch in sei­ner Freizeit in­ten­siv und über die Grenze zum Leistungssport hin­aus mit sport­li­chen Aktivitäten. Nach ei­ner Unfallverletzung kann er nicht mehr über den Leistungsstand ei­nes Freizeitsportlers hin­aus­ge­hen. Diese Einschränkung und der ein­her­ge­hen­de Verlust an Lebensfreude müs­sen nach dem OLG Naumburg bei der Bemessung des Schmerzensgelds be­rück­sich­tigt wer­den und zu ei­nem hö­he­ren Schmerzensgeld füh­ren (Urteil vom 20.11.2014, Az. 1 U 59/14).

2. Zur Höhe des Schmerzensgeldes hat das Landgericht un­ter Wiederholung der Feststellungen des Sachverständigen Dr. F. aus dem schrift­li­chen Gutachten vom 30.11.2012 (Seite 11) aus­ge­führt, der Kläger sei durch die Verletzungen des lin­ken Daumens und Handgelenkes dau­er­haft be­ein­träch­tigt. Daumengrund- und -end­ge­lenk sei­en nicht mehr voll be­weg­li­ch. Als Linkshänder schrän­ke das den Kläger beim Schreiben und bei sons­ti­gen Tätigkeiten be­son­ders ein. Schon jetzt sei­en ar­thri­ti­sche Veränderungen ein­ge­tre­ten. Auch im rech­ten Kniegelenk las­se si­ch be­reits ei­ne post­trau­ma­ti­sche Arthrose nach­wei­sen. Dies ge­he auf die Unfallverletzung zu­rück. Der Kläger kön­ne nicht mehr, wie vor dem Unfall, Sport trei­ben. Dies recht­fer­ti­ge - auch un­ter Berücksichtigung ver­gleich­ba­rer Fälle - ein Schmerzensgeld von 30.000,00 EUR.

Dem ver­mag si­ch der Senat nicht un­ein­ge­schränkt an­zu­schlie­ßen.

3. Das Berufungsgericht kann die Schmerzensgeldbemessung der ers­ten Instanz in vol­lem Umfange über­prü­fen und ab­än­dern, oh­ne an die dor­ti­ge Schätzung ge­bun­den zu sein. Hier ver­langt der vom Kläger un­fall­be­dingt da­von ge­tra­ge­ne im­ma­te­ri­el­le Schaden bil­li­ger­wei­se ei­ne Entschädigung von 35.000,00 EUR (§ 287 I 1 ZPO i.V.m. § 253 BGB und § 11 2 StVG).

a) Bei der Bemessung des der Billigkeit ent­spre­chen­den Schmerzensgeldes sind die im Einzelfall her­an­zu­zie­hen­den ver­let­zungs­be­ding­ten Nachteile nicht zu eng zu fas­sen. Der Ausgleich des Nichtvermögensschadens geht über die blo­ßen Schmerzen hin­aus. Zu be­rück­sich­ti­gen sind die Schwere der Verletzungen, die Dauer der Leiden, der Verlauf des Heilungsprozesses, die Anzahl der Operationen, die ver­blie­be­nen Dauerschäden, das Alter des Geschädigten, ent­gan­ge­ne Lebensfreude durch den Verlust bis­her ge­pfleg­ter Freizeitaktivitäten so­wie be­ruf­li­che Beeinträchtigungen. Dies hat das Landgericht auch nicht ver­kannt. Seine Gewichtung der von ihm fest­ge­stell­ten im­ma­te­ri­el­len Unfallfolgen ent­spricht al­ler­dings nicht der Billigkeit. Insbesondere die fol­gen­den Umstände ver­lan­gen ein um 5.000,00 EUR hö­he­res Schmerzensgeld:

aa) Der zur­zeit des Unfalls fast 39 Jahre al­te Kläger war nach den Feststellungen des Landgerichts, an de­nen zu zwei­feln der Senat kei­nen Anlass hat (§ 529 I Nr. 1 ZPO), bis über die Grenze zum Leistungssport hin­aus sport­li­ch ak­tiv. Diese zwei­fels­oh­ne die bis­he­ri­ge Lebensführung prä­gen­de Freizeitbeschäftigung wur­de dem Kläger mit dem Unfall ge­nom­men. Es ist nach­voll­zieh­bar, dass der Kläger den jetzt mit er­heb­li­chem Einsatz er­reich­ten, aber auch nicht mehr zu über­schrei­ten­den Leistungsstand ei­nes nor­ma­len Freizeitsportlers nicht als gleich­wer­tig emp­fin­det. Der da­mit ver­bun­de­ne Verlust an Lebensfreude muss si­ch spür­bar auf die Höhe des Schmerzensgeldes aus­wir­ken. Dabei darf al­ler­dings auch nicht un­be­rück­sich­tigt blie­ben, dass die­ser Schaden mit der Zeit an Bedeutung ver­liert, weil an sei­ne Stelle neue Aktivitäten und Interessen tre­ten.

bb) Gleichfalls nicht un­er­heb­li­ch sind die vom Sachverständigen be­reits fest­ge­stell­ten post­trau­ma­ti­schen knö­cher­nen Veränderungen zu ge­wich­ten, die nicht nur ge­gen­wär­tig, son­dern auch zu­künf­tig die Lebensführung des Klägers ne­ga­tiv be­ein­flus­sen wer­den. Allein das Wissen um die da­mit ver­bun­de­nen dro­hen­den Schmerzen stellt si­ch schon als aus­zu­glei­chen­der Nachteil dar. Darüber hin­aus ist es sehr wahr­schein­li­ch, dass der Kläger jetzt schon hier­durch be­ding­te Schmerzen hat.

cc) Nach den Feststellungen des Sachverständigen han­delt es si­ch bei der Verletzung der lin­ken Hand um ei­ne schwer­wie­gen­de Unfallfolge, die die Hand und das Handgelenk be­trifft. Als Linkshänder kann der Kläger die Hand nur no­ch er­heb­li­ch ein­ge­schränkt und mit Schmerzen ge­brau­chen. Dies hat durch die ein­ge­nom­me­ne Schonhaltung zu ei­ner Änderung des Muskelprofils des lin­ken Arms ge­führt. Die da­mit ein­her­ge­hen­de Einbuße von an­sons­ten als selbst­ver­ständ­li­ch emp­fun­de­nen Fertigkeiten wird fak­ti­sch täg­li­ch er­lebt. Angesichts des Berufs des Klägers mag das zu kei­ner Erwerbsminderung füh­ren, weil auf ei­nen Computer zu­rück­ge­grif­fen wer­den kann und es auf fein­mo­to­ri­sche Fähigkeiten nicht an­kommt. Die vom Kläger glaub­haft ge­schil­der­ten Einschränkungen beim Schreiben und Greifen wie­gen den­no­ch schwer.

dd) Auch die Knieverletzung und der Verlust der Milz wer­den nach den Feststellungen des Sachverständigen das wei­te­re Leben des Klägers im Vergleich zur vor dem Unfall lie­gen­den Zeit wei­ter ne­ga­tiv be­ein­flus­sen. Bewegungseinschränkungen, post­trau­ma­ti­sche Arthrose und ein er­höh­tes Infektionsrisiko sind al­so nicht un­er­heb­li­che und da­mit aus­zu­glei­chen­de Schäden.

Unter Berücksichtigung der wei­te­ren vom Landgericht zu­tref­fend fest­ge­stell­ten po­ly­t­rau­ma­ti­schen Unfallfolgen, ein­schließ­li­ch der mehr­tä­ti­gen in­ten­siv­me­di­zi­ni­schen Betreuung sieht der Senat ei­nen Betrag von 35.000,00 EUR als er­for­der­li­ch an, um die er­heb­li­chen im­ma­te­ri­el­len Nachteile aus­zu­glei­chen. Daran ver­mag auch die auf im­ma­te­ri­el­le Schäden be­zo­ge­ne Feststellung der Ersatzpflicht der Beklagten nichts zu än­dern. Der Grundsatz der Einheitlichkeit des Schmerzensgeldes ge­bie­tet es in der Regel, die Höhe des dem Geschädigten zu­ste­hen­den Betrages auf Grund ei­ner ganz­heit­li­chen Betrachtung der den Schadensfall prä­gen­den Umstände un­ter Einbeziehung der ab­seh­ba­ren künf­ti­gen Entwicklung des Schadensbildes zu be­mes­sen (BGH NJW 2004, 1243 m.w.N.). Unberücksichtigt blei­ben nur die no­ch nicht ab­seh­ba­ren Folgen. Da an­ge­sichts der Schwere der Verletzungen mit sol­chen Nachteilen durch­aus zu rech­nen ist, hat die Feststellung des Landgerichts wei­ter­hin ih­re Berechtigung.

b) Gemessen an den in an­nä­hernd ver­gleich­ba­ren Fällen aus­ge­wor­fe­nen Schmerzensgeldbeträgen fällt der dem Kläger zu­zu­er­ken­nen­de Betrag nicht aus dem Rahmen.

aa) Das Oberlandesgericht Celle hielt in ei­ner Entscheidung vom 26.4.2001 (14 U 139/00) nach stump­fem Bauchtrauma mit Entfernung der Milz, Schädelhirntrauma ers­ten Grades so­wie Thoraxprellung nebst di­ver­sen Schnitt- und Risswunden ein Schmerzensgeld von 23.000,00 DM für aus­rei­chend.

bb) Das OLG Stuttgart hat ei­nem fünf­zig­jäh­ri­gen Motorradfahrer auf Grund un­fall­be­dingt er­lit­te­ner Hüftpfannenfraktur links, ei­ner Ausrenkung des Hüftkopfes, ei­ner Kniescheibenfraktur links so­wie Schürfwunden und Prellungen mit ver­blie­be­nen mä­ßig­gra­di­gen Bewegungseinschränkungen, Muskelminderung, ein­lie­gen­den Implantaten und fort­schrei­ten­der Arthrose ein Schmerzensgeld von 30.000,00 EUR zu­er­kannt (NJOZ 2010, 1374 nebst den dort auf­ge­führ­ten wei­te­ren Schmerzensgeldfällen).

cc) 35.000,00 EUR Schmerzensgeld sprach der 2. Zivilsenat (OLG Naumburg, Urteil vom 4.11.2004, 2 U 69/04 - BeckRS 2004, 30345875) ei­nem zur Hälfte mit­haf­ten­den Geschädigten für fol­gen­de Beeinträchtigungen zu: Oberschenkelmehrfragmentur links, dia­kon­dy­lä­re Humerusfraktur links, Rippenserienfraktur (4-8) links, Acetabulumfraktur links, Schambeinfraktur rechts, Schädelbasisfraktur, Pneumothorax links, ober­fläch­li­che Wunde der Peniswurzel, Kompartmentsyndrom lin­ker Oberschenkel, in­kom­plet­te Peroneusparese links, Ischämie des lin­ken Beines mit a.v. Fistel und lo­ka­lem Hämatom, Ruptur der Leber, Verlust der Milz nach Bauchtrauma, Intercostalneuralgie Th 5, pe­ro­neus­be­ton­te Ischiadicuparese links, Beinlängendifferenz von 3 cm, Einschränkung der Kniegelenksbeweglichkeit links, Bewegungseinschränkungen im Bereich des rech­ten Ellenbogengelenks, sen­so­mo­to­ri­sche Läsion des Nervus ul­naris links im Bereich des Sulcus bei un­fall­be­ding­tem Sulcus-ulnaris-Syndrom. Der Geschädigte be­zog ei­ne Erwerbsunfähigkeitsrente und wies ei­nen Grad der Behinderung von 60 auf.

dd) Vom Oberlandesgericht München (10 U 4926/12 vom 13.12.2013) wur­den ei­nem schwer un­fall­ge­schä­dig­ten Mofafahrer nach pro­xi­ma­ler Humerusfraktur links, Clavikulaschaftfraktur rechts, Handgelenkluxationsfraktur links, Daumenendgliedfaktur links, Rippenserienfraktur beid­seits mit Thoraxtrauma, Pneumothorax rechts, Beckenringfraktur, Acetabulumfraktur links, Bewegungseinschränkung des rech­ten oberen Sprunggelenks, Fußheberschwäche, Armnervengeflechtsschädigung beid­seits, hand­ge­lenks­na­her Teilschädigung des lin­ken Nervus me­di­a­nus und ei­ner Teilschädigung des Nervus is­ch­ia­di­cus rechts mit ins­ge­samt ver­blie­be­nen er­heb­li­chen Beeinträchtigungen ein Schmerzensgeld von ins­ge­samt 80.000,00 EUR zu­er­kannt.

Ein über 35.000,00 EUR hin­aus­ge­hen­des Schmerzensgeld ist da­na­ch aber eben­so we­nig zu recht­fer­ti­gen.

Über Alexander Gratz

Dipl. jur. Universität des Saarlandes

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