BGH zur Fahrlässigkeit beim Fahren nach zu­rück­lie­gen­dem Cannabiskonsum

H.D.Volz / pixelio.de
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Soeben hat der BGH in ei­ner Pressemitteilung auf ei­nen Beschluss hin­ge­wie­sen, in­dem er die strei­ti­ge Frage, wann das Führen ei­nes Fahrzeugs un­ter THC-Einfluss auf Grund vor­an­ge­gan­ge­nen, nicht in zeit­li­chem Zusammenhang mit dem Fahrzeugführen ste­hen­den Cannabiskonsums als fahr­läs­sig an­zu­se­hen ist, ent­schie­den hat. Der Leitsatz zur Entscheidung, die auf ei­ne Vorlage des OLG Oldenburg er­gan­gen ist, lau­tet: Der Tatrichter ist in Fällen, in de­nen die Fahrt mit dem Kraftfahrzeug nicht im zeit­li­chen Zusammenhang mit ei­nem vor­an­ge­gan­ge­nen Cannabiskonsum er­folgt, aus Rechtsgründen nicht ge­hin­dert, beim Fehlen ge­gen­läu­fi­ger Beweisanzeichen aus der Feststellung ei­ner den ana­ly­ti­schen Grenzwert er­rei­chen­den THC-Konzentration im Blut auf ein ob­jek­tiv und sub­jek­tiv sorg­falts­wid­ri­ges Verhalten im Sinne des § 24a Abs. 2 und 3 StVG zu schlie­ßen (BGH, Beschluss vom 14.02.2017 - 4 StR 422/15).

Der 4. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat nach Anhörung des Generalbundesanwalts und des Betroffenen am 14. Februar 2017 be­schlos­sen:

Der Tatrichter ist in Fällen, in de­nen die Fahrt mit dem Kraftfahrzeug nicht in zeit­li­chem Zusammenhang mit ei­nem vor­an­ge­gan­ge­nen Cannabiskonsum er­folgt, aus Rechtsgründen nicht ge­hin­dert, beim Fehlen ge­gen­läu­fi­ger Beweisanzeichen aus der Feststellung ei­ner den ana­ly­ti­schen Grenzwert er­rei­chen­den THC-Konzentration im Blut auf ein ob­jek­tiv und sub­jek­tiv sorg­falts­wid­ri­ges Verhalten im Sinne des § 24a Abs. 2 und 3 StVG zu schlie­ßen.

Gründe:

I.

Das Amtsgericht Lingen (Ems) hat den Betroffenen mit Urteil vom 27. März 2015 we­gen fahr­läs­si­gen Fahrens un­ter Einwirkung be­rau­schen­der Mittel zu der Geldbuße von 500 Euro ver­ur­teilt und ge­gen ihn un­ter Anwendung der Regelung des § 25 Abs. 2a StVG ein Fahrverbot von ei­nem Monat ver­hängt.

Nach den amts­ge­richt­li­chen Feststellungen be­fuhr der Betroffene am 20. Februar 2014 mit ei­nem Pkw ei­ne Straße in L. , wo­bei er ei­ne Konzentration des Wirkstoffes Tetrahydrocannabinol (THC) von 1,5 ng/ml im Blut auf­wies und in­fol­ge­des­sen un­ter der Wirkung von Cannabis stand. Zur sub­jek­ti­ven Tatseite ist das Landgericht, oh­ne si­ch auf wei­te­re Beweisanzeichen zu stüt­zen, al­lein auf­grund der fest­ge­stell­ten THC-Konzentration im Blut da­von aus­ge­gan­gen, dass der si­ch zum Tatvorwurf nicht äu­ßern­de Betroffene hin­sicht­li­ch der Cannabiswirkung zum Zeitpunkt der Fahrt fahr­läs­sig han­del­te.

Gegen das Urteil des Amtsgerichts Lingen (Ems) hat der Betroffene form- und frist­ge­recht Rechtsbeschwerde ein­ge­legt, mit der er die Rüge der Verletzung ma­te­ri­el­len Rechts er­hebt und u.a. gel­tend macht, die Annahme fahr­läs­si­gen Handelns durch das Amtsgericht sei nicht trag­fä­hig be­grün­det.

II.

Das Oberlandesgericht Oldenburg möch­te die Rechtsbeschwerde des Betroffenen ge­mäß § 79 Abs. 5 OWiG ver­wer­fen, sieht si­ch dar­an aber durch Entscheidungen der Oberlandesgerichte Celle vom 29. Dezember 2014 (Blutalkohol 52, 150), Karlsruhe – 1. Senat für Bußgeldsachen – vom 10. Mai 2013 (StV 2014, 622), Stuttgart vom 10. Februar 2011 (DAR 2011, 218) und Saarbrücken vom 29. November 2006 (NJW 2007, 309) ge­hin­dert. Es hat da­her mit Beschluss vom 4. August 2015 (VRS 129, 18) die Sache ge­mäß § 79 Abs. 3 Satz 1 OWiG i.V.m. § 121 Abs. 2 GVG dem Bundesgerichtshof zur Beantwortung fol­gen­der Rechtsfrage vor­ge­legt:

Ist auf ei­ne Sorgfaltspflichtverletzung und den sub­jek­ti­ven Sorgfaltsverstoß be­züg­li­ch des Fahrens un­ter Einwirkung be­rau­schen­der Mittel zu schlie­ßen, wenn der ana­ly­ti­sche Grenzwert von 1,0 ng/ml Tetrahydrocannabinol (THC) bei der Fahrt er­reicht ist, so­lan­ge nicht rea­le Anhaltspunkte vor­lie­gen, die den Rückschluss vom Überschreiten des ana­ly­ti­schen Grenzwertes auf ei­ne Sorgfaltspflichtverletzung und den sub­jek­ti­ven Sorgfaltsverstoß ent­kräf­ten, und das Tatgericht ver­an­las­sen müs­sen, si­ch mit der Möglichkeit ei­nes ab­wei­chen­den Tatverlaufs aus­ein­an­der­zu­set­zen?

Der Generalbundesanwalt ist der Rechtsauffassung des vor­le­gen­den Oberlandesgerichts bei­ge­tre­ten und be­an­tragt zu be­schlie­ßen:

Bei Überschreiten des ana­ly­ti­schen Grenzwertes von 1,0 ng/ml Tetrahydrocannabinol (THC) ist auf ei­ne Sorgfaltspflichtverletzung und den sub­jek­ti­ven Sorgfaltspflichtverstoß be­züg­li­ch des Fahrens un­ter Einwirkung be­rau­schen­der Mittel zu schlie­ßen, so­lan­ge nicht rea­le Anhaltspunkte vor­lie­gen, die den Rückschluss vom Überschreiten des ana­ly­ti­schen Grenzwertes auf ei­ne Sorgfaltspflichtverletzung und den sub­jek­ti­ven Sorgfaltsverstoß ent­kräf­ten und das Tatgericht ver­an­las­sen müs­sen, si­ch mit der Möglichkeit ei­nes an­de­ren Tatverlaufs aus­ein­an­der­zu­set­zen.

III.

Die Vorlage ist ge­mäß § 79 Abs. 3 Satz 1 OWiG i.V.m. § 121 Abs. 2 GVG zu­läs­sig. Sie be­trifft ins­be­son­de­re ei­ne Rechtsfrage.
1. Gegenstand der Divergenz zwi­schen dem vor­le­gen­den Oberlandesgericht Oldenburg und den Oberlandesgerichten Karlsruhe – 1. Senat für Bußgeldsachen –, Stuttgart und Saarbrücken ist die Frage, un­ter wel­chen Voraussetzungen der Tatrichter bei der Prüfung ei­ner Ordnungswidrigkeit nach § 24a Abs. 2 und 3 StVG aus der Feststellung ei­ner den ana­ly­ti­schen Grenzwert er­rei­chen­den THC-Konzentration im Blut auf ein ob­jek­tiv und sub­jek­tiv sorg­falts­wid­ri­ges Verhalten des Betroffenen be­züg­li­ch ei­ner fort­dau­ern­den Cannabiswirkung im Körper schlie­ßen darf.

