OLG Saarbrücken: 16.000 € Schmerzensgeld nach un­fall­be­dingt ver­steif­tem Handgelenk

Martin Vogler, Wikimedia Commons
Martin Vogler, Wikimedia Commons

Der Kläger wur­de bei ei­nem Verkehrsunfall, ver­ur­sacht durch den bei der Beklagten zu 2 haft­pflicht­ver­si­cher­ten Pkw ver­letzt (dis­ta­le Unterarmfraktur links mit dis­ta­ler Radiusfraktur und dor­so­ra­dia­lem Knorpeldefekt, Handwurzelluxation, mul­ti­ple Prellungen, mul­ti­ple Schürfwunden). Er wur­de im Klinikum ope­riert und knapp zwei Wochen lang sta­tio­när be­han­delt. Später wur­den die bei der Operation ein­ge­leg­ten Drähte ent­fernt. Er war für vier Monate ar­beits­un­fä­hig krank­ge­schrie­ben; es fan­den min­des­tens 42 kran­ken­gym­nas­ti­sche Behandlungen statt. Sein lin­kes Handgelenk ist dau­er­haft in der Beweglichkeit be­ein­träch­tigt (10° Restbeweglichkeit in je­der Richtung), wo­bei Bewegungen des Gelenks mit Schmerzen ver­bun­den sind und auf Grund ei­ner fort­schrei­ten­den Arthrose ei­ne zu­künf­ti­ge Versteifung wahr­schein­li­ch ist. LG und OLG Saarbrücken be­mes­sen sei­nen Anspruch auf Zahlung ei­nes Schmerzensgeldes auf 16.000 € (OLG Saarbrücken, Urteil vom 21.04.2016 - 4 U 76/15).

2. Das Landgericht hat den Schmerzensgeldanspruch des Klägers ge­gen die Beklagten als Gesamtschuldner (§§ 7, 18, 17, 11 StVG, 115 VVG) zu­tref­fend mit ins­ge­samt 16.000 € be­mes­sen, so dass un­ter Berücksichtigung be­reits ge­zahl­ter 8.000 € no­ch wei­te­re 8.000 € zu zah­len sind (Bd. I Bl. 196 d. A.). Auf die­sen Betrag sind, wie das Landgericht wei­ter rich­tig aus­ge­führt hat (Bd. I Bl. 198 d. A.), Rechtshängigkeitszinsen zu zah­len, und zwar nach § 187 Abs. 1 BGB a. E. in Verbindung mit §§ 288 Abs. 1, 291, 286 Abs. 1 BGB ab dem Tag, der auf den Tag der Zustellung der Klage folgt (vgl. BGH NJW-RR 1990, 518, 519; BAG NZA 2008, 464, 467 Rn. 35).

a) Das Schmerzensgeld ver­folgt vor­dring­li­ch das Ziel, dem Geschädigten ei­nen an­ge­mes­se­nen Ausgleich für die­je­ni­gen Schäden zu ver­schaf­fen, die nicht ver­mö­gens­recht­li­cher Art sind (Ausgleichsfunktion). Für die Bemessung der Schmerzensgeldhöhe sind Größe, Heftigkeit und Dauer der Schmerzen, Leiden und Entstellungen die we­sent­li­chen Kriterien. Als ob­jek­ti­vier­ba­re Umstände be­sit­zen vor al­lem die Art der Verletzungen, Art und Dauer der Behandlungen so­wie die Dauer der Arbeitsunfähigkeit ein be­son­de­res Gewicht. Hierbei zäh­len das Entstehen von Dauerschäden, psy­chi­schen Beeinträchtigungen und see­li­sch be­ding­ten Folgeschäden zu den maß­geb­li­chen Faktoren (Senat NJW 2011, 933, 935; 2011, 3169, 3170). Darüber hin­aus sind die spe­zi­el­len Auswirkungen des Schadensereignisses auf die kon­kre­te Lebenssituation des Betroffenen zu be­rück­sich­ti­gen. Die be­ruf­li­chen Folgen der Verletzung und ih­re Auswirkungen auf die Freizeitgestaltung des Geschädigten sind Faktoren bei der Bestimmung des Schmerzensgeldes. Hierbei kommt es nicht zu­letzt auf das Alter des Geschädigten an; denn ein und die­sel­be Beeinträchtigung wird nicht in je­dem Lebensalter gleich gra­vie­rend emp­fun­den (Senat NJW 2011, 933, 935). Bei der Schmerzensgeldbemessung nach die­sen Grundsätzen ver­bie­tet si­ch ei­ne sche­ma­ti­sche, zer­glie­dern­de Herangehensweise. Einzelne Verletzungen bzw. Verletzungsfolgen dür­fen nicht ge­son­dert be­wer­tet und die so er­mit­tel­ten Beträge ad­diert wer­den. Vielmehr ist die Schmerzensgeldhöhe in ei­ner wer­ten­den Gesamtschau al­ler Bemessungskriterien des kon­kre­ten Falls zu er­mit­teln, wo­bei die in ver­gleich­ba­ren Fällen zu­ge­spro­che­nen Schmerzensgelder ei­nen ge­wis­sen Anhaltspunkt bie­ten kön­nen, oh­ne je­doch zwin­gend zu ei­ner be­stimm­ten „rich­ti­gen” Schmerzensgeldhöhe zu füh­ren (Senat NJW 2011, 933, 935; NJW-RR 2015, 1119, 1120 Rn. 40). Bei Verkehrsunfällen - wie hier - tritt die Genugtuungsfunktion des Schmerzensgeldes in der Regel zu­rück und steht die Ausgleichsfunktion im Hinblick auf die er­lit­te­nen Verletzungen und un­fall­be­ding­ten Verletzungsfolgen im Vordergrund (Senat NJW-RR 2015, 1119, 1121 Rn. 45).

b) Die Bemessung des Schmerzensgeldes der Höhe nach ist grund­sätz­li­ch Sache des nach § 287 ZPO be­son­ders frei ge­stell­ten Tatrichters (BGH NJW 2015, 2246 Rn. 7). Auch nach der Reform des Rechtsmittelrechts hat das Berufungsgericht die erst­in­stanz­li­che Schmerzensgeldbemessung auf der Grundlage der nach § 529 ZPO maß­geb­li­chen Tatsachen ge­mäß §§ 513 Abs. 1, 546 ZPO in vol­lem Umfang dar­auf zu über­prü­fen, ob sie über­zeugt. Hält das Berufungsgericht sie für zwar ver­tret­bar, letzt­li­ch aber bei Berücksichtigung al­ler Gesichtspunkte nicht für sach­li­ch über­zeu­gend, so darf und muss es nach ei­ge­nem Ermessen ei­nen ei­ge­nen, dem Einzelfall an­ge­mes­se­nen Schmerzensgeldbetrag fin­den. Das Berufungsgericht darf es nicht da­bei be­las­sen zu prü­fen, ob die Bemessung Rechtsfehler ent­hält, ins­be­son­de­re ob das Gericht si­ch mit al­len maß­geb­li­chen Umständen aus­rei­chend aus­ein­an­der ge­setzt und um ei­ne an­ge­mes­se­ne Beziehung der Entschädigung zu Art und Dauer der Verletzungen be­müht hat (BGH NJW 2006, 1589, 1592 Rn. 30; Senat NJW-RR 2015, 1119, 1120 Rn. 41).

c) Die Bemessung des Schmerzensgeldes durch das Landgericht hält ei­ner Überprüfung nach die­sen Grundsätzen stand.

aa) Der am 03.07.1966 ge­bo­re­ne Kläger er­litt un­fall­be­dingt ei­ne dis­ta­le Unterarmfraktur links mit dis­ta­ler Radiusfraktur und dor­so­ra­dia­lem Knorpeldefekt, ei­ne Handwurzelluxation, mul­ti­ple Prellungen und mul­ti­ple Schürfwunden. Er wur­de vom 17. bis zum 29.08.2012 im Universitätsklinikum ope­riert und sta­tio­när be­han­delt. Am 04.10.2012 er­folg­te die Entfernung der bei der Operation ein­ge­leg­ten Drähte. Neben der fach­ärzt­li­chen Behandlung mus­s­te si­ch der Kläger laut un­strei­ti­gem Teil des Tatbestandes des an­ge­foch­te­nen Urteils (§ 314 ZPO, vgl. auch Entscheidungsgründe Bd. I Bl. 196 d. A.) 42 kran­ken­gym­nas­ti­schen Behandlungen un­ter­zie­hen. Dies ent­spricht der Behauptung in der Klageschrift (Bd. I Bl. 3 d. A.). Soweit der Kläger bei der Anhörung als Partei durch das Landgericht er­klärt hat, er sei ins­ge­samt 53 Mal bei der Krankengymnastik ge­we­sen (Bd. I Bl. 121 d. A.), fällt dies un­be­scha­det der Bindungswirkung des Tatbestandes an­ge­sichts der be­reits ho­hen Zahl von 42 fest­ge­stell­ten Behandlungen nicht mehr ins Gewicht. Bis zum 16.12.2012 war der Kläger ar­beits­un­fä­hig krank­ge­schrie­ben (vgl. Bd. I Bl. 196 d. A.).

bb) Darüber hin­aus hat das Landgericht auf Grund des über­zeu­gen­den Gutachtens des Sachverständigen Prof. Dr. med. St. R. zu­tref­fend und von der Berufung nicht be­an­stan­det (vgl. Bd. II Bl. 227 f. d. A.) an­ge­nom­men, dass Prellungen und Schürfwunden bei dem Kläger fol­gen­los aus­ge­heilt sind und im Bereich des Acromioclaviculargelenks nur no­ch ei­ne mi­ni­ma­le Restsymptomatik be­steht (Bd. I Bl. 196 d. A.). Ebenso rich­tig und un­be­an­stan­det hat das Landgericht auf der Grundlage des über­zeu­gen­den Sachverständigengutachtens fest­ge­stellt, dass am lin­ken Handgelenk des Klägers ei­ne gra­vie­ren­de, dau­er­haf­te Beeinträchtigung der Beweglichkeit vor­liegt (Bd. I Bl. 196 d. A.). Die Bewegungsmöglichkeiten des Klägers im lin­ken Handgelenk sind auf Grund der me­cha­ni­schen Blockade durch die Fehlstellung der lu­xier­ten Handwurzelknochen bis auf ei­ne Restbeweglichkeit von 10° in je­de Richtung kon­zen­tri­sch ein­ge­schränkt. Außerdem liegt im be­trof­fe­nen Handgelenk ei­ne Arthrose vor, die den zwei­ten von drei Graden er­reicht, wes­halb die vom Kläger bei der Bewegung des Handgelenks ge­klag­ten Schmerzen plau­si­bel sind. Im Vergleich zu ei­ner ope­ra­ti­ven Versteifung in op­ti­ma­ler Position lie­gen bei dem Kläger, wie der Sachverständige münd­li­ch er­läu­tert hat (Bd. I Bl. 188 d. A.), et­was mehr Bewegungsmöglichkeiten im Sinne ei­ner „Wackelsteife“ vor, wo­bei die ge­rin­ge Restbeweglichkeit des Handgelenks mit Schmerzen bei der Bewegung ver­bun­den („er­kauft“) ist. In der Zusammenschau ist die Situation des Klägers da­her mit ei­ner schmerz­frei­en Versteifung in op­ti­ma­ler Position ver­gleich­bar. Die MdE ist mit 25 v. H. zu be­wer­ten. Überdies ist ab­seh­bar, dass das Handgelenk in Zukunft ver­steift wer­den muss, um ei­ner Verschlechterung durch die fort­schrei­ten­de Arthrose ent­ge­gen­zu­wir­ken (Bd. I Bl. 196 d. A.).

cc) Über die Ausführungen des Landgerichts (Bd. I Bl. 196 d. A.) hin­aus ist zu den Einschränkungen bei Freizeitaktivitäten auf Grund der erst­in­stanz­li­ch er­folg­ten Parteianhörung des Klägers fest­zu­stel­len, dass der Kläger, des­sen Körpergröße nach ei­ge­nen Angaben ge­gen­über dem Sachverständigen Prof. Dr. med. St. R. bei der Untersuchung am 22.01.2015 181 cm und des­sen Körpergewicht dem­nach 93 kg be­trug (Bd. I Bl. 142 d. A.), selbst er­klärt hat, mit dem Waldlauf ha­be er ei­gent­li­ch no­ch mal an­fan­gen wol­len, da müs­se er aber auch dem Alter Tribut zol­len, und es sei ei­ne Frage, in­wie­weit er si­ch dort mo­ti­vie­ren kön­ne. Hinsichtlich der Jagd hat der Kläger nach­voll­zieh­bar er­klärt, dass er im­mer no­ch zur Jagd geht, dass er, wie er si­ch schließ­li­ch von si­ch aus kor­ri­giert hat, nicht et­wa gar nicht mehr beim Hochsitzbau mit­ma­che, aber be­stimm­te Tätigkeiten, bei de­nen er et­was ab­stüt­zen oder nach oben rei­chen muss, nicht mehr aus­füh­ren kann (Bd. I Bl. 121 d. A.).

dd) Die Berufung rügt al­ler­dings, das vom Landgericht zu­ge­bil­lig­te wei­te­re Schmerzensgeld von 8.000 € (Gesamtbetrag: 16.000 €) wer­de den schwe­ren, mit ver­blei­ben­den, den Kläger so­wohl im Beruf als auch in sei­nem Freizeitbereich er­heb­li­ch ein­schrän­ken­den Dauerfolgen ver­bun­de­nen Verletzungen des Klägers nicht ge­recht (Bd. II Bl. 227 d. A.). Selbst für deut­li­ch ge­rin­ge­re Verletzungen, als sie der Kläger er­lit­ten ha­be, sei­en in jün­ge­rer Zeit so­gar un­ter im­ma­te­ri­el­lem Vorbehalt Beträge von 25.000 € zu­ge­spro­chen wor­den. Im Gegensatz zu dem vom Landgericht her­an­ge­zo­ge­nen Fall des OLG Oldenburg sei der hie­si­ge Kläger so­wohl auf dem all­ge­mei­nen Arbeitsmarkt als auch in sei­ner Haushaltsführung mit zu­min­dest 25 bis 30 v. H. auf Dauer be­hin­dert und auch in sei­ner Freizeitausübung er­heb­li­ch ein­ge­schränkt (Bd. II Bl. 228 d. A.). Diese Berufungsangriffe ha­ben kei­nen Erfolg. Wie be­reits un­ter a) be­merkt wor­den ist, ver­bie­tet si­ch bei der Schmerzensgeldbemessung ei­ne sche­ma­ti­sche, zer­glie­dern­de Herangehensweise. Einzelne Verletzungen bzw. Verletzungsfolgen dür­fen nicht ge­son­dert be­wer­tet und die so er­mit­tel­ten Beträge ad­diert wer­den. Vielmehr ist die Schmerzensgeldhöhe in ei­ner wer­ten­den Gesamtschau al­ler Bemessungskriterien des kon­kre­ten Falls zu er­mit­teln, wo­bei die in ver­gleich­ba­ren Fällen zu­ge­spro­che­nen Schmerzensgelder ei­nen ge­wis­sen Anhaltspunkt bie­ten kön­nen, oh­ne je­doch zwin­gend zu ei­ner be­stimm­ten „rich­ti­gen” Schmerzensgeldhöhe zu füh­ren. Unbeschadet des­sen steht der vom Landgericht be­mes­se­ne Betrag, den auch der Senat für an­ge­mes­sen hält, mit dem Gefüge der Schmerzensgeldrechtsprechung im Einklang.

(1) Das vom Landgericht her­an­ge­zo­ge­ne Urteil des OLG Oldenburg vom 20.06.2008 (11 U 3/08, ZfSch 2009, 436 ff., bei Hacks/Wellner/Häcker, SchmerzensgeldBeträge 16. Aufl. lfd. Nr. 34.1088) be­traf ei­ne Frau, die Frakturen am rech­ten Daumen und am lin­ken Unterarm, mul­ti­ple Schnittverletzungen des rech­ten Unterschenkels und Knies er­litt und si­ch sechs sta­tio­nä­ren Krankenhausaufenthalten mit zum Teil schwe­ren Eingriffen zur Entnahme von Knochenmaterial aus dem Beckenkamm un­ter­zie­hen mus­s­te. Als Dauerschaden ver­blie­ben Bewegungseinschränkungen im lin­ken Handgelenk, ei­ne punkt­för­mi­ge Narbe am rech­ten Daumensattelgelenk und ei­ne Funktionsbeeinträchtigung des lin­ken Arms von 2/7. Beim Faustschluss der lin­ken Hand konn­ten der zwei­te und fünf­te Finger nicht voll­stän­dig ein­ge­schla­gen wer­den; bei der Geschädigten ver­blie­ben au­ßer­dem ei­ne 16 cm lan­ge Operationsnarbe am lin­ken Unterarm mit Narbenempfindlichkeit und ei­ne Funktionsbeeinträchtigung beim Abspreizen des rech­ten Daumens. Als be­son­de­rer Umstand wur­de be­rück­sich­tigt, dass die Geschädigte Linkshänderin war und kei­ne Sportarten mehr aus­übe konn­ten, bei de­nen die lin­ke Hand be­nö­tigt wird (Motorradfahren, Handballspielen, Rudern etc.). Das OLG Oldenburg er­ach­te­te ein Schmerzensgeld von 16.000 € für an­ge­mes­sen, so dass un­ter Berücksichtigung vor­ge­richt­li­ch ge­zahl­ter 8.000 € ein no­ch zu zah­len­der Betrag von wei­te­ren 8.000 € ver­blieb.

(2) Das OLG Zweibrücken hat in der Entscheidung vom 10.07.2013 (1 U 47/11, bei Hacks/Wellner/Häcker, SchmerzensgeldBeträge 16. Aufl. lfd. Nr. 34.1081) ei­nem jun­gen Mann, der ei­ne kom­pli­zier­te Fraktur des lin­ken Handgelenks durch ei­nen Motorrollerunfall (Scaphoidfraktur links, Fraktur des Os tri­que­trum links, Basisfraktur des zwei­ten Mittelhandknochens), ei­ne Schulterprellung links und Schürfwunden er­lit­ten hat, un­ter Berücksichtigung ei­nes im­ma­te­ri­el­len Vorbehalts ei­nen Betrag von 10.000 € zu­ge­spro­chen. In dem vom OLG Zweibrücken ent­schie­de­nen Fall fiel ins Gewicht, dass si­ch der Geschädigte über 5 Wochen ei­ner Gipsschienenbehandlung des lin­ken Handgelenks un­ter­zie­hen mus­s­te. Bei ei­ner Nachuntersuchung gab der dor­ti­ge Kläger no­ch „leich­te Druckschmerzen über dem lin­ken Handgelenk“ an. Während sei­ner Ausbildung zum Krankenpfleger tra­ten in­des­sen beim da­bei not­wen­di­gen Heben von Lasten im Bereich des lin­ken Handgelenkes Schmerzen auf. Daraufhin kam es zu ope­ra­ti­ven Eingriffen an die­sem Handgelenk. Die Ausbildung zu sei­nem Wunschberuf Krankenpfleger mus­s­te der dor­ti­ge Kläger in­fol­ge­des­sen ab­bre­chen und ei­ne Ausbildung zum Bürokaufmann be­gin­nen. Es ver­blie­ben Ruhe-, Bewegungs- und Belastungsschmerzen im lin­ken Handgelenk und ei­ne Gebrauchsbeeinträchtigung der lin­ken Hand bei post­trau­ma­ti­scher Arthrose mit ei­ner GdB von 20 v. H.

(3) Die in der Klageschrift (Bd. I Bl. 4 d. A.) an­ge­führ­te Entscheidung des LG München I vom 12.10.2000 (19 O 9859/00, bei Hacks/Wellner/Häcker, SchmerzensgeldBeträge 16. Aufl. lfd. Nr. 34.80 = lfd. Nr. 84 in der 32. Aufl) be­traf ei­nen 29-jährigen Werkzeugmacher, der ei­ne kom­plet­te Unterarmfraktur links, pe­ri­pher neu­ro­ge­ne Schädigungen im Nervus me­di­a­nus so­wie deut­li­che pe­ri­pher neu­ro­ge­ne Schädigungen des Nervus ra­dia­lis im Bereich von Unterarm und lin­ker Hand er­litt. Dort wa­ren fünf Krankenhausaufenthalte von ins­ge­samt 32 Tagen er­for­der­li­ch, und es ver­blieb als Dauerschaden ei­ne MdE von 10 v. H. Von be­son­de­rer Bedeutung war dort, dass in­fol­ge der Ulnaverkürzungsosteotomie ei­ne mä­ßi­ge Bewegungseinschränkung der Umwendbewegung am Unterarm so­wie der Handgelenksbewegung ver­blieb. Zugesprochen wur­de ein Schmerzensgeld in Höhe von 40.000 DM (ca. 20.000 €, in­de­xiert (2016) 24.959,00 €).

(4) Die von der Berufung ge­nann­te Entscheidung des LG München I (vom 06.03.2006 -19 O 12181/05, bei Hacks/Wellner/Häcker, SchmerzensgeldBeträge 16. Aufl. lfd. Nr. 34.85 = lfd. Nr. 90 in der 32. Aufl.) be­traf ei­ne Bürokauffrau, die ei­ne Radiusköpfchen-Mehrfragmentfraktur links er­litt und ei­ne Woche sta­tio­när be­han­delt wor­den ist. Als Dauerschaden ver­blieb ei­ne MdE von 30 v. H. Als be­son­de­re Umstände wa­ren für die Entscheidungen maß­ge­bend: Das Radiusköpfchen mus­s­te ope­ra­tiv ent­fernt wer­den. In der Folgezeit hat si­ch ei­ne Gelenksteife ent­wi­ckelt und es sind mehr­fach Operationen not­wen­dig ge­wor­den, wo­bei der Nervus ul­naris ver­la­gert wor­den ist. Auf or­tho­pä­di­schem Fachgebiet la­gen fol­gen­de Unfallfolgen vor: Bewegungseinschränkung am lin­ken Ellbogengelenk (Streckdefizit) so­wie Einschränkung der Unterarmdrehbewegung, glaub­haf­te sub­jek­ti­ve Beschwerden. Noch vor­han­de­ne ob­jek­ti­vier­ba­re neu­ro­lo­gi­sche Funktionsstörungen wa­ren: Eine Einschränkung der Bewegungsausmaße im lin­ken Ellbogengelenk mit deut­li­chem Streckdefizit und ei­ner Beeinträchtigung der Umdrehbeweglichkeit des Unterarmes (Supination), Narben im Bereich des Ellbogen links mit ver­la­ger­tem Nervus ul­naris, Reizzustand des Ellennerven links mit so­ge­nann­tem po­si­ti­vem Hoffmann-Tinel’schen Zeichen und elek­tro­n­eu­ro­gra­phi­sche und elek­tro­myo­gra­phi­sche Normabweichungen des Ellennerven links. Das LG München I er­kann­te ei­nen Betrag in Höhe von 40.000 € un­ter Berücksichtigung ei­nes im­ma­te­ri­el­len Vorbehalts zu (Indexanpassung (2016): 45.861 €).

(5) Die von der Berufung au­ßer­dem er­wähn­te Entscheidung des LG Osnabrück vom 07.03.2007 (3 O 2050/06, bei Hacks/Wellner/Häcker, SchmerzensgeldBeträge 16. Aufl. lfd. Nr. 34.83 = lfd. Nr. 88 in der 32. Aufl.) be­traf ei­ne Lehrerin, die ei­ne dis­ta­le Radiusfraktur rechts, Nasenbeinfraktur mit Risswunde, Schnittverletzungen an Nase, Lippe und im Bereich der Augen, leich­te Wunden am rech­ten Bein und an der rech­ten Hand, Prellungen des Brustkorbs, der rech­ten Schulter und bei­der Knie und ei­nen Schock er­litt. Vier sta­tio­nä­re Aufenthalte von ins­ge­samt 5 Wochen wa­ren eben­so er­for­der­li­ch wie ei­ne am­bu­lan­te phy­sio­the­ra­peu­ti­sche Behandlung über meh­re­re Monate. Die Verletzte war für ein hal­bes Jahr ar­beits­un­fä­hig, und es ver­blieb als Dauerschaden ei­ne MdE von 30 v. H. Als be­son­de­re Umstände wa­ren für die Entscheidung maß­geb­li­ch: ein in leich­ter Fehlstellung ver­heil­ter Speichenbruch rechts, Gelenkveränderungen am Handgelenk, deut­li­che Gebrauchseinschränkung des rech­ten Arms und der rech­ten Hand bei Morbus Sudeck mit dif­fu­ser Knochenentkalkung an der Hand und Handgelenk, kos­me­ti­sch stö­ren­de Deformierung der Nase und be­hin­der­te Nasenatmung mit der Notwendigkeit der Korrekturoperation. Zuerkannt wur­den un­ter Berücksichtigung ei­nes im­ma­te­ri­el­len Vorbehalts 30.000 € (in­de­xiert (2016): 33.746 €).

(6) Das von der Berufung (Bd. II Bl. 228 d. A.) wei­ter an­ge­führ­te Urteil des OLG Köln vom 25.05.2011 (I-5 U 174/08, VersR 2012, 239 f., bei Hacks/Wellner/Häcker, SchmerzensgeldBeträge 16. Aufl. lfd. Nr. 34.1089 = lfd. Nr. 1162 in der 33. Aufl) be­traf ei­nen Arzthaftungsfall, in dem si­ch der Verletzte nach ei­nem Sportunfall mit kom­ple­x­er, in­tra­ar­ti­ku­lä­rer dis­ta­ler Radiustrümmerfraktur am rech­ten Handgelenk, die zu­nächst in Rotationsfehlstellung mit kom­ple­x­er Instabilität ver­heil­te, be­han­deln ließ und ei­ne behandlungs- und auf­klä­rungs­feh­ler­haf­te Re-Operation miss­lang. Es er­folg­te ei­ne Behandlung über ei­nen Zeitraum von fünf Jahren mit zahl­rei­chen Folgeoperationen. Als Dauerschaden ver­blieb ei­ne le­bens­lan­ge Beeinträchtigung der un­ein­ge­schränk­ten Funktionsfähigkeit des rech­ten Handgelenks mit den ent­spre­chen­den Beeinträchtigungen so­wohl im Alltagsleben als auch bei sei­ner be­ruf­li­chen Tätigkeit und auch bei der Freizeitgestaltung. Für das un­ter Berücksichtigung ei­nes im­ma­te­ri­el­len Vorbehalts zu­ge­spro­che­ne Schmerzensgeld in Höhe von 25.000 € (in­de­xiert (2016): 26.300 €) wa­ren ver­blie­be­ne schmerz­haf­te Bewegungseinschränkungen des rech­ten Handgelenks maß­geb­li­ch, die über ei­nen Zeitraum von fünf Jahren zahl­rei­che Folgeoperationen nach si­ch zie­hen und zur Berufsunfähigkeit bei ei­nem Ingenieur füh­ren wür­den (kei­ne Möglichkeit, ei­ne Computertastatur zu be­die­nen). Andererseits war zu be­rück­sich­ti­gen, dass für die er­lit­te­nen und fort­be­stehen­den Beschwerden und Beeinträchtigungen auch das Unfallgeschehen an si­ch mit der schwer­wie­gen­den Trümmerfraktur ei­ne nicht un­er­heb­li­che Rolle spielt, was nicht den dor­ti­gen Beklagten an­zu­las­ten war.

