OLG Saarbrücken zur Verfahrensrüge bei nicht ge­währ­ter Einsicht in Beweisvideo

Berthold Werner, Wikimedia Commons

Berthold Werner, Wikimedia Commons

Bei dem hier Betroffenen hat of­fen­bar ei­ne Geschwindigkeitsmessung mit Videodokumentation statt­ge­fun­den. Die Verteidigung be­an­stan­det, dass ihr das Beweisvideo nicht zur Verfügung ge­stellt und da­durch das recht­li­che Gehör des Betroffenen ver­letzt wor­den sei. Die Verfahrensrüge - und da­mit auch der Antrag auf Zulassung der Rechtsbeschwerde ins­ge­samt, da kei­ne Sachrüge er­ho­ben wur­de - wur­de als un­zu­läs­sig er­ach­tet: Es wur­de von der Verteidigung le­dig­lich aus­ge­führt, dass das Gericht sei­ne Überzeugung auf ei­ne Videoaufnahme ge­stützt ha­be, wel­che der Verteidigung nicht vor­ge­le­gen ha­be. Ob die Aufnahme in der Verhandlung in Augenschein ge­nom­men wur­de, Verteidigung und/oder Betroffener hier­bei an­we­send wa­ren und die­sen die Möglichkeit ge­ge­ben wur­de, sich zur Videoaufnahme zu äu­ßern, blieb of­fen. Die Beanstandung, dass die Aufnahmen vor der Verhandlung nicht hät­ten über­prüft wer­den konn­ten, hät­te nur Erfolg ha­ben kön­nen bei Mitteilung, wes­halb ei­ne Überprüfung in der Verhandlung nicht aus­rei­chen soll. Zudem hät­te auch an­ge­ge­ben wer­den müs­sen, was bei ord­nungs­ge­mä­ßer Gewährung recht­li­chen Gehörs vor­ge­bracht wor­den wä­re (OLG Saarbrücken, Beschuss vom 01.02.2017 - Ss RS 2/2017 (4/17 OWi)).

Der Antrag des Betroffenen auf Zulassung der Rechtsbeschwerde ge­gen das Urteil des Amtsgerichts Saarbrücken vom 25. Oktober 2016 wird kos­ten­pflich­tig als un­zu­läs­sig

v e r w o r f e n.

G r ü n d e :

I.

Das Amtsgericht hat ge­gen den Betroffenen we­gen fahr­läs­si­ger Überschreitung der zu­läs­si­gen Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h um 27 km/h ei­ne Geldbuße in Höhe von 80,-- € fest­ge­setzt.

Gegen das in der Hauptverhandlung vom 25. Oktober 2016 ver­kün­de­te Urteil hat der Betroffene mit am 2. November 2016 beim Amtsgericht ein­ge­gan­ge­nem Schriftsatz sei­ner Verteidigerin vom sel­ben Tag die Zulassung der Rechtsbeschwerde be­an­tragt und die­sen Antrag so­wie die Rechtsbeschwerde nach am 11. November 2016 er­folg­ter Zustellung des Urteils an die Verteidigerin mit am 1. Dezember 2016 beim Amtsgericht vor­ab per Telefax ein­ge­gan­ge­nem Schriftsatz der Verteidigerin vom sel­ben Tag mit der Rüge der Verletzung recht­li­chen Gehörs, die er zu­gleich als Zulassungsgrund (§ 80 Abs. 1 Nr. 2 OWiG) an­gibt, be­grün­det.

Die Generalstaatsanwaltschaft hat be­an­tragt, den Antrag auf Zulassung der Rechtsbeschwerde als un­zu­läs­sig zu ver­wer­fen.

II.

Der Antrag auf Zulassung der Rechtsbeschwerde ist un­zu­läs­sig.

1. Zwar ist der Antrag statt­haft so­wie frist­ge­recht bei dem Gericht, des­sen Urteil an­ge­foch­ten wird, ein­ge­legt wor­den (§ 80 Abs. 3 Satz 1, Satz 2, § 79 Abs. 3 Satz 1 OWiG, § 341 Abs. 1 StPO). Auch sind hin­sicht­lich der Begründung der Rechtsbeschwerde die nach § 80 Abs. 3 Satz 3 OWiG zu be­ach­ten­den Frist- und Formerfordernisse des § 345 StPO ge­wahrt. Ferner ist das Fehlen ei­nes aus­drück­li­chen Rechtsbeschwerdeantrags (§ 344 Abs. 1 StPO i. V. mit § 80 Abs. 3 Satz 3 OWiG) un­schäd­lich. Denn das Ziel der Rechtsbeschwerde – näm­lich die Aufhebung des an­ge­foch­te­nen Urteils ins­ge­samt und die Zurückverweisung der Sache an das Amtsgericht – geht aus der Begründungsschrift und dem bis­he­ri­gen Verfahrensablauf ein­deu­tig her­vor (vgl. Göhler/Seitz, OWiG, 16. Aufl., § 79 Rn. 27a; Meyer-Goßner/Schmitt, StPO, 59. Aufl., § 344 Rn. 2; Senatsbeschlüsse vom 12. Mai 2014 - Ss (Z) 213/2014 (28/14 OWi) -, vom 22. September 2014 - Ss (Z) 222/2014 (52/14 OWi) - und vom 22. Juni 2015 - Ss RS 8/2015 (16/15 OWi) -).

2. Die Rechtsbeschwerde ist je­doch ent­ge­gen § 80 Abs. 3 Satz 3 OWiG nicht in der nach § 344 Abs. 2 StPO vor­ge­schrie­be­nen Form be­grün­det wor­den, was be­reits zur Unzulässigkeit des Zulassungsantrags führt (stän­di­ge Rechtsprechung des Senats, vgl. nur Senatsbeschluss vom 22. Juni 2015 - Ss RS 8/2015 (16/15 OWi) - m. w. N.; Göhler/Seitz, a. a. O., § 80 Rn. 31 f.). Denn die Begründung der aus­schließ­lich er­ho­be­nen Verfahrensrüge der Verletzung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör ent­spricht nicht den Anforderungen des § 344 Abs. 2 Satz 2 StPO.

a) Die Verletzung des recht­li­chen Gehörs muss mit der Verfahrensrüge gel­tend ge­macht wer­den (stän­di­ge Rspr. des Senats, z.B. Beschlüsse vom 6. April 2010 - Ss (Z) 218/2010 [50/10] -, 1. August 2012 - Ss (Z) 229/2012 [53/12 OWi] -, 10. Juli 2013 - Ss (Z) 229/2013 [63/13 OWi] -, 2. Mai 2014 - Ss (Z) 209/2014 [27/14 OWi] -, 12. Mai 2014 - Ss (Z) 213/2014 [28/14 OWi] -, 8. Oktober 2014 - Ss (Z) 225/2014 [56/14 OWi] -, 27. Mai 2015 - Ss RS 5/2015 [14/15 OWi] -, 22. Juni 2015 - Ss Rs 8/2015 [16/15] -, 23. Juli 2015 - Ss RS 9/2015 [26/15 OWi] -, 10. Februar 2016 - Ss RS 4/2016 [6/16 OWi)] - und vom 15. Juli 2016 - Ss RS 13/2016 [18/16 OWi] -; Göhler/Seitz, a. a. O., § 80 Rn. 16 a, 16 i; KK-Senge, OWiG, 4. Aufl., § 80 Rn. 42), die – was be­reits im Zulassungsverfahren zu prü­fen ist – zu­läs­sig in der Form des § 344 Abs. 2 Satz 2 StPO (§ 80 Abs. 3 Satz 3 OWiG) an­zu­brin­gen ist (vgl. vor­ge­nann­te Senatsbeschlüsse). Danach hat der Beschwerdeführer die die Versagung des recht­li­chen Gehörs be­grün­den­den Tatsachen so hin­rei­chend ge­nau zu be­zeich­nen und voll­stän­dig an­zu­ge­ben so­wie be­stimmt zu be­haup­ten, dass das Rechtsbeschwerdegericht – oh­ne Rückgriff auf die Akten – schon an­hand der Rechtfertigungsschrift prü­fen kann, ob das recht­li­che Gehör ver­letzt ist, falls die be­haup­te­ten Tatsachen zu­tref­fen (vgl. Göhler/Seitz, a. a. O., § 80 Rn. 16 i, § 79 Rn. 27 d; KK-Senge, a. a. O., § 80 Rn. 41 b, 42; st. Rspr. des Senats, vgl. nur Beschlüsse vom 5. Dezember 2011 - Ss (Z) 240/2011 [139/11] -, 1. August 2012 - Ss (Z) 229/2012 [53/12 OWi] -, 12. Mai 2014 - Ss (Z) 213/2014 [28/14 OWi] -, 8. Oktober 2014 - Ss (Z) 225/2014 [56/14 OWi] -, 27. Mai 2015 - Ss RS 5/2015 [14/15 OWi] -, 22. Juni 2015 - Ss Rs 8/2015 [16/15] -, 23. Juli 2015 - Ss RS 9/2015 [26/15 OWi] -, 10. Februar 2016 - Ss RS 4/2016 [6/16 OWi] - und vom 15. Juli 2016 - Ss RS 13/2016 [18/16 OWi] -).

b) Diesen Anforderungen ge­nügt die Rechtsbeschwerdebegründung im vor­lie­gen­den Fall schon des­halb nicht, weil es an ei­ner voll­stän­di­gen Mitteilung der Tatsachen, die den Verstoß ge­gen das Recht auf recht­li­ches Gehör be­grün­den sol­len, fehlt. Die Rüge wird da­mit be­grün­det, das Amtsgericht ha­be sei­ne Überzeugung von der Geschwindigkeitsüberschreitung auch auf ei­ne in Augenschein ge­nom­me­ne Videoaufnahme ge­stützt, oh­ne die­se der Verteidigerin vor der Hauptverhandlung zur Verfügung ge­stellt zu ha­ben. Es wird in­des nicht mit­ge­teilt, ob die Videoaufnahme in der Hauptverhandlung über­haupt in Augenschein ge­nom­men wur­de – aus dem Vortrag, die „Videoaufnahmen“ sei­en „in der Hauptverhandlung vor­han­den“ ge­we­sen, er­gibt sich dies nicht zwei­fels­frei –, ob der Betroffene und sei­ne Verteidigerin hier­bei an­we­send wa­ren und ob dem Betroffenen und sei­ner Verteidigerin die Möglichkeit ein­ge­räumt wur­de, sich zu dem Inhalt der Videoaufnahme zu äu­ßern. Auch un­ter Heranziehung des wei­te­ren Vorbringens in der Begründungsschrift, dem Betroffenen und sei­ner Verteidigerin sei die Möglichkeit ge­nom­men wor­den, „die Videoaufnahmen“ vor der Hauptverhandlung zu über­prü­fen, wird der Senat nicht in die Lage ver­setzt zu prü­fen, ob das recht­li­che Gehör ver­letzt ist, wenn die be­haup­te­ten Tatsachen zu­tref­fen. Das gilt um­so mehr, als nicht mit­ge­teilt wird, wes­halb ei­ne sol­che Überprüfung nicht auch in der Hauptverhandlung hät­te er­fol­gen kön­nen.

c) Zudem muss die Verfahrensrüge auch er­ge­ben, dass das Urteil auf dem Verstoß be­ru­hen kann (vgl. Senatsbeschlüsse vom 26. September 2013 - Ss (Z) 233/2013 [74/13 OWi] -, 25. Oktober 2013 - Ss (Z) 238/2013 [80/13 OWi] -, 12. Mai 2014 - Ss (Z) 213/2014 [28/14 OWi] -, 22. Juni 2015 - Ss Rs 8/2015 [16/15] -, 23. Juli 2015 - Ss RS 9/2015 [26/15 OWi] -, 10. Februar 2016 - Ss RS 4/2016 [6/16 OWi] - und vom 15. Juli 2016 - Ss RS 13/2016 [18/16 OWi] -). Zu ei­ner ord­nungs­ge­mäß aus­ge­führ­ten Rüge der Versagung des Anspruchs auf Gewährung recht­li­chen Gehörs ge­hört da­her – da­mit das Rechtsbeschwerdegericht über­haupt prü­fen kann, ob das Urteil auf dem Verstoß be­ruht – auch die kon­kre­te Darlegung, was der Betroffene vor­ge­bracht und wie er sich ver­hal­ten hät­te, wenn ihm recht­li­ches Gehör ge­währt wor­den wä­re (vgl. Senatsbeschlüsse vom 12 Mai 2014 - Ss (Z) 213/2014 [28/14 OWi] - m. w. N., 22. Juni 2015 - Ss Rs 8/2015 [16/15] -, 23. Juli 2015 - Ss RS 9/2015 [26/15 OWi] - und vom 15. Juli 2016 - Ss RS 13/2016 [18/16 OWi] -; Thüringer OLG VRS 106, 273 und VRS 107, 289 ff. – Rn. 10 nach ju­ris; KK OWiG-Senge, a. a. O., § 80 Rn. 40c; Rebmann/Roth/Herrmann, a. a. O., § 80 Rn. 8a; Göhler/Seitz, a. a. O., § 80 Rn. 16c). Auch dar­an fehlt es hier. Der all­ge­mei­ne Hinweis auf die „Möglichkeit“ der Überprüfung der Videoaufnahme, wenn die­se dem Betroffenen und sei­ner Verteidigerin vor der Hauptverhandlung zur Verfügung ge­stellt wor­den wä­re, reicht nicht aus (vgl. Thüringer OLG VRS 107, 289 ff. – ju­ris Rn. 10 ff.).

Der Antrag auf Zulassung der Rechtsbeschwerde war da­her mit der Kostenfolge aus §§ 46 Abs. 1 OWiG, 473 Abs. 1 S. 1 StPO als un­zu­läs­sig zu ver­wer­fen.

Über Alexander Gratz

Dipl. jur. Universität des Saarlandes

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*