Während das vor­le­gen­de Oberlandesgericht Oldenburg da­von aus­geht, dass al­lein die Feststellung ei­ner min­des­tens den ana­ly­ti­schen Grenzwert er­rei­chen­den THC-Konzentration im Blut den tatrich­ter­li­chen Schluss auf ein in­so­weit sorg­falts­wid­ri­ges Verhalten des Betroffenen tra­gen kann (eben­so OLG Celle, VRS 128, 297; KG, VRS 127, 244; HansOLG Bremen, DAR 2014, 588; OLG Koblenz, Blutalkohol 51, 351; OLG Frankfurt [Senat für Bußgeldsachen], NStZ-RR 2013, 47; vgl. auch OLG Hamm [3. Strafsenat], Blutalkohol 48, 288 zu Amphetamin; OLG Karlsruhe [2. Senat für Bußgeldsachen], DAR 2015, 401), ver­tre­ten die Oberlandesgerichte Karlsruhe – 1. Senat für Bußgeldsachen –, Stuttgart und Saarbrücken – letz­te­res tra­gend in dem Beschluss vom 16. März 2007 (NJW 2007, 1373) – die Auffassung, es kön­ne bei ei­ner „län­ge­re Zeit“ nach dem Cannabiskonsum un­ter­nom­me­nen Fahrt an der Erkennbarkeit der fort­dau­ern­den Cannabiswirkung für den Betroffenen feh­len, so dass aus ei­ner fest­ge­stell­ten THC-Konzentration im Blut, die den ana­ly­ti­schen Grenzwert er­reicht, nur bei Vorliegen wei­te­rer Beweisanzeichen auf ein im Sinne des § 24a Abs. 2 und 3 StVG fahr­läs­si­ges Verhalten des Betroffenen ge­fol­gert wer­den dür­fe (eben­so OLG Hamm [2. Senat für Bußgeldsachen], StraFo 2012, 287; OLG Karlsruhe [3. Senat für Bußgeldsachen], Blutalkohol 49, 108 und NZV 2011, 413; OLG Braunschweig, Blutalkohol 47, 298 – nicht tra­gend; OLG Zweibrücken, Blutalkohol 46, 99; OLG Frankfurt [3. Strafsenat], NStZ-RR 2007, 249; OLG Hamm [4. Senat für Bußgeldsachen], NZV 2005, 428).

Die Vorlegungsfrage be­trifft die recht­li­chen Grenzen der frei­en rich­ter­li­chen Beweiswürdigung nach § 71 Abs. 1 OWiG i.V.m. § 261 StPO, mit­hin ei­ne Rechtsfrage (vgl. BGH, Beschlüsse vom 29. August 1974 – 4 StR 171/74, BGHSt 25, 365, 366; vom 13. Januar 1970 – 4 StR 438/69, BGHSt 23, 213, 216; Quentin in Satzger/Schluckebier/Widmaier, StPO, 2. Aufl., § 121 GVG Rn. 16).

2. Das Oberlandesgericht Oldenburg kann nicht wie be­ab­sich­tigt ent­schei­den, oh­ne von den Entscheidungen der Oberlandesgerichte Karlsruhe – 1. Senat für Bußgeldsachen –, Stuttgart und Saarbrücken ab­zu­wei­chen. Das Oberlandesgericht Celle hat sei­ne ent­ge­gen­ste­hen­de Rechtsauffassung mit Beschluss vom 30. April 2015 (VRS 128, 297) auf­ge­ge­ben.

3. Die Vorlegungsfrage ist al­ler­dings zu weit ge­fasst. Denn in der ober­lan­des­ge­richt­li­chen Rechtsprechung be­steht – so­weit er­sicht­li­ch – Einigkeit dar­über, dass der­je­ni­ge fahr­läs­sig han­delt, der in zeit­li­cher Nähe zum Fahrtantritt Cannabis kon­su­miert hat und den­no­ch ein Kraftfahrzeug im Straßenverkehr führt, oh­ne si­ch be­wusst zu ma­chen, dass das Rauschmittel no­ch nicht un­ter den ana­ly­ti­schen Grenzwert von 1,0 ng/ml ab­ge­baut ist. In die­sen Fällen wird der tatrich­ter­li­che Schluss von der fest­ge­stell­ten THC-Konzentration im Blut auf ein in­so­weit fahr­läs­si­ges Verhalten über­ein­stim­mend für zu­läs­sig ge­hal­ten. Die für die Vorlegungssache ent­schei­dungs­er­heb­li­che Divergenz be­trifft aus­schließ­li­ch die Fälle, in de­nen das Führen des Kraftfahrzeugs nicht im zeit­li­chen Zusammenhang mit ei­nem vor­an­ge­gan­ge­nen Cannabiskonsum er­folgt. Darüber hin­aus be­darf die Vorlegungsfrage ei­ner Präzisierung, weil aus tat­säch­li­chen Umständen un­mit­tel­bar nur auf Tatsachen nicht auf ei­ne recht­li­che Bewertung ge­schlos­sen wer­den kann.