(7) Die Analyse die­ser stets nur in ei­ni­gen Punkten ähn­li­chen Entscheidungen be­legt, dass der Betrag von 16.000 €, bei des­sen Bemessung si­ch das Landgericht auch an der un­ter (1) wie­der­ge­ge­be­nen Entscheidung des OLG Oldenburg ori­en­tiert hat, durch­aus mit ver­gleich­ba­ren oder ähn­li­chen Fällen zu ver­ein­ba­ren ist. Im Unterschied zur deut­li­ch nied­ri­gen Bemessung durch das OLG Zweibrücken in der Entscheidung vom 10.07.2013 (oben un­ter (2)) fällt beim Kläger die ge­rin­ge, mit Schmerzen ver­bun­de­ne Restbeweglichkeit des Handgelenks, die auf ei­ne schmerz­freie Versteifung in op­ti­ma­ler Position hin­aus­läuft, ins Gewicht. Hingegen wa­ren bei der Entscheidung des LG München I vom 12.10.2000 (oben un­ter (3)) ins­be­son­de­re deut­li­ch mehr (näm­li­ch fünf) Krankenhausaufenthalte er­for­der­li­ch. die Entscheidung des­sel­ben Gerichts vom 06.03.2006 (oben un­ter (4)) be­traf we­sent­li­ch gra­vie­ren­de­re Verletzungen bzw. Verletzungsfolgen, weil dort der ge­sam­te Unterarm be­trof­fen war. Entsprechendes gilt für die Entscheidung des LG Osnabrück vom 07.03.2007 (oben un­ter (5)). In dem Fall des LG Osnabrück er­litt der Geschädigte an­ders als hier auch ei­nen Schock, es wa­ren vier sta­tio­nä­re Krankenhausaufenthalte er­for­der­li­ch, die Arbeitsunfähigkeit er­streck­te si­ch über ei­ne (ge­ring­fü­gig) län­ge­re Zeit, die deut­li­che Gebrauchsbeeinträchtigung be­traf nicht nur die rech­te Hand (der an der lin­ken Hand ver­letz­te Kläger ist nach über­zeu­gen­der Feststellung des Gerichtssachverständigen Rechtshänder, Bd. I Bl. 142 d. A.), son­dern auch den rech­ten Arm, und es lag dort über­dies ei­ne kos­me­ti­sch stö­ren­de Deformation der Nase und ei­ne Behinderung der Nasenatmung vor, die ei­ne ope­ra­ti­ve Korrektur not­wen­dig wer­den lie­ßen. Schließlich ver­blieb im dor­ti­gen Fall ei­ne hö­he­re MdE von 30 v. H. In dem oh­ne­hin nur ein­ge­schränkt ver­gleich­ba­ren Arzthaftungsfall des OLG Köln (vor­ste­hend un­ter (6)) war ein we­sent­li­ches Kriterium für die Bemessung des Schmerzensgeldes mit 25.000 € die ver­blie­be­nen schmerz­haf­ten Bewegungseinschränkungen des rech­ten Handgelenks, die über ei­nen Zeitraum von fünf Jahren zahl­rei­che Folgeoperationen nach si­ch zie­hen und zur Berufsunfähigkeit bei ei­nem Ingenieur füh­ren (kei­ne Möglichkeit, ei­ne Computertastatur zu be­die­nen). Eine ver­gleich­ba­re Situation ist beim Kläger nicht ge­ge­ben. Insoweit ist zu be­rück­sich­ti­gen, dass der Kläger laut Sozial- und Berufsanamnese von Herrn Prof. Dr. med. St. R. in dem vor­ge­richt­li­chen Gutachten vom 19.12.2013 von Beruf Industriemeister ist und als Schichtmeister bei der Firma B. tä­tig ist. Seine Aufgaben be­zie­hen si­ch auf Planung, Mitarbeiterführung und Arbeitskontrolle und um­fas­sen kei­ne vor­nehm­li­ch hand­werk­li­che Tätigkeit (Bd. I Bl. 68 d. A.).

Über Alexander Gratz

Dipl. jur. Universität des Saarlandes

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