BGH zur Verweisung des Unfallgeschädigten auf ei­ne güns­ti­ge­re “freie” Fachwerkstatt

Tim Reckmann  / pixelio.de
Tim Reckmann / pixelio.de

Unter be­stimm­ten Voraussetzungen kann ein Geschädigte nach ei­nem Verkehrsunfall, wenn sein Sachverständiger die Stundenverrechnungssätze ei­ner mar­ken­ge­bun­de­nen Fachwerkstatt dem Gutachten zu­grun­de ge­legt hat, durch den Schädiger auf ei­ne güns­ti­ge­re Reparaturmöglichkeit in ei­ner frei­en Fachwerkstatt ver­wie­sen wer­den. In die­sem Fall, über den der BGH zu ent­schei­den hat­te, hat­te der be­klag­te Haftpflichtversicherer dem Kläger, der sei­nen Schaden fik­tiv ab­rech­ne­te, drei nicht mar­ken­ge­bun­de­ne Fachwerkstätten mit nied­ri­ge­ren Stundenverrechnungssätzen be­nannt. Eine die­ser Werkstätten war vom Kläger 130 km ent­fernt, wo­bei der Kläger die Kosten des Transports nicht zu tra­gen ge­habt hät­te. Dennoch hielt der BGH die Auffassung der Vorinstanz, die Inanspruchnahme die­ser Werkstatt sei, u. a. we­gen des Transportrisikos, dem Kläger un­zu­mut­bar, für ver­tret­bar. Die bei­den an­de­ren Werkstätten un­ter­hiel­ten mit dem be­klag­ten Haftpflichtversicherer ver­trag­li­che Beziehungen. Soweit die­se Werkstätten aber die sel­ben Stundensätzen wie bei an­de­ren Kunden zu­grun­de­le­gen, kön­ne ei­ne Verweisung nicht mit dem pau­scha­len Hinweis auf ei­ne mög­li­che Interessenkollision ab­ge­lehnt wer­den (Urteil vom 28.04.2015, Az. VI ZR 267/14).

1. Der er­ken­nen­de Senat hat in meh­re­ren Entscheidungen grund­sätz­li­ch Stellung da­zu be­zo­gen, un­ter wel­chen Voraussetzungen ein Geschädigter, der den Ersatz fik­ti­ver Reparaturkosten be­gehrt, ge­mäß § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB die Erstattung der Stundenverrechnungssätze ei­ner mar­ken­ge­bun­de­nen Fachwerkstatt ver­lan­gen kann.

Der Geschädigte darf, so­fern die Voraussetzungen für ei­ne fik­ti­ve Schadensberechnung vor­lie­gen, die­ser grund­sätz­li­ch die üb­li­chen Stundenverrechnungssätze ei­ner mar­ken­ge­bun­de­nen Fachwerkstatt zu­grun­de le­gen, die ein von ihm ein­ge­schal­te­ter Sachverständiger auf dem all­ge­mei­nen re­gio­na­len Markt er­mit­telt hat (Senatsurteile vom 29. April 2003 - VI ZR 398/02, BGHZ 155, 1, 3 f.; vom 20. Oktober 2009 - VI ZR 53/09, BGHZ 183, 21 Rn. 7 f.; vom 22. Juni 2010 - VI ZR 302/08, VersR 2010, 1096 Rn. 6 und - VI ZR 337/09, VersR 2010, 1097 Rn. 6; vom 15. Juli 2014 - VI ZR 313/13, NJW 2014, 3236 Rn. 8).

Nach der Rechtsprechung des er­ken­nen­den Senats be­steht in der Regel ein Anspruch des Geschädigten auf Ersatz der in ei­ner mar­ken­ge­bun­de­nen Vertragswerkstatt an­fal­len­den Reparaturkosten un­ab­hän­gig da­von, ob der Geschädigte den Wagen tat­säch­li­ch voll, min­der­wer­tig oder über­haupt nicht re­pa­rie­ren lässt (Senatsurteil vom 29. April 2003 - VI ZR 398/02, BGHZ 155, 1, 3 mwN; vom 15. Juli 2014 - VI ZR 313/13, NJW 2014, 3236 Rn. 8; vgl. auch Senatsurteil vom 23. März 1976 - VI ZR 41/74, BGHZ 66, 239, 241). Allerdings ist un­ter dem Gesichtspunkt der Schadensminderungspflicht ge­mäß § 254 Abs. 2 BGB ein Verweis des Schädigers auf ei­ne güns­ti­ge­re Reparaturmöglichkeit in ei­ner mü­he­los und oh­ne Weiteres zu­gäng­li­chen “frei­en Fachwerkstatt” mög­li­ch, wenn der Schädiger dar­legt und ggf. be­weist, dass ei­ne Reparatur in die­ser Werkstatt vom Qualitätsstandard her der Reparatur in ei­ner mar­ken­ge­bun­de­nen Fachwerkstatt ent­spricht, und wenn er ge­ge­be­nen­falls vom Geschädigten auf­ge­zeig­te Umstände wi­der­legt, die die­sem ei­ne Reparatur au­ßer­halb der mar­ken­ge­bun­de­nen Fachwerkstatt un­zu­mut­bar ma­chen (Senatsurteile vom 20. Oktober 2009 - VI ZR 53/09, BGHZ 183, 21 Rn. 13; vom 23. Februar 2010 - VI ZR 91/09, VersR 2010, 923 Rn. 9, 11; vom 22. Juni 2010 - VI ZR 302/08, VersR 2010, 1096 Rn. 7 und - VI ZR 337/09, VersR 2010, 1097 Rn. 7; vom 13. Juli 2010 - VI ZR 259/09, VersR 2010, 1380 Rn. 7; vom 14. Mai 2013 - VI ZR 320/12, VersR 2013, 876 Rn. 8; vom 15. Juli 2014 - VI ZR 313/13, NJW 2014, 3236 Rn. 8). Unzumutbar ist ei­ne Reparatur in ei­ner “frei­en Fachwerkstatt” für den Geschädigten im Allgemeinen dann, wenn das be­schä­dig­te Fahrzeug im Unfallzeitpunkt nicht äl­ter als drei Jahre war. Auch bei Kraftfahrzeugen, die äl­ter sind als drei Jahre, kann es für den Geschädigten un­zu­mut­bar sein, si­ch auf ei­ne tech­ni­sch gleich­wer­ti­ge Reparaturmöglichkeit au­ßer­halb der mar­ken­ge­bun­de­nen Fachwerkstatt ver­wei­sen zu las­sen. Dies kann ins­be­son­de­re dann der Fall sein, wenn der Geschädigte sein Fahrzeug bis­her stets in ei­ner mar­ken­ge­bun­de­nen Fachwerkstatt hat war­ten und re­pa­rie­ren las­sen (vgl. Senatsurteile vom 13. Juli 2010 - VI ZR 259/09, VersR 2010, 1380 Rn. 8; vom 22. Juni 2010 - VI ZR 302/08, VersR 2010, 1096 Rn. 7). Unzumutbar ist ei­ne Reparatur in ei­ner “frei­en Fachwerkstatt” für den Geschädigten wei­ter dann, wenn sie nur des­halb kos­ten­güns­ti­ger ist, weil ihr nicht die (markt-)üblichen Preise die­ser Werkstatt, son­dern auf ver­trag­li­chen Vereinbarungen mit dem Haftpflichtversicherer des Schädigers be­ru­hen­de Sonderkonditionen zu­grun­de lie­gen. Andernfalls wür­de die dem Geschädigten nach § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB zu­ste­hen­de Ersetzungsbefugnis un­ter­lau­fen, die ihm die Möglichkeit der Schadensbehebung in ei­ge­ner Regie er­öff­net und ihn da­von be­freit, die be­schä­dig­te Sache dem Schädiger oder ei­ner von ihm aus­ge­wähl­ten Person zur Reparatur an­ver­trau­en zu müs­sen (vgl. Senatsurteile vom 20. September 2009 - VI ZR 53/09, BGHZ 183, 21 Rn. 13; vom 22. Juni 2010 - VI ZR 337/09, VersR 2010, 1097 Rn. 7; vom 18. März 2014 - VI ZR 10/13, VersR 2014, 849 Rn. 29).

2. Mit die­sen Grundsätzen steht das Berufungsurteil nur teil­wei­se in Einklang.

Zutreffend hat das Berufungsgericht er­kannt, dass der Kläger von der Beklagten nicht auf güns­ti­ge­re Reparaturmöglichkeiten bei der Firma A. GmbH Auto-Service P. GmbH ver­wie­sen wer­den kann. Für die bei­den wei­te­ren Werkstätten in H., die Partnerwerkstätten der Beklagten sind, be­darf die Frage der Zumutbarkeit der Verweisung no­ch wei­te­rer Feststellungen.

a) Allein der Umstand, dass die S. Autolackierbetrieb OHG und die F. S. GmbH Lackier- und Karosseriefachbetrieb mit der Beklagten für die Reparaturen in Kaskoschadensfällen von de­ren Versicherungsnehmern dau­er­haft ver­trag­li­ch ver­bun­den sind, lässt ei­ne Verweisung auf sie nicht un­zu­mut­bar er­schei­nen. Wie der Senat be­reits ent­schie­den hat, ist ei­ne Reparatur in ei­ner “frei­en Fachwerkstatt” dann un­zu­mut­bar, wenn sie nur des­halb kos­ten­güns­ti­ger ist, weil ihr nicht die (markt-)üblichen Preise die­ser Werkstatt, son­dern auf ver­trag­li­chen Vereinbarungen mit dem Haftpflichtversicherer be­ru­hen­de Sonderkonditionen zu­grun­de lie­gen (Senatsurteil vom 22. Juni 2010 - VI ZR 337/09, VersR 2010, 1097 Rn. 7). Wenn der Schädiger oder sein Haftpflichtversicherer dar­le­gen und be­wei­sen kön­nen, dass die von ih­nen be­nann­te “freie Fachwerkstatt” für die Reparaturen am Kraftfahrzeug des Geschädigten ih­re (markt-)üblichen, das heißt al­len Kunden zu­gäng­li­chen Preise zu­grun­de legt, wie hier für das Revisionsverfahren zu un­ter­stel­len ist, hin­dert ei­ne Vereinbarung von Sonderkonditionen für Versicherungsnehmer des Haftpflichtversicherers die Verweisung nicht. Etwaigen, vom Berufungsgericht an­ge­spro­che­nen Interessenkollisionen kann im Rahmen der Beweisaufnahme nach­ge­gan­gen und im Rahmen der Beweiswürdigung Rechnung ge­tra­gen wer­den.

b) Zu Recht hat das Berufungsgericht da­ge­gen den Verweis auf die Reparaturmöglichkeit bei der Firma A. GmbH Auto-Service P. GmbH ab­ge­lehnt. Nach der Rechtsprechung des Senats ist dem Geschädigten die Reparatur in ei­ner “frei­en Fachwerkstatt” nur dann zu­zu­mu­ten, wenn die­se mü­he­los und oh­ne Weiteres zu­gäng­li­ch ist (vgl. Senatsurteile vom 22. Juni 2010 - VI ZR 302/08, VersR 2010, 1096 Rn. 7 und - VI ZR 337/09, VersR 2010, 1097 Rn. 7; vom 13. Juli 2010 - VI ZR 259/09, VersR 2010, 1380 Rn. 16; vom 14. Mai 2013 - VI ZR 320/12, VersR 2013, 876 Rn. 8; vom 3. Dezember 2013 - VI ZR 24/13, VersR 2014, 214 Rn. 9; vom 15. Juli 2014 - VI ZR 313/13, NJW 2014, 3236 Rn. 8). Nach den Feststellungen des Berufungsgerichts be­fin­det si­ch in H., am Wohnsitz des Klägers, nur ei­ne Annahmestelle der Fachwerkstatt, für grö­ße­re Reparaturen wie im Streitfall müss­te das Kraftfahrzeug - al­ler­dings oh­ne zu­sätz­li­che Kosten für den Kläger - in das ca. 130 km ent­fern­te P. trans­por­tiert wer­den. Auf die­ser Grundlage durf­te si­ch das auch im Rahmen des § 254 Abs. 2 Satz 1 BGB nach § 287 ZPO be­son­ders frei­ge­stell­te Berufungsgericht (vgl. da­zu Senatsurteil vom 13. Juli 2010 - VI ZR 259/09, VersR 2010, 1380 Rn. 13) oh­ne Rechtsfehler die Überzeugung bil­den, dass die­se Werkstatt für den Kläger nicht mü­he­los und oh­ne Weiteres er­reich­bar ist. Dies kann näm­li­ch grund­sätz­li­ch nur an­hand der kon­kre­ten Umstände des Einzelfalls ent­schie­den wer­den. Dabei kann ein Anhaltspunkt die Entfernung zwi­schen dem Wohnort des Geschädigten und ei­ner mar­ken­ge­bun­de­nen Fachwerkstatt sein (vgl. Senatsurteil vom 23. Februar 2010 - VI ZR 91/09, VersR 2010, 923 Rn. 12), dar­über hin­aus kön­nen si­ch Anhaltspunkte aus dem zu­sätz­li­chen Zeitaufwand für den Transport und die Gefahr zu­sätz­li­cher Schäden bei län­ge­ren Transportstrecken er­ge­ben, wie das Berufungsgericht zu­tref­fend er­kannt hat. Von Bedeutung für die­se Bewertung ist auch der dem Geschädigten zu­ge­mu­te­te Aufwand bei der Geltendmachung et­wai­ger Nacherfüllungsansprüche im Rahmen der Gewährleistung bei man­gel­haf­ten Reparaturleistungen.

3. Nachdem das Berufungsgericht - aus sei­ner Sicht fol­ge­rich­tig - of­fen­ge­las­sen hat, ob si­ch die Beklagte bei der Regulierung auf Sonderkonditionen oder die (markt-)üblichen Preise der “frei­en Fachwerkstätten” ge­stützt hat, war das Berufungsurteil auf­zu­he­ben und die Sache an das Berufungsgericht zu­rück­zu­ver­wei­sen, da­mit es die in­so­weit und ge­ge­be­nen­falls zur Frage der Gleichwertigkeit der Reparaturen er­for­der­li­chen Feststellungen tref­fen kann.

Über Alexander Gratz

Dipl. jur. Universität des Saarlandes

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