AG München zum Wert von Zeugenaussagen im Zivilprozess

Anbei ein et­was äl­te­res Urteil vom AG München (11.11.1986, Az. 28 C 3374/86; NJW 1987, 1425) zu Würdigung (vgl. § 286 ZPO) ei­ner Zeugenaussage in ei­nem Zivilprozess, in dem es um ei­nen Verkehrsunfall ging. Der Kläger ver­lang­te nach ei­ner Kollision Schadensersatz:

Das Gericht war in sei­ner bis­he­ri­gen Praxis schon mit ca. 2000 Straßenverkehrsunfällen be­schäf­tigt und hat es no­ch nie­mals er­lebt, daß je­mals ei­ner der be­tei­lig­ten Fahrer schuld ge­we­sen wä­re. Es war viel­mehr im­mer so, daß je­weils na­tür­li­ch der an­de­re schuld ge­we­sen ist. Bekanntlich sind Autofahrer ein Menschenschlag, dem Fehler grund­sätz­li­ch nie pas­sie­ren, und wenn tat­säch­li­ch ein­mal ein Fehler pas­siert, dann war man es na­tür­li­ch nicht selbst, son­dern es war grund­sätz­li­ch der an­de­re.

Das Gericht hat auch no­ch nie er­lebt, daß je­mals ein Fahrer, der als Zeuge oder Partei ver­nom­men wur­de, ei­ge­nes Fehlverhalten ein­ge­räumt oder zu­ge­stan­den hät­te. Wenn dies ein­mal tat­säch­li­ch pas­sie­ren soll­te, dann müß­te man schlicht und ein­fach von ei­nem Wunder spre­chen. Wunder kom­men aber in der Regel nur in Lourdes vor, wenn bei­spiels­wei­se ein Blinder wie­der se­hen kann oder ein Lahmer wie­der ge­hen kann, oder aber in Fatima, wenn si­ch wäh­rend der Papstmesse ei­ne wei­ße Taube auf den Kopf des Papstes setzt, und so­gar in den dor­ti­gen Gegenden sind Wunder ziem­li­ch sel­ten, in deut­schen Gerichtssälen pas­sie­ren sie so gut wie nie, am al­ler­we­nigs­ten in den Sitzungssälen des AG München. Jedenfalls ist in Justiz- und Anwaltskreisen nichts da­von be­kannt, daß in der Pacellistr. 2 in München schon je­mals ein Wunder ge­sche­hen wä­re. Möglicherweise liegt das dar­an, daß der lie­be Gott, wenn er si­ch zum Wirken ei­nes Wunders ent­schließt, gleich Nägel mit Köpfen macht und si­ch nicht mit ei­nem ba­na­len Verkehrsunfall be­schäf­tigt. Vielleicht liegt aber die Tatsache, daß trotz der Unfehlbarkeit al­ler Autofahrer gleich­wohl so vie­le Verkehrsunfälle pas­sie­ren, schlicht und ein­fach dar­an, daß un­se­re Gesetze so schlecht sind. Dies hin­wie­der­um wä­re al­ler­dings kein Wunder.

Aus dem vor­ste­hend Gesagten ver­mag nun der un­be­fan­ge­ne Leser des Urteils schon un­schwer zu er­ken­nen, was die Zeugenaussage ei­nes Fahrers ei­nes un­fall­be­tei­lig­ten Fahrzeuges vor Gericht wert ist: näm­li­ch gar nichts.

Bitte nicht all­zu ern­st neh­men...

Über Alexander Gratz

Dipl. jur. Universität des Saarlandes

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