Der Senat fasst die Vorlegungsfrage da­her wie folgt:

Ist der Tatrichter in Fällen, in de­nen die Fahrt mit dem Kraftfahrzeug nicht im zeit­li­chen Zusammenhang mit ei­nem vor­an­ge­gan­ge­nen Cannabiskonsum er­folgt, aus Rechtsgründen ge­hin­dert, beim Fehlen ge­gen­läu­fi­ger Beweisanzeichen aus der Feststellung ei­ner den ana­ly­ti­schen Grenzwert er­rei­chen­den THC-Konzentration im Blut auf ein ob­jek­tiv und sub­jek­tiv sorg­falts­wid­ri­ges Verhalten im Sinne des § 24a Abs. 2 und 3 StVG zu schlie­ßen?

IV.

Der Senat be­ant­wor­tet die Vorlegungsfrage wie aus dem Tenor er­sicht­li­ch.

Ein Kraftfahrer ist nach vor­an­ge­gan­ge­nem be­wuss­ten Konsum von Cannabis ver­pflich­tet, vor Antritt der Fahrt durch ge­hö­ri­ge Selbstprüfung – so­weit er­for­der­li­ch – nach Einholung fach­kun­di­gen Rats und not­falls, so­fern ei­ne ein­deu­ti­ge Beurteilungsgrundlage nicht zu er­lan­gen ist, durch Abstandnahme von der Fahrt si­cher­zu­stel­len, dass er nicht un­ter der Wirkung ei­ner den ana­ly­ti­schen Grenzwert zu­min­dest er­rei­chen­den THC-Konzentration im Blut ein Kraftfahrzeug im Straßenverkehr führt (1.). Der Tatrichter ist aus Rechtsgründen nicht ge­hin­dert, beim Fehlen ge­gen­läu­fi­ger Beweisanzeichen al­lein aus der Feststellung ei­ner ent­spre­chen­den THC-Konzentration im Blut auf ein ob­jek­tiv und sub­jek­tiv sorg­falts­wid­ri­ges Verhalten im Sinne des § 24a Abs. 2 und 3 StVG zu schlie­ßen (2.).

1. a) Nach § 24a Abs. 2 und 3 StVG in Verbindung mit der Anlage zu die­ser Vorschrift han­delt un­ter an­de­rem ord­nungs­wid­rig, wer un­ter der Wirkung von Cannabis im Straßenverkehr ein Kraftfahrzeug führt, wo­bei ge­mäß § 24a Abs. 2 Satz 2 StVG ei­ne sol­che Wirkung vor­liegt, wenn im Blut des Fahrers ei­ne min­des­tens den ana­ly­ti­schen Grenzwert er­rei­chen­de Konzentration des Wirkstoffs Tetrahydrocannabinol nach­ge­wie­sen wird. Der Fahrlässigkeitsvorwurf des § 24a Abs. 3 StVG be­zieht si­ch auf die Wirkung des Cannabis im Zeitpunkt der Fahrt. Hierfür ist nicht er­for­der­li­ch, dass der Betroffene spür­ba­re Auswirkungen des kon­su­mier­ten Cannabis wahr­neh­men kann oder zu ei­ner nä­he­ren phy­sio­lo­gi­schen oder bio­che­mi­schen Einordnung der Wirkungen von Cannabis in der Lage ist (vgl. König in Hentschel/König/Dauer, Straßenverkehrsrecht, 44. Aufl., § 24a StVG Rn. 25b mwN). Es reicht viel­mehr aus, dass der Betroffene bei der ihm mög­li­chen Beachtung der ge­bo­te­nen Sorgfalt zu der Erkenntnis ge­lan­gen kann, un­ter der Wirkung ei­ner zu­min­dest den ana­ly­ti­schen Grenzwert er­rei­chen­den THC-Konzentration im Blut zu ste­hen.

b) Fahrlässiges Handeln im Sinne des § 10 OWiG setzt vor­aus, dass der Betroffene die Sorgfalt au­ßer Acht lässt, zu der er nach den Umständen und sei­nen per­sön­li­chen Fähigkeiten ver­pflich­tet und im Stande ist, und des­halb ent­we­der die Verwirklichung des Tatbestands nicht er­kennt oder die Möglichkeit ei­ner Tatbestandsverwirklichung zwar rea­li­siert, aber auf ihr Ausbleiben ver­traut. Erforderlich ist ein ob­jek­ti­ver Pflichtverstoß, der in sub­jek­ti­ver Hinsicht dem Betroffenen nach sei­nen per­sön­li­chen Kenntnissen und Fähigkeiten zum Vorwurf ge­reicht (vgl. Rengier in KK-OWiG, 4. Aufl., § 10 Rn. 18, 40 mwN).

aa) Mit Blick auf die viel­fäl­ti­gen Gefahren, die aus dem Führen ei­nes Kraftfahrzeugs im Straßenverkehr für Rechtsgüter an­de­rer Verkehrsteilnehmer er­wach­sen kön­nen, er­ge­ben si­ch für ei­nen Kraftfahrzeugführer stren­ge Sorgfaltspflichten, die auch das Verhalten vor Antritt der Fahrt be­tref­fen (vgl. BGH, Urteile vom 17. November 1994 – 4 StR 441/94, BGHSt 40, 341, 343; vom 20. Oktober 1987 – VI ZR 280/86, VRS 74, 83, 84 ff. mwN; BayObLGSt 1996, 5). Nach den Regelungen in § 2 Abs. 1 FeV und § 31 Abs. 1 StVZO hat der Führer ei­nes Kraftfahrzeugs vor Antritt der Fahrt für sei­ne kör­per­li­che und geis­ti­ge Leistungsfähigkeit um­fas­send Sorge zu tra­gen. Er muss si­ch, be­vor er ein Kraftfahrzeug führt, stets durch sorg­fäl­ti­ge kri­ti­sche Selbstbeobachtung ver­ge­wis­sern, ob er nach sei­nen kör­per­li­chen und geis­ti­gen Fähigkeiten über­haupt in der Lage ist, den Erfordernissen des Straßenverkehrs zu ge­nü­gen (vgl. BGH, Urteil vom 20. Oktober 1987 – VI ZR 280/86, aaO mwN). Bei der Einnahme von Medikamenten ist er nach den in der Rechtsprechung ent­wi­ckel­ten Grundsätzen ver­pflich­tet, si­ch über mög­li­che Auswirkungen des Medikaments auf sei­ne Fahrtüchtigkeit zu in­for­mie­ren (vgl. OLG Köln, VRS 32, 349, 350 f.; OLG Braunschweig, DAR 1964, 170 f.; König in LK-StGB, 12. Aufl., § 316 Rn. 208, 219, 223 mwN).

bb) Vergleichbare Sorgfaltsanforderungen gel­ten im Rahmen der Vorschrift des § 24a Abs. 2 und 3 StVG, die vom Gesetzgeber als abs­trak­ter Gefährdungstatbestand aus­ge­stal­tet wor­den ist (vgl. Entwurf der Bundesregierung für ein Gesetz zur Änderung des Straßenverkehrsgesetzes, BT-Drucks. 13/3764, S. 6) und den Schutz wich­ti­ger Rechtsgüter wie Leben, Gesundheit und Eigentum der Verkehrsteilnehmer be­zweckt (vgl. BVerfG, DAR 2005, 70, 72). Ein Kraftfahrer, der weiß, dass er Cannabis kon­su­miert hat und dem die nä­he­ren Umstände sei­nes Konsums be­kannt sind, hat Anlass, si­ch vor Fahrtantritt mit der Möglichkeit ei­ner fort­dau­ern­den Cannabiswirkung aus­ein­an­der­zu­set­zen. Er ist da­her ver­pflich­tet, durch ge­hö­ri­ge Selbstprüfung und ge­ge­be­nen­falls durch Einholung fach­kun­di­gen Rats si­cher­zu­stel­len, dass er nicht un­ter der Wirkung ei­ner den ana­ly­ti­schen Grenzwert min­des­tens er­rei­chen­den THC-Konzentration im Blut ein Kraftfahrzeug im Straßenverkehr führt. Kann er et­wa we­gen der von den in­di­vi­du­el­len Konsumgewohnheiten ab­hän­gen­den Unwägbarkeiten beim Abbau von THC (vgl. KG, VRS 127, 244, 251 mwN) dies­be­züg­li­ch kei­ne Gewissheit er­lan­gen, ist er ge­hal­ten, von der Fahrt Abstand zu neh­men (vgl. König, NStZ 2009, 425, 427).

cc) Diesen an ei­nen vor­an­ge­gan­ge­nen be­wuss­ten Cannabiskonsum an­knüp­fen­den Sorgfaltsanforderungen kann ein Kraftfahrzeugführer nach sei­nen per­sön­li­chen Fähigkeiten und Kenntnissen in al­ler Regel oh­ne wei­te­res nach­kom­men, so dass bei ei­ner Pflichtverletzung – von be­son­de­ren Ausnahmekonstellationen ab­ge­se­hen – auch ein sub­jek­tiv vor­werf­ba­res Verhalten ge­ge­ben ist.

2. Die Entscheidung, ob dem Führen ei­nes Kraftfahrzeugs un­ter der Wirkung von Cannabis ein im dar­ge­leg­ten Sinne ob­jek­tiv und sub­jek­tiv sorg­falts­wid­ri­ges Verhalten zu­grun­de liegt, hat der Tatrichter ge­mäß § 71 Abs. 1 OWiG i.V.m. § 261 StPO nach dem aus dem Inbegriff der Hauptverhandlung ge­won­ne­nen Beweisergebnis in frei­er rich­ter­li­cher Beweiswürdigung zu tref­fen. Die rich­ter­li­che Überzeugung be­darf ei­ner trag­fä­hi­gen, ver­stan­des­mä­ßig ein­seh­ba­ren Tatsachengrundlage, die aus ra­tio­na­len Gründen den Schluss er­laubt, dass das fest­ge­stell­te Geschehen mit der Wirklichkeit über­ein­stimmt (vgl. BGH, Urteil vom 27. Januar 2011 – 4 StR 487/10 Rn. 9 mwN, in­so­weit in NStZ-RR 2011, 275 nicht ab­ge­druckt; Beschluss vom 24. Juni 1982 – 4 StR 183/82, NStZ 1982, 478; vgl. auch BVerfG, NJW 2008, 3346, 3347 f.; Sander in Löwe/Rosenberg, StPO, 26. Aufl., § 261 Rn. 42). Die auf ei­ner sol­chen Tatsachengrundlage ge­zo­ge­nen Schlussfolgerungen des Tatrichters brau­chen nicht zwin­gend zu sein, es ge­nügt, dass sie mög­li­ch sind. An Beweisregeln ist der Tatrichter nicht ge­bun­den (st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschluss vom 7. Juni 1979 – 4 StR 441/78, BGHSt 29, 18, 20; Urteil vom 9. April 2015 – 4 StR 401/14, NStZ 2015, 464, 465). Sachverhaltsvarianten, für die das aus dem Inbegriff der Hauptverhandlung ge­schöpf­te Beweisergebnis kei­ne zu­rei­chen­den tat­säch­li­chen Anhaltspunkte er­bracht hat, sind für die tatrich­ter­li­che Entscheidung oh­ne Belang (st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urteile vom 9. April 2015 – 4 StR 401/14, aaO; vom 12. Februar 2015 – 4 StR 420/14, NStZ-RR 2015, 148 mwN).

Nach die­sen all­ge­mein für die rich­ter­li­che Überzeugungsbildung nach § 71 Abs. 1 OWiG i.V.m. § 261 StPO gel­ten­den Grundsätzen ist es dem Tatrichter aus Rechtsgründen nicht ver­wehrt, beim Fehlen ge­gen­läu­fi­ger Beweisanzeichen al­lein aus der Feststellung ei­ner den ana­ly­ti­schen Grenzwert min­des­tens er­rei­chen­den THC-Konzentration im Blut des Betroffenen auf ein im Sinne des § 24a Abs. 2 und 3 StVG ob­jek­tiv und sub­jek­tiv sorg­falts­wid­ri­ges Verhalten zu schlie­ßen. Ohne hier­für spre­chen­de kon­kre­te tat­säch­li­che Anhaltspunkte be­steht für den Tatrichter kei­ne Veranlassung, et­wa ei­ne nur un­be­wuss­te Cannabisaufnahme zu un­ter­stel­len oder da­von aus­zu­ge­hen, dass der Betroffene sei­nen Selbstprüfungs- und Erkundigungspflichten ord­nungs­ge­mäß nach­ge­kom­men ist.

Über Alexander Gratz

Dipl. jur. Universität des Saarlandes

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