Schlauch des Tankwagens beim Befüllen ei­nes Heizöltanks un­dicht - Halter und Versicherer haf­ten

Karl-Heinz Laube  / pixelio.de
Karl-Heinz Laube / pixelio.de

Die Beklagte zu 1 lie­fer­te mit ih­rem Tanklastwagen, der bei der Beklagten zu 2 kraftfahrzeug- und be­triebs­haft­pflicht­ver­si­chert ist, Heizöl zum Anwesen des Klägers und ei­ni­gen Nachbarn. Nach Abstellen des Fahrzeugs wur­de ein Schlauch an des­sen Öltank an­ge­schlos­sen und mit dem Öleinfüllstutzen am Haus der Kläger ver­bun­den. An ei­ner un­dich­ten Stelle am Tanklastwagen spritz­te Öl an die Hausfassade und drang in das Erdreich ein. Außerdem spritz­te Öl in den Hausflur und in die Küche des Klägers so­wie auf die Straße vor dem Anwesen. Der BGH be­stä­tigt, dass ein Anspruch des Klägers aus § 7 Abs. 1 StVG be­steht, da si­ch der Tankwagen in Betrieb be­fand, auch da er si­ch im öf­fent­li­chen Verkehrsraum be­fand und au­ßer­dem die (öf­fent­li­che) Straße mit Öl ver­schmutz­te. Gegen die Beklagte zu 2 be­stehe eben­falls ein (Direkt-)Anspruch, was mit der 1. KH-Richtlinie in Einklang ste­he (BGH, Urteil vom 08.12.2015, Az. VI ZR 139/15).

1. Das Berufungsgericht hat zu Recht Schadensersatzansprüche der Kläger ge­gen die Beklagte zu 1 aus § 7 Abs. 1 StVG be­jaht.

a) Voraussetzung des § 7 Abs. 1 StVG ist, dass ei­nes der dort ge­nann­ten Rechtsgüter “bei dem Betrieb ei­nes Kraftfahrzeuges” ver­letzt bzw. be­schä­digt wor­den ist. Nach der stän­di­gen Rechtsprechung des er­ken­nen­den Senats ist die­ses Haftungsmerkmal ent­spre­chend dem um­fas­sen­den Schutzzweck der Norm weit aus­zu­le­gen. Denn die Haftung nach § 7 Abs. 1 StVG ist der Preis da­für, dass durch die Verwendung ei­nes Kraftfahrzeuges er­laub­ter­wei­se ei­ne Gefahrenquelle er­öff­net wird; die Vorschrift will da­her al­le durch den Kraftfahrzeugverkehr be­ein­fluss­ten Schadensabläufe er­fas­sen. Ein Schaden ist dem­ge­mäß be­reits dann “bei dem Betrieb” ei­nes Kraftfahrzeuges ent­stan­den, wenn si­ch in ihm die von dem Kraftfahrzeug aus­ge­hen­den Gefahren aus­ge­wirkt ha­ben, d.h. wenn bei der in­so­weit ge­bo­te­nen wer­ten­den Betrachtung das Schadensgeschehen durch das Kraftfahrzeug (mit)geprägt wor­den ist (vgl. Senatsurteile vom 5. Juli 1988 - VI ZR 346/87, BGHZ 105, 65, 66 f.; vom 6. Juni 1989 - VI ZR 241/88, BGHZ 107, 359, 366; vom 31. Januar 2012 - VI ZR 43/11, BGHZ 192, 261 Rn. 17; vom 19. April 1988 - VI ZR 96/87, VersR 1988, 641; vom 3. Juli 1990 - VI ZR 33/90, VersR 1991, 111, 112; vom 27. November 2007 - VI ZR 210/06, VersR 2008, 656 Rn. 7, und vom 26. Februar 2013 - VI ZR 116/12, VersR 2013, 599 Rn. 15). Für die Zurechnung der Betriebsgefahr kommt es da­mit maß­geb­li­ch dar­auf an, dass der Unfall in ei­nem na­hen ört­li­chen und zeit­li­chen Zusammenhang mit ei­nem be­stimm­ten Betriebsvorgang oder ei­ner be­stimm­ten Betriebseinrichtung des Kraftfahrzeuges steht (vgl. Senatsurteile vom 21. Januar 2014 - VI ZR 253/13, BGHZ 199, 377 Rn. 5; vom 11. Juli 1972 - VI ZR 86/71, VersR 1972, 1074; vom 10. Oktober 1972 - VI ZR 104/71, VersR 1973, 83; vom 10. Februar 2004 - VI ZR 218/03, VersR 2004, 529, 531; vom 27. November 2007 - VI ZR 210/06, VersR 2008, 656 Rn. 9; vