Nach Wildunfall gibt Versicherung vom Gutachter ge­si­cher­te Wildhaare nicht her­aus: Beweisvereitelung!

Nach Vortrag des Klägers stieß er mit ei­nem Tier zu­sam­men, dass plötz­lich die Straße über­que­ren woll­te. Dadurch er­schro­cken lenk­te er sein Fahrzeug nach rechts und prall­te ge­gen Felsblöcke. Ein von dem be­klag­ten Teilkaskoversicherer be­auf­trag­ter Sachverständiger fand in der Nähe der Unfallstelle ei­nen to­ten Fuchs, wel­chem er ei­ne Haarprobe ent­nahm. Haarspuren be­fan­den sich auch am Kennzeichen des Fahrzeugs des Klägers, die­se wur­den zu­sam­men mit der an­de­ren Haarprobe an die Beklagte über­sandt. Das Kennzeichen wur­de dann of­fen­bar auf Veranlassung der Beklagten ge­rei­nigt. Die Haare hat sie nicht mehr her­aus­ge­ge­ben. Darin sieht das OLG München ei­ne Beweisvereitelung, die zu ei­ner Beweislastumkehr führt (Urteil vom 24.07.2015, Az. 10 U 3566/14).

a) Entgegen der Rechtsauffassung der Beklagten durf­te das Landgericht da­von aus­ge­hen, dass es zu ei­ner Kollision des klä­ge­ri­schen Fahrzeugs mit ei­nem Tier (Fuchs), al­so ei­nem Wildunfall als Teilkaskoschaden ge­kom­men ist.

aa) § 286 I 1 ZPO er­for­dert ei­ne um­fas­sen­de Würdigung al­ler Beweismittel und sons­ti­gen Erkenntnisquellen in ih­rer wech­sel­sei­ti­gen Beziehung (sog. Gesamtschau), ei­ne iso­lier­te Würdigung der ein­zel­nen Beweismomente ge­nügt nicht (grdl. RGZ 14, 322 [326 f.]; fer­ner RG Gruchot 29 [1885] 1085; bei Bolze 1 [1886] Nr. 1914; JW 1897, 343; RGZ 86, 143; st. Rspr., zu­letzt et­wa SeuffArch. 91 [1937] Nr. 26; OLG Koblenz, Urt. v. 11.12.2006 - 12 U 1184/04 (ju­ris, dort Rz. 12); OLG Bamberg r+s 2013, 573; um­fas­send Döhring, Die Erforschung des Sachverhalts im Prozeß, 1964, S. 429 ff.; fer­ner Schneider, Beweis und Beweiswürdigung, 5. Aufl. 1994, Rz. 27; Schellhammer, Zivilprozess, 14. Aufl. 2012, Rz. 562; BL/Hartmann, ZPO, 72. Aufl. 2014, § 286 Rz. 12). Dabei kommt es nicht dar­auf an, wel­che Partei ei­ne be­stimm­te Behauptung auf­ge­stellt hat und wer die Beweislast trägt (RGZ 67, 364; 78, 345 [346]; Senat NZV 2006, 261; Bernhardt, Die Aufklärung des Sachverhalts im Zivilprozeß, in: Festgabe zum sieb­zigs­ten Geburtstag von Leo Rosenberg, 1949, S. 9 [17]; Rüßmann, Praktische Probleme des Zeugenbeweises im Zivilprozess, KritV 4 [1989] 361 [366]; Hohlweck JuS 2001, 584 [585 un­ter II 2]).

bb) Die Beweisvereitelung der Beklagten führt da­zu, dass sich die Beweislast dreh­te und die Beklagte zu be­wei­sen hat­te, dass die vom Kläger vor­ge­tra­ge­ne und in sei­ner Anhörung (auch vor dem Senat) be­stä­tig­te Kollision mit ei­nem Wild nicht er­folg­te. Dieser Beweis ist der Beklagten nicht ge­lun­gen.

Nach der stän­di­gen Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs liegt in Anwendung des Rechtsgedankens aus §§ 427, 441 Abs. 3 Satz 3, 444, 446, 453 Abs. 2, 454 Abs. 1 ZPO und § 242 BGB ei­ne Beweisvereitelung vor, wenn ei­ne Partei ih­rem be­weis­pflich­ti­gen Gegner die Beweisführung schuld­haft er­schwert. Dies kann vor­pro­zes­su­al oder wäh­rend des Prozesses durch ge­ziel­te oder fahr­läs­si­ge Handlungen ge­sche­hen, mit de­nen be­reits vor­han­de­ne Beweismittel vor­ent­hal­ten wer­den. Das Verschulden be­zieht sich so­wohl auf die Entziehung des Beweisobjekts als auch auf die Beseitigung sei­ner Beweisfunktion, al­so dar­auf, die Beweislage des Gegners in ei­nem ge­gen­wär­ti­gen oder künf­ti­gen Prozess nach­tei­lig zu be­ein­flus­sen (vgl. BGH NJW 2002, 825; BGH NJW 2006, 434 [436]). Als Folge der Beweisvereitelung kom­men in sol­chen Fällen Beweiserleichterungen in Betracht, die un­ter Umständen wie hier bis zur Umkehr der Beweislast ge­hen kön­nen (z.B. BGH, Urteil vom 9. November 1995 - 111 ZR 226/94, WM 1996, 208 un­ter B II 2, in­so­weit in BGHZ 131,163 nicht ab­ge­druckt; Urteil vom 17. Juni 1997 - X ZR 119/94, WM 1998, 204 un­ter I 4 b; Urteil vom 27. September 2001 - IX ZR 281/00, WM 2001, 2450 un­ter II 2 a; Urteil vom 23. September 2003 - XI ZR 380/00, WM 2003, 2325 un­ter II 1 a, jew. m.w.Nachw.).

Diese Voraussetzungen sind hier ge­ge­ben. Hierzu ist im Wesentlichen auf die Aussage des Zeugen G. (vgl. Protokoll vom 02.07.2014, S. 3 f. = BI. 25 f. d. A.), des von der Beklagten ein­ge­schal­te­ten Sachverständigen, Bezug zu neh­men, wo­nach Haarspuren ei­nes im ört­li­chen Umfeld des be­haup­te­ten Unfalls auf­ge­fun­de­nen ge­tö­te­ten Fuchses (die Suche er­folg­te auf Anraten des Sachverständigen) so­wie Haarspuren vom Frontkennzeichen des klä­ge­ri­schen Fahrzeugs si­cher­ge­stellt und die­se Spuren an die Beklagte (nach Rücksprache mit dem Sachbearbeiter K.) über­sandt wur­den. Eine Untersuchung der Haarspuren hät­te zu­guns­ten des Klägers er­ge­ben kön­nen, dass die Haarspuren am Kennzeichen nicht von Hand auf­ge­tra­gen wur­den und die­se Haare mit den Fuchshaaren über­ein­stim­men. In ei­nem der­ar­ti­gen Fall hät­te mit der aus­rei­chen­den Gewissheit ge­mäß § 286 I ZPO fest­ge­stellt wer­den kön­nen, dass der vom Kläger be­haup­te­te Wildunfall, al­so zu­min­dest die Kollision des klä­ge­ri­schen Fahrzeugs mit dem spä­ter ver­en­de­ten Fuchs tat­säch­lich statt­ge­fun­den hat. Diese mög­li­che Beweisführung des Klägers hat die Beklagte mit der Reinigung des Kennzeichens und der Zurückhaltung der Fuchshaare un­mög­lich ge­macht. Das auch noch in der Berufungsinstanz tra­dier­te Bestreiten ei­ner Kollision des Klägerfahrzeugs mit ei­nem Wild ist da­her aus dem Gesichtspunkt der Beweisvereitelung un­be­acht­lich.

Über Alexander Gratz

Dipl. jur. Universität des Saarlandes

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