VG Freiburg: Ein Turban er­setzt kei­nen Motorradhelm

Margit Völtz / pixelio.de
Margit Völtz / pixelio.de

Der Kläger, der der Sikh-Religion an­ge­hört, möch­te von der Helmpflicht beim Führen ei­nes Kraftrades ge­mäß § 21a Abs. 2 StVO be­freit wer­den. Er macht gel­tend, nicht gleich­zei­tig Helm und Turban tra­gen zu kön­nen. Er füh­le si­ch aber ver­pflich­tet, in der Öffentlichkeit ei­nen Turban zu tra­gen. Durch die­sen füh­le er si­ch beim Führen sei­nes Motorrades bes­ser ge­schützt als durch je­den Helm. Das VG hat die Klage ab­ge­wie­sen: Ein Turban sei kein Schutzhelm im Sinne die­ser Norm. Es be­stehe auch kein Anspruch des Klägers, von der Tragepflicht be­freit zu wer­den. Ein an­de­res Ergebnis er­ge­be si­ch auch nicht un­ter Berücksichtigung der Religionsfreiheit, de­ren Schutzbereich er­öff­net sei. Normzweck sei, schwe­re Kopfverletzungen von Fahrer und Mitfahrer und Belastungen der Allgemeinheit durch Verkehrsunfälle zu ver­mei­den. Dem Kläger hin­ge­gen ent­stün­de kein be­son­ders schwe­rer Nachteil. Er kön­nen sei­nen Turban in ge­wöhn­li­ch Pkw un­ein­ge­schränkt tra­gen und sei auch nicht be­ruf­li­ch oder in an­de­rer Weise ge­ra­de auf das Motorrad an­ge­wie­sen (VG Freiburg, Urteil vom 29.10.2015, Az. 6 K 2929/14).

Dem Begehren des Klägers ste­hen Straßenverkehrsvorschriften ent­ge­gen. Gemäß § 21a Abs. 2 StVO muss, wer Krafträder oder of­fe­ne drei- oder mehr­räd­ri­ge Kraftfahrzeuge mit ei­ner bau­art­be­ding­ten Höchstgeschwindigkeit von über 20 km/h führt so­wie auf oder in ih­nen mit­fährt, wäh­rend der Fahrt ei­nen ge­eig­ne­ten Schutzhelm tra­gen. Dies gilt nicht, wenn vor­ge­schrie­be­ne Sicherheitsgurte an­ge­legt sind. Gemäß § 49 Abs. 1 Nr. 20a StVO han­delt ord­nungs­wid­rig im Sinne des § 24 StVG, wer vor­sätz­li­ch oder fahr­läs­sig ge­gen ei­ne Vorschrift über das Tragen von Schutzhelmen nach § 21a Absatz 2 Satz 1 StVO ver­stößt.

1.) Bedenken an der Wirksamkeit der generell-abstrakten Regelung ei­ner Schutzhelmtragepflicht be­stehen nicht. § 21a StVO fin­det als Rechtsverordnung sei­ne (ge­mäß Art. 80 GG er­for­der­li­che) Ermächtigung in § 6 Abs. 1 Nr. 3 StVG („die sons­ti­gen zur Erhaltung der Sicherheit und Ordnung auf den öf­fent­li­chen Straßen … er­for­der­li­chen Maßnahmen über den Straßenverkehr“).

a.) Soweit die­se Bestimmung ei­nen Eingriff in die all­ge­mei­ne Handlungsfreiheit aus Art. 2 Abs. 1 GG dar­stellt, ist die­ser ver­fas­sungs­recht­li­ch ge­recht­fer­tigt. Das Bundesverfassungsgericht (Beschl. v. 26.01.1982 - 1 BvR 1295/80 -, ju­ris) hat im Zusammenhang mit der Verfassungsgemäßheit der Ordnungswidrigkeitsvorschrift des § 49 Abs. 1 Nr. 20a StVO fest­ge­stellt, dass die Helmpflicht ins­be­son­de­re dem rechts­staat­li­chen Erfordernis der Verhältnismäßigkeit ge­nügt. Es sei all­ge­mein an­er­kannt, dass ein Schutzhelm ge­eig­net sei, Kopfverletzungen zu ver­mei­den oder je­den­falls de­ren Schwere zu ver­min­dern. Dieser be­son­de­re Schutz für Kraftradfahrer sei mit kei­nen nen­nens­wer­ten Nachteilen ver­bun­den. Ein Kraftradfahrer, der oh­ne Schutzhelm fah­re und des­halb bei ei­nem Unfall ei­ne schwe­re Kopfverletzung da­von­tra­ge, scha­de kei­nes­wegs nur si­ch selbst. Es lie­ge auf der Hand, dass in vie­len Fällen wei­te­rer Schaden ab­ge­wen­det wer­den kön­ne, wenn ein Unfallbeteiligter bei Bewusstsein blei­be. Wenn die Folgen ei­nes im öf­fent­li­chen Straßenverkehr ein­ge­gan­ge­nen, be­re­chen­ba­ren und ho­hen Risikos die Allgemeinheit schwer be­las­te­ten, sei es für den ein­zel­nen zu­mut­bar, die­ses Risiko durch ein­fa­che, leicht zu er­tra­gen­de Maßnahmen zu sen­ken. Dass Unfälle mit schwe­ren Kopfverletzungen weit­rei­chen­de Folgen für die Allgemeinheit hät­ten (z.B. durch Einsatz der Rettungsdienste, ärzt­li­che Versorgung, Rehabilitationsmaßnahmen, Versorgung von Invaliden), ste­he au­ßer Frage. Durch die Ausnahmemöglichkeit ge­mäß § 46 Abs. 1 Satz 1 Nr. 5b StVO könn­ten un­bil­li­ge Härten ver­mie­den wer­den (BVerfG, a.a.O., Rn. 14 ff.).

b.) Die Schutzhelmpflicht kann fer­ner ei­nen Eingriff in das (ge­gen­über Art. 2 Abs. 1 GG spe­zi­el­le­re - vgl. BVerfG, Beschl. v. 19.10.1971 – 1 BvR 387/65 –, Rn. 24, ju­ris) Grundrecht aus Art. 4 Abs. 1, Abs. 2 GG dar­stel­len, so­weit sie mit dem Tragen ei­ner Kopfbedeckung aus re­li­giö­sen Gründen kol­li­diert. Auf der Regelungsebene des Gesetzes ist in­des­sen ein ver­fas­sungs­wid­ri­ger Eingriff in die­ses Grundrecht (als Ausdruck ob­jek­ti­ver Wertordnung) zu ver­nei­nen, da auf­grund der in § 46 Abs. 1 und 2 StVO in be­stimm­ten Einzelfällen oder all­ge­mein für be­stimm­te Antragsteller vor­ge­se­he­nen Möglichkeit von Ausnahmegenehmigungen be­reits der Gesetzgeber auf der­sel­ben Regelungsebene ein Instrument ge­schaf­fen hat, un­ver­hält­nis­mä­ßi­ge Eingriffe zu ver­mei­den.

Eines Parlamentsgesetzes be­durf­te es für die Anordnung der Helmpflicht nicht. Diese be­zweckt nicht ge­zielt (un­mit­tel­bar bzw. nor­ma­tiv) das Verbot, aus re­li­giö­sen Gründen ei­ne Kopfbedeckung zu tra­gen. Sie stellt le­dig­li­ch ei­nen mit­tel­ba­ren (fak­ti­schen) Eingriff in das Grundrecht aus Art. 4 Abs. 1, Abs. 2 GG dar, in­dem sie im Fall der Unvereinbarkeit des gleich­zei­ti­gen Tragens von Helm und re­li­giös mo­ti­vier­ter Kopfbedeckung den Grundrechtsinhaber zwingt, ent­we­der auf das Motorradfahren zu ver­zich­ten oder die Kopfbedeckung zu­guns­ten ei­nes Helms ab­zu­neh­men. Auch dies er­for­dert zwar ei­ne ver­fas­sungs­recht­li­che Rechtfertigung (vgl. zum sog. „mo­der­nen“, faktisch-mittelbaren Eingriffsbegriff: BVerfG, Beschl. v. 26.06.2002 – 1 BvR 670/91 –, Rn. 70, ju­ris). Angesichts ei­ner al­len­falls ge­ring­fü­gi­gen Eingriffsintensität (da­zu un­ten) so­wie des (nur) be­trof­fe­nen Teilbereichs der Straßenverkehrssicherheit be­durf­te es hier­für je­doch kei­ner Entscheidung des Parlaments. Dies hät­te viel­mehr ei­nen Lebenssachverhalt vor­aus­ge­setzt, in dem mit­ein­an­der kon­kur­rie­ren­de grund­recht­li­che Freiheitsrechte auf­ein­an­der­tref­fen, de­ren je­wei­li­ge Grenzen flie­ßend und nur schwer aus­zu­ma­chen sind und der fer­ner Entscheidungen mit ei­ner Tragweite her­vor­bringt, die aus ei­nem Verfahren her­vor­ge­hen müs­sen, das der Öffentlichkeit Gelegenheit bie­tet, ih­re Auffassungen aus­zu­bil­den und zu ver­tre­ten, und die Volksvertretung da­zu an­hält, Notwendigkeit und Ausmaß von Grundrechtseingriffen in öf­fent­li­cher Debatte zu klä­ren (BVerfG, Urt. v. 24.09.2003 – 2 BvR 1436/02 –, Rn. 68, ju­ris [Verbot des Kopftuchtragens an öf­fent­li­chen Schulen]).

2.) Der Turban des Klägers ist kein im Sinne des § 21a Abs. 2 StVO ge­eig­ne­ter Schutzhelm. Geeignet sind amt­li­ch ge­neh­mig­te Schutzhelme so­wie Kraftradschutzhelme mit aus­rei­chen­der Schutzwirkung. Amtlich ge­neh­migt sind Schutzhelme, die ent­spre­chend der ECE-Regelung Nr. 22 ge­baut, ge­prüft, ge­neh­migt und mit dem nach die­ser Regelung vor­ge­schrie­be­nen Genehmigungszeichen ge­kenn­zeich­net sind. Auch nicht ge­neh­mig­te Schutzhelme dür­fen ver­wen­det wer­den, so­weit sie aus­rei­chen­de Schutzwirkung auf­wei­sen. Der Helm muss ge­eig­net sein, Kopfverletzungen bei Krad-Unfällen er­heb­li­ch zu min­dern und dem­entspre­chend (mit ge­schlos­se­nem Kinnriemen) ge­tra­gen wer­den. Nicht ge­eig­net sind z.B. Bauarbeiter-, Feuerwehr-, Radfahr- oder Stahlhelme der Bundeswehr (vgl. m.w.N.: Hentschel/König/Dauer, Straßenverkehrsrecht, 43. Aufl. 2015, § 21a StVO, Rnr. 16; Burmann/Heß/Jahnke/Janker, Straßenverkehrsrecht, 23. Aufl. 2014, StVO § 21a Rn. 5). Der statt ei­nes Helms ge­tra­ge­ne Turban - ei­ne oder meh­re­re aus Baumwolle oder Baumwoll-Seide-Mischgewebe be­stehen­de, meh­re­re Meter lan­ge Stoffbahn(en), die wulstar­tig um den Kopf ge­schlun­gen wird/werden - ist of­fen­sicht­li­ch, oh­ne dass dies ei­nes wis­sen­schaft­li­chen Nachweises be­dürf­te, kein ge­eig­ne­ter Schutzhelm. In materiell-physikalischer Hinsicht be­strei­tet dies letzt­li­ch auch der Kläger nicht. Seine Aussage, er füh­le si­ch „durch den Turban bes­ser als durch je­den Helm ge­schützt“, ist er­sicht­li­ch spirituell/religiös ge­meint. Ein Tragen des Turbans un­ter dem Helm schei­det schließ­li­ch - das se­hen auch die Beteiligten so - we­gen feh­len­den Platzes aus. Für ei­nen Halbschalenhelm (sog. „Braincap“) gilt dies ent­spre­chend, un­ab­hän­gig da­von, ob es si­ch bei die­sem über­haupt um ei­nen ge­eig­ne­ten Schutzhelm han­delt.

3.) Da es dem Kläger er­sicht­li­ch dar­um geht, ein her­kömm­li­ches Kraftrad fah­ren zu kön­nen, ist in sei­nem Fall schließ­li­ch auch kei­ne Konfliktlösung in Anwendung der 8. Ausnahmeverordnung zur StVO (vom 20.08.1998, BGBl. S. 1130 - AusnahmeVO StVO) mög­li­ch. Nach die­ser greift be­reits auf Gesetzesebene ei­ne Ausnahme von der Helmpflicht bei Krafträdern ein, wenn die­se den Anforderungen der Anlage zur 8. AusnahmeVO StVO ent­spre­chen und wenn die vor­han­de­nen Rückhaltesysteme an­ge­legt sind. Ein her­kömm­li­ches Motorrad er­füllt die­se Voraussetzungen in­des­sen nicht, da hier­für ein spe­zi­el­les Rückhaltesystem und ei­ne Rahmenkonstruktion mit Überrollbügel so­wie ein Frontcrashelement er­for­der­li­ch sind (vgl. Begründung zur Verordnung, ab­ge­druckt bei Hentschel/König/Dauer, a.a.O., § 21a StVO Rn. 1h).

II. Einen Anspruch dar­auf, von der Einhaltung der Helmtragepflicht aus­ge­nom­men zu wer­den, hat der Kläger nicht.

1.) Anspruchsgrundlage für die bei der Beklagten (zu de­ren Zuständigkeit und Passivlegitimation vgl. § 44 Abs. 1 Satz 1 StVO i.V.m. § 1 StVOZuG und §§ 15 Abs. 1 Nr. 1, 19 LVG so­wie § 47 Abs. 2 Nr. 5 StVO) be­an­trag­te Ausnahmegenehmigung ist § 46 Abs. 1 Satz 1 Nr. 5b StVO, der die Straßenverkehrsbehörden er­mäch­tigt, in den un­ter Nrn. 1 bis 12 ab­schlie­ßend ge­re­gel­ten Sachverhalten Ausnahmegenehmigungen zu er­tei­len. Hingegen ist nicht - wie vom RP Freiburg an­ge­führt - § 46 Abs. 2 StVO ein­schlä­gig, da die­ser die Ausnahmegenehmigung von al­len Vorschriften der StVO be­trifft und hier­zu die zu­stän­di­gen obers­ten Landesbehörden oder die nach Landesrecht be­stimm­ten Stellen er­mäch­tigt. Da in­des­sen bei­de Vorschriften Ausnahmen für be­stimm­te Einzelfälle re­geln und die­se ins Ermessen der Behörde stel­len - mit­hin we­sens­gleich sind -, ist die Entscheidungsbegründung mit der un­zu­tref­fen­den Rechtsgrundlage un­schäd­li­ch.

2.) Die Voraussetzungen für ei­ne Ausnahmegenehmigung sind von der Beklagten er­mes­sens­feh­ler­frei (§ 114 VwGO) ver­neint wor­den. Gemäß § 46 Abs. 1 Satz 1 Nr. 5b StVO kön­nen die Straßenverkehrsbehörden in be­stimm­ten Einzelfällen oder all­ge­mein für be­stimm­te Antragsteller Ausnahmen ge­neh­mi­gen (u.a.) von den Vorschriften über das Tragen von Schutzhelmen. Die Erteilung der Ausnahmegenehmigung steht im Ermessen der zu­stän­di­gen Behörde. Das Merkmal der Ausnahmesituation ist nicht als ei­gen­stän­di­ges Tatbestandsmerkmal ver­selbst­stän­digt, son­dern Bestandteil der der Behörde ob­lie­gen­den Ermessensentscheidung. Denn die Feststellung, ob ein be­son­de­rer Ausnahmefall vor­liegt, setzt den ge­wich­ten­den Vergleich der Umstände des kon­kre­ten Falles mit dem ty­pi­schen Regelfall vor­aus, der dem ge­ne­rel­len Verbot zu­grun­de liegt (vgl. zu § 46 Abs. 2 StVO: BVerwG, Urt. v. 13.03.1997 – 3 C 2/97 –, Rn. 27, ju­ris; vgl. zu § 46 Abs. 1 StVO: OVG NRW, Urt. v. 14.03.2000 – 8 A 5467/98 –, Rn. 12, ju­ris; an­de­re Auffassung zu § 46 Abs. 1 StVO: VGH Bad.-Württ., Urt. v. 20.03.1991 – 5 S 1791/90 –, Rn. 8, ju­ris [die Erteilung ei­ner Ausnahmegenehmigung ist nur beim Vorliegen ei­nes be­son­de­ren Ausnahmefalls zu­läs­sig]).

a.) Die Beklagte hat ihr Ermessen er­kannt. Insbesondere ist sie nicht - was son­st ein Ausübungsdefizit dar­ge­stellt hät­te - da­von aus­ge­gan­gen, Ausnahmegenehmigungen könn­ten al­lein aus ge­sund­heit­li­chen Gründen er­teilt wer­den, weil nur die­se in der Allgemeinen Verwaltungsvorschrift zur StVO (<VwV-StVO> vom 26.01.2001 [BAnz. S. 1419, ber. S. 5206], zu­letzt ge­än­dert durch Art. 1 ÄndVwV vom 11. 11. 2014 [BAnz AT 17.11.2014 B5]) ge­nannt sind. Zwar klang sol­ches zu­nächst im Ausgangsbescheid (Seite 1, 2. Absatz) an, wenn dort aus­ge­führt wur­de, „[g]em. § 46 StVO wer­den Ausnahmegenehmigungen zur Befreiung von der Pflicht zum Tragen ei­nes Schutzhelms aus­schließ­li­ch aus ge­sund­heit­li­chen Gründen er­teilt, die Verwaltungsvorschrift zu § 46 StVO ent­hält auch kei­ne an­de­ren Tatbestände für die Erteilung ei­ner Ausnahme“. Indessen hat die Beklagte in der wei­te­ren Begründung (zu de­ren Bedeutung für die Ermessensentscheidung und folg­li­ch für de­ren ge­richt­li­che Überprüfung vgl. § 39 Abs. 1 Satz 3 LVwVfG) auch die Frage ei­nes un­zu­läs­si­gen Eingriffs in die freie Religionsausübung er­wo­gen und die­se aus Verhältnismäßigkeitsgründen ver­neint. Der (ent­spre­chend § 79 Abs. 1 Nr. 1 VwGO) maß­ge­ben­de Widerspruchsbescheid hat die­se Argumentation durch Verweisung auf den Ausgangsbescheid über­nom­men. Schließlich hat die Beklagte in der Klagebegründung aus­führ­li­cher und ver­tie­fend da­zu vor­ge­tra­gen, war­um sie aus über­wie­gen­den öf­fent­li­chen Interessen ei­ne Verletzung von Art. 4 Abs. 1, Abs. 2 GG im Einzelfall ver­neint. Da in­so­weit, wie dar­ge­legt, be­reits im Verwaltungsverfahren Ermessenserwägungen an­ge­stellt wor­den wa­ren, han­del­te es si­ch da­bei um ei­ne zu­läs­si­ge Ergänzung die­ser Erwägungen (§ 114 Satz 2 VwGO - vgl. da­zu BVerwG, Beschl. v. 14.01.1999 – 6 B 133/98 –, Rn. 10, ju­ris).

b.) Die Beklagte hat schließ­li­ch bei ih­rer Entscheidung die ge­setz­li­chen Grenzen des Ermessens ein­ge­hal­ten und von ih­rem Ermessen in ei­ner dem Zweck der Ermächtigung ent­spre­chen­den Weise Gebrauch ge­macht. Bei der Beurteilung der Frage, ob ein Ausnahmefall vor­liegt, kommt der Abwägung der mit § 21a Abs. 2 StVO ver­folg­ten öf­fent­li­chen Interessen mit den pri­va­ten, ins­be­son­de­re grund­recht­li­ch ge­schütz­ten Belangen des Klägers maß­geb­li­che Bedeutung zu. Die Kammer kann nicht fest­stel­len, dass hier­bei die Interessen des Klägers und de­ren Beeinträchtigung ver­kannt und das öf­fent­li­che Interesse un­ver­hält­nis­mä­ßig zu Lasten des Klägers durch­ge­setzt wor­den wä­re. Eine Verletzung sei­ner subjektiv-öffentlichen Rechte liegt da­mit nicht vor.

<aa.> Soweit die buß­geld­be­wehr­te Schutzhelmpflicht ei­nen Eingriff in die all­ge­mei­ne Handlungsfreiheit des Klägers aus Art. 2 Abs. 1 GG dar­stellt, ist die­ser ver­fas­sungs­recht­li­ch ge­recht­fer­tigt (s.o. un­ter I.1.a)).

<bb.> Auch aus der Religionsfreiheit er­gibt si­ch kei­ne Ermessensgrenze, die hier un­zu­läs­sig über­schrit­ten wor­den wä­re:

Das Tragen ei­nes Sikh-Turbans in der Öffentlichkeit ist vom Schutzbereich des Art. 4 Abs. 1 und Abs. 2 GG um­fasst.

Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ent­hal­ten ein um­fas­send zu ver­ste­hen­des ein­heit­li­ches Grundrecht. Es er­streckt si­ch nicht nur auf die in­ne­re Freiheit, zu glau­ben oder nicht zu glau­ben, son­dern auch auf die äu­ße­re Freiheit, den Glauben zu be­kun­den und des­halb den Regeln des Glaubens ge­mäß ei­nem re­li­giö­sen Bedeckungsgebot zu ge­nü­gen, wenn dies hin­rei­chend plau­si­bel be­grün­det wird. Bei der Würdigung des­sen, was im Einzelfall als Ausübung von Religion und Weltanschauung zu be­trach­ten ist, darf das Selbstverständnis der je­weils be­trof­fe­nen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaft und des ein­zel­nen Grundrechtsträgers nicht au­ßer Betracht blei­ben. Dies be­deu­tet nicht, dass jeg­li­ches Verhalten ei­ner Person al­lein nach de­ren sub­jek­ti­ver Bestimmung als Ausdruck der Glaubensfreiheit an­ge­se­hen wer­den muss. Die staat­li­chen Organe dür­fen prü­fen und ent­schei­den, ob hin­rei­chend sub­stan­ti­iert dar­ge­legt ist, dass si­ch das Verhalten tat­säch­li­ch nach geis­ti­gem Gehalt und äu­ße­rer Erscheinung in plau­si­bler Weise dem Schutzbereich des Art. 4 GG zu­ord­nen lässt, al­so tat­säch­li­ch ei­ne als re­li­giös an­zu­se­hen­de Motivation hat. Dem Staat ist es in­des ver­wehrt, der­ar­ti­ge Glaubensüberzeugungen sei­ner Bürger zu be­wer­ten oder gar als „rich­tig“ oder „fal­sch“ zu be­zeich­nen (vgl. BVerfG, Beschl. v. 27.01.2015 – 1 BvR 471/10, 1 BvR 1181/10 –, Rn. 83 und 86, ju­ris [Tragen ei­nes is­la­mi­schen Kopftuchs]).

Auch wenn es, wie der Kläger selbst in der Klagebegründung an­führt, in der Sikh-Religion kei­ne aus­drück­li­chen Gebots- oder Verbotsregeln gibt, so muss der Turban (Punjabi: „Dastar“ bzw. „Dastaar“) gleich­wohl als re­li­giö­ses Bekenntnissymbol der Sikhs an­ge­se­hen wer­den. Der Dastar wird je­den Morgen neu ge­bun­den und ver­deckt die aus re­li­giö­sen Gründen un­ge­schnit­te­nen Haare der Sikhs (Wikipedia [https://de.wikipedia.org/wiki/Dastar]). In der Sikh-Tradition hat der Turban des­halb zu­sam­men mit den un­ge­schnit­te­nen Haaren ei­ne her­aus­ge­ho­be­ne und ein­zig­ar­ti­ge Bedeutung. Getaufte Sikhs, die dem Khalsa („Gemeinschaft der in­ner­li­ch Reinen“) an­ge­hö­ren, leis­ten aus­ge­hend von den Idealen der ers­ten his­to­ri­schen Taufe un­ter dem 10. Meister Gobind Singh ei­nen Eid dar­auf, dass sie bis „zum Lebensende ihr Haar be­wah­ren und es sorg­s­am mit ei­nem Turban schmü­cken“. Diese Kopfbedeckung kom­plet­tiert die Haltung, durch die un­ge­schnit­te­nen Haare den Respekt für den Schöpfer und sei­ne Schöpfung aus­zu­drü­cken (Sikh-Forum [www.sikh-religion.de/html/haare-turban033.html]). Ein Sikh, der eins mit sei­nem Guru sein will, muss wie die­ser aus­se­hen und ei­nen Dastar tra­gen. Der Dastar ist das Geschenk des Gurus an die Gläubigen (Wikipedia [https://en.wikipedia.org/wiki/Dastar] - mit Zitaten aus sikhnet). Wenn der Kläger ei­ne re­li­giö­se Motivation für das Tragen sei­ner Kopfbedeckung gel­tend macht, kann er si­ch hier­für nach geis­ti­gem Gehalt und äu­ße­rer Erscheinung an si­ch auf hin­rei­chend plau­si­ble Gründe be­ru­fen. Es kommt nicht dar­auf an, ob die­ser Inhalt der Bekleidungsvorschrift im Sikhismus völ­lig un­um­strit­ten ist, so­lan­ge die­se Betrachtung - wo­von hier aus­zu­ge­hen ist - ver­brei­tet ist (BVerfG, Beschl. v. 27.01.2015, a.a.O., Rn. 89). Der Kläger ver­steht den Turban als äu­ße­res Anzeichen re­li­giö­ser Identität und be­kennt da­mit sei­ne re­li­giö­se Überzeugung, oh­ne dass es hier­für ei­ner be­son­de­ren Kundgabeabsicht oder ei­nes zu­sätz­li­chen wir­kungs­ver­stär­ken­den Verhaltens be­darf (BVerfG, Beschl. v. 27.01.2015, a.a.O., Rn. 94). Auch die Beklagte hat das nicht grund­sätz­li­ch in Abrede ge­stellt. Gleichwohl er­scheint es aber zwei­fel­haft, ob die­se plau­si­blen Gründe auch das Motorradfahren er­fas­sen. Denn die im Vordergrund ste­hen­de Bewahrung der Haare durch Nichtschneiden und Bedecken lässt es nach den vom Kläger selbst an­ge­führ­ten Glaubensregeln zu, den Turban si­tua­ti­ons­be­dingt (z.B. beim Schlafen) durch ei­ne an­de­re Bedeckung zu er­set­zen. Ob zu­dem Respekt für Schöpfer und Schöpfung no­ch mit­schwingt, wo der schmü­cken­de Turban den schüt­zen­den Motorradhelm ver­drän­gen soll, er­scheint der Kammer doch frag­li­ch. Auch Würde und äu­ße­re so­wie in­ne­re Einheit mit dem Guru er­schei­nen dem Gericht durch ei­nen mit Turban Motorrad fah­ren­den Sikh nicht recht nach­voll­zieh­bar ge­wahrt, der mit ei­nem sol­chen Anblick in der Öffentlichkeit wohl eher Unverständnis oder gar Spott aus­lö­sen wür­de. Letztlich kann dies je­doch da­hin­ste­hen, da ei­ne Grundrechtsverletzung je­den­falls aus den so­gleich dar­zu­le­gen­den Gründen aus­schei­det.

Die Schutzhelmpflicht stellt kei­nen Eingriff in die re­li­giö­se Bekenntnisfreiheit dar.

Die Beachtung der Helmpflicht führt näm­li­ch nicht da­zu, dass der Kläger den Kern des re­li­giö­sen Gebots auf­ge­ben müss­te, das zu­al­ler­er­st und im Wesentlichen dar­in be­steht, die Haare nicht zu schnei­den und den Kopf (des­halb) be­deckt zu hal­ten. Die Helmpflicht zwingt näm­li­ch ge­ra­de nicht zur Entblößung des Hauptes in der Öffentlichkeit. Eine even­tu­ell er­for­der­li­che Bedeckung der Haare un­ter dem Helm kann mit ei­nem Tuch oder ei­ner Mütze („Sturmhaube“) er­fol­gen. Ferner bleibt es dem Kläger mög­li­ch, beim Benutzen ei­nes Motorrads den Turban je­weils in pri­va­ten Räumlichkeiten oder auch an an­de­ren Orten, wo er nicht sein ent­blöß­tes Haupt der Öffentlichkeit zei­gen muss, ge­gen Tuch/Haube und Schutzhelm zu tau­schen (so auch Schweizerisches Bundesgericht Lausanne, Urt. v. 27.05.1993 – 6 S 699/1992 –, EuGRZ 1993, 595). Eine da­mit al­len­falls be­stehen­de Unbequemlichkeit und Lästigkeit hat der Kläger hin­zu­neh­men.

Selbst ein (al­len­falls fak­ti­scher - s.o. un­ter I.1.b.) Eingriff in die Religionsfreiheit des Klägers wä­re schließ­li­ch ver­fas­sungs­recht­li­ch ge­recht­fer­tigt.

Ein Eingriff wä­re nicht schwer­wie­gend. Das Motorradfahren be­trifft, auch jah­res­zeit­li­ch be­dingt, nur ei­nen klei­nen Teil des täg­li­chen Lebens des Klägers. Der Kläger ist fer­ner auf ein Motorrad als Fortbewegungsmittel nicht an­ge­wie­sen und kann sämt­li­che an­de­ren Fortbewegungsmittel un­ter Wahrung sei­nes re­li­giö­sen Bekenntnisses ver­wen­den. Auch sein Vortrag, er sei be­reits seit dem Jahr 2005 Anhänger der Sikh-Religion, wäh­rend er je­doch die Ausnahmegenehmigung er­st im Sommer 2013 be­gehr­te, spricht nicht für ei­nen be­son­de­ren Bedarf. Die dem Kläger auf­er­leg­te Erschwernis be­zö­ge si­ch mit­hin le­dig­li­ch auf ei­ne ein­zi­ge Form der mo­to­ri­sier­ten Fortbewegung im Straßenverkehr, auf die er zu­dem nicht er­kenn­bar an­ge­wie­sen ist. Eine wirk­li­che Belastung des Klägers kann nicht aus­ge­macht wer­den. Dies wie­der­um be­deu­te­te, dass der Schutzbereich des Art. 4 Abs. 1 und Abs. 2 GG nur an sei­nem äu­ßers­ten Rand be­rührt wür­de. Damit aber wä­re die Einhaltung der Helmpflicht für den Kläger zu­mut­bar, da öf­fent­li­che Belange sei­nem Anliegen ent­ge­gen­ste­hen, die so ge­wich­tig sind, dass sie das nur ge­ring in ei­nem Randbereich be­trof­fe­ne Rechtsgut der Religionsfreiheit über­wie­gen.

Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ga­ran­tiert die Religionsfreiheit zwar vor­be­halt­los, aber nicht schran­ken­los. Nach dem Grundsatz der Einheit der Verfassung kön­nen auch den Freiheiten des Art. 4 GG durch an­de­re Bestimmungen des Grundgesetzes Grenzen ge­zo­gen wer­den. Solche Grenzen kön­nen si­ch vor al­lem aus kol­li­die­ren­den Grundrechten an­de­rer Grundrechtsträger, aber auch aus an­de­ren mit Verfassungsrang aus­ge­stat­te­ten Rechtsgütern er­ge­ben. Dabei ist der Konflikt mit den an­de­ren ver­fas­sungs­recht­li­ch ge­schütz­ten Gütern nach dem Grundsatz prak­ti­scher Konkordanz zu lö­sen, der for­dert, dass nicht ei­ne der wi­der­strei­ten­den Rechtspositionen be­vor­zugt und ma­xi­mal be­haup­tet wird, son­dern al­le ei­nen mög­lichst scho­nen­den Ausgleich er­fah­ren (BVerfG, Beschl. v. 02.10.2003 – 1 BvR 536/03 –, Rn. 15, ju­ris; Beschl. v. 16.05.1995 – 1 BvR 1087/91 –, Rn. 51, ju­ris). Die schwä­che­re Norm darf nur so weit zu­rück­ge­drängt wer­den, wie das lo­gi­sch und sys­te­ma­ti­sch zwin­gend er­scheint; ihr sach­li­cher Grundwertgehalt muss in je­dem Fall re­spek­tiert wer­den (BVerfG, Beschl. v. 26.05.1970 – 1 BvR 83/69 u.a. -, Rn. 58, ju­ris).

Ausgehend von der Entscheidung des BVerfG vom 26.01.1982 (1 BvR 1295/80 -, a.a.O. - s.o. un­ter I.1.a.) be­zweckt die Schutzhelmtragepflicht so­wohl, Kopfverletzungen beim Fahrer/Mitfahrer zu ver­mei­den oder je­den­falls de­ren Schwere zu ver­min­dern (Eigenschutz - in die­sem Sinne auch BGH, Urt. v. 25.01.1983 – VI ZR 92/81 –, Rn. 14, ju­ris), als auch die Entlastung der Allgemeinheit von schwe­ren Belastungen, die aus Unfällen mit schwe­ren Kopfverletzungen fol­gen kön­nen, z.B. durch Einsatz der Rettungsdienste, ärzt­li­che Versorgung, Rehabilitationsmaßnahmen, Versorgung von Invaliden (in die­sem Sinne auch VG Augsburg, Urt. v. 27.06.2000 – Au 3 K 00.466 –, ju­ris). Ein da­mit eng ver­knüpf­tes öf­fent­li­ches Interesse be­steht fer­ner dar­in, dass in vie­len Fällen nach ei­nem Verkehrsunfall wei­te­rer Schaden für Dritte da­durch ab­ge­wen­det wer­den kann, dass ein be­tei­lig­ter Motorradfahrer dank sei­nes Schutzhelms bei Bewusstsein blei­ben und die Unfallstelle räu­men, Rettungsdienste alar­mie­ren und so­fort Maßnahmen er­grei­fen kann (VG Berlin, Urt. v. 16.04.2013 – 11 K 298.12 –, Rn. 13, ju­ris). Schließlich ist zu be­den­ken, dass im Falle ei­nes Verkehrsunfalls mit ei­nem Motorradfahrer, der er­laub­ter­wei­se kei­nen Schutzhelm trägt, die Verletzungsfolgen auf­grund des feh­len­den Schutzhelmes un­ter Umständen vom Unfallgegner zu tra­gen sind. Sofern bei der Prüfung ei­ner Ausnahmegenehmigung von der Helmpflicht al­lein auf ge­sund­heit­li­che Belange des be­tref­fen­den Motorradfahrers ab­ge­stellt wür­de, wür­de dies da­her fi­nan­zi­el­le Interessen an­de­rer Verkehrsteilnehmer und ih­rer Versicherer kaum zu­mut­bar be­ein­träch­ti­gen (VG Berlin, a.a.O.; in die­sem Sinne auch kri­ti­sch bei ei­ner Ausnahme von der Gurtpflicht: OVG Lüneburg, Beschl. v. 26.02.2015 – 12 LA 137/14 –, Rn. 7, ju­ris).

Die über den Eigenschutz des Motorradfahrers hin­aus­ge­hen­den Zwecke, um­fang­rei­che ma­te­ri­el­le Folgen von Motorradunfällen für die Allgemeinheit zu ver­hin­dern bzw. zu­min­dest zu be­gren­zen, sind durch ver­fas­sungs­im­ma­nen­te Schranken ge­deckt. Dies er­gibt si­ch un­ter dem Gesichtspunkt der Sozialversicherung, die vom Gesetzgebungskompetenztitel des Art. 74 Abs. 1 Nr. 12 GG ab­ge­deckt ist. Aus Kompetenznormen sind auf­grund der dar­in aus­ge­drück­ten grund­sätz­li­chen ver­fas­sungs­recht­li­chen Anerkennung und Billigkeit des ge­re­gel­ten Gegenstands ver­fas­sungs­im­ma­nen­te Schranken zu ent­neh­men (vgl. BVerfG, Beschl. v. 20.12.1979 – 1 BvR 385/77 –, Rn. 51, ju­ris [Art. 74 Nr. 11a GG: Nutzung der Kernenergie zu fried­li­chen Zwecken] so­wie ins­be­son­de­re Urt. v. 20.12.1960 – 1 BvL 21/60 –, Rn. 17, ju­ris und Urt. v. 24.04.1985 – 2 BvF 2/83 u.a. -, Rn. 43, ju­ris [Art. 12 a, 73 Nr. 1, 87 a und 115 b GG: Wehrverfassung und Kriegsdienstverweigerung]; ge­gen ein Ausreichen le­dig­li­ch von Kompetenztiteln hin­ge­gen: Bellardita/Neureither, Jus 2005, 1000 [1003]; Frenz, Jus 2009, 493 [495]). Entsprechendes folgt fer­ner aus Art. 20 Abs. 1 GG un­ter dem Gesichtspunkt des Sozialstaatsprinzips (hier zu­stim­mend Bellardita/Neureither, a.a.O.). Unter bei­de Verfassungsgüter lässt si­ch der mit der Helmpflicht über die Eigensicherung hin­aus ver­folg­te Schutzzweck ein­ord­nen und ist da­mit fä­hig, zu ei­ner Einschränkung der Religionsfreiheit zu füh­ren.

Erachtet man das Grundrecht der frei­en Religionsausübung ge­mäß Art. 140 GG i.V.m. Art. 136 WRV un­ter den Vorbehalt der all­ge­mei­nen Gesetze ge­stellt (so BVerwG, Urt. v. 23.11.2000 - 3 C 40/99 -, Rn. 20 ff., ju­ris; Stern/Becker, Grundrechte-Kommentar, 2. Aufl. 2016, Art. 4, Rn. 211/212), so er­gibt si­ch ei­ne Einschränkbarkeit be­reits di­rekt aus § 21a Abs. 2 StVO.

Im Einzelfall wä­re die­se Einschränkung für den Kläger schließ­li­ch auch zu­mut­bar. Der Grundsatz der prak­ti­schen Konkordanz (der hier an die Stelle der üb­li­chen Verhältnismäßigkeitsprüfung tritt - vgl. Voßkuhle, JuS 2007, 429 [430/431]) wur­de vor­lie­gend nicht ver­letzt, in­dem dem Kläger ei­ne Ausnahme ver­wei­gert wur­de. Wie oben dar­ge­legt, wür­de si­ch - so­fern über­haupt ein Eingriff vor­liegt - ein sol­cher Eingriff am äu­ßers­ten Rand des Schutzbereichs des Grundrechts be­we­gen. Im Übrigen blie­be hin­ge­gen die Religionsfreiheit des Klägers un­be­ein­träch­tigt. Auch bleibt die Teilnahme am Straßenverkehr mit ei­nem Turban völ­lig un­ein­ge­schränkt beim Fahren mit PKW und LKW so­wie öf­fent­li­chen Verkehrsmitteln mög­li­ch. Anhaltspunkte da­für, der Kläger sei be­son­ders – et­wa aus be­ruf­li­chen oder sons­ti­gen in­di­vi­du­el­len Gründen – auf ein Motorrad an­ge­wie­sen, lie­gen nicht vor. Von ei­ner un­zu­läs­si­gen, weil ein­sei­ti­gen Zurückdrängung der Religionsfreiheit zu Gunsten des öf­fent­li­chen Interesses kann so­mit nicht die Rede sein (a.A. Bellardita/Neureither, a.a.O.).

Eine den Kläger ge­rin­ger be­las­ten­de Regelung gibt es nicht. Eine Ausnahmegenehmigung un­ter Auflagen, die et­wa von Fahrleistung und Fahrstrecke so­wie be­nutz­ter Maschine ab­hän­gig ge­macht wird, er­ach­tet die Kammer für of­fen­sicht­li­ch un­ge­eig­net. Es gibt über­haupt kei­nen Anhaltspunkt da­für, dass ei­ne ge­rin­ge Laufleistung auf ei­ner nicht be­son­ders un­fall­träch­ti­gen Strecke mit ei­ner leich­ten Maschine (in die­sem Sinne aber et­wa VG Augsburg, Urt. v. 27.06.2000, a.a.O.) ei­nen der­art ge­rin­ge­ren Gefährdungsgrad hät­te, dass die oben ge­nann­ten schwer­wie­gen­den Folgen hin­rei­chend si­cher ver­mie­den bzw. zu­min­dest ab­ge­mil­dert wer­den könn­ten. Unabhängig da­von wä­re ei­ne sol­che Auflage in der Praxis wohl auch nicht ein­zu­hal­ten bzw. zu über­wa­chen.

<cc.> Die Versagung der Ausnahmegenehmigung ver­stößt auch nicht ge­gen das all­ge­mei­ne Gleichheitsrecht aus Art. 3 Abs. 1 GG. Soweit in L. und H. Angehörige der Sikh-Religion durch Entscheidungen der dor­ti­gen Behörden von der Helmpflicht aus­ge­nom­men wor­den sind, be­trifft dies die Entscheidungszuständigkeitsbereiche an­de­rer Rechtsträger als der Beklagten. Ein Anspruch auf Gleichbehandlung steht dem Einzelnen in­des­sen nur ge­gen­über dem nach der Kompetenzverteilung kon­kret zu­stän­di­gen Träger öf­fent­li­cher Gewalt zu (BVerfG, Beschl. v. 12.05.1987 – 2 BvR 1226/83 u.a. –, Rn. 151, ju­ris). Ferner ist nicht er­sicht­li­ch, dass es si­ch hier­bei um ver­gleich­ba­re Fälle han­del­te. Selbst wenn dies an­ders sein soll­te, so wä­ren die Ausnahmegenehmigungen für die je­wei­li­gen Antragsteller nach Auffassung der Kammer rechts­wid­rig ge­we­sen, so dass si­ch Kläger hier­auf nicht be­ru­fen könn­te.

<dd.> Aus Europarecht schließ­li­ch er­gibt si­ch auch nichts an­de­res.

Einen Anspruch auf Gleichbehandlung in­ner­halb der EU bzw. des Europarates - spe­zi­ell et­wa un­ter Berufung auf die Rechtslage in Großbritannien, wo die Sikhs von der Helmpflicht be­freit sind, gibt es nicht. Für ei­nen Verstoß ge­gen das Diskriminierungsverbot aus Art. 14 EMRK ist nichts er­sicht­li­ch. Die Religionsfreiheit aus Art. 9 EMRK geht zu­guns­ten des Klägers eben­falls nicht wei­ter als das Grundrecht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG. Die EMRK und ih­re Zusatzprotokolle ste­hen in der deut­schen Rechtsordnung im Range ei­nes förm­li­chen Bundesgesetzes. Der Konventionstext und die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte die­nen auf der Ebene des Verfassungsrechts als Auslegungshilfen für die Bestimmung von Inhalt und Reichweite von Grundrechten und rechts­staat­li­chen Garantien des GG, so­fern dies nicht zu ei­ner - von der Konvention selbst nicht ge­woll­ten - Einschränkung oder Minderung des Grundrechtsschutzes nach dem GG führt (BVerfG, Beschl. v. 14.10.2004 – 2 BvR 1481/04 –, Rn. 30-32, ju­ris). Bereits mit Entscheidung vom 12.07.1978 (Nr. 7992/77 - X. vs. United Kingdom) stell­te der da­ma­li­ge (vor Einrichtung des EGMR ent­schei­dungs­zu­stän­di­ge) Menschenrechtsausschuss vor Einführung der ge­ne­rel­len Helmbefreiung für Sikhs in Großbritannien fest, dass die bis da­hin gel­ten­de Schutzhelmpflicht im über­wie­gen­den öf­fent­li­chen Interesse ge­mäß Art. 9 Abs. 2 EMRK ge­recht­fer­tigt sei. Mit Entscheidung vom 13.11.2008 (Nr. 24479/07 - ju­ris) stell­te der EGMR fer­ner fest, dass die Verpflichtung, wo­nach si­ch ein prak­ti­zie­ren­der Sikh auf dem Foto für ei­nen Ersatzführerschein oh­ne Turban ab­bil­den las­sen müs­se, für Behörden ge­ra­de bei Verkehrskontrollen not­wen­dig sei, um den Fahrer zu iden­ti­fi­zie­ren und sei­ne Fahrerlaubnis zu über­prü­fen. Derartige Kontrollen aber sei­en not­wen­dig für die öf­fent­li­che Sicherheit im Sinne des Art. 9 Abs. 2 EMRK. In der Entscheidung vom 01.07.2014 (Nr. 43835/11) - S.A.S. ge­gen Frankreich) stell­te der EGMR schließ­li­ch fest, dass das Verbot der Vollverschleierung in der Öffentlichkeit („Burka-Verbot“) aus Gründen des Zusammenlebens so­wie des Schutzes der Rechte und Freiheiten an­de­rer in ei­ner de­mo­kra­ti­schen Gesellschaft not­wen­dig sei. Er ließ in­so­weit als Rechtfertigung für die­sen er­heb­li­chen Eingriff in die Religionsfreiheit der da­von im ge­sam­ten Alltag über­all in der Öffentlichkeit be­trof­fe­nen Trägerin die­ses Kleidungsstücks aus­rei­chen, dass ein öf­fent­li­ches Interesse an of­fe­ner Kommunikation be­stehe, dem ei­ne Verhüllung des Gesichts als Kommunikationshindernis ent­ge­gen­ste­he.

Das in Art. 10 Abs. 1 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (GRCh) ver­an­ker­te Recht auf Religionsfreiheit ent­spricht dem in Art. 9 EMRK ga­ran­tier­ten Recht (EuGH, Urt. v. 05.09.2012 – C-71/11, C-99/11 –, Rn. 56, ju­ris). Ungeachtet des­sen ge­langt die GrCh hier man­gels Durchführung des Rechts der Union i.S.v. Art. 51 Abs. 1 GRCh nicht zur Anwendung (vgl. da­zu et­wa EuGH, Urt. v. 26.02.2013, C-617/10 [Akerberg Fransson] -, Rn. 19 ff., ju­ris). § 21a StVO ist kei­ne uni­ons­recht­li­che an­ge­rei­cher­te Vorschrift (vgl. da­zu nä­her Burmann/Heß/Jahnke/Janker, a.a.O., Vorbemerkungen – StVO Rn. 2).

Über Alexander Gratz

Dipl. jur. Universität des Saarlandes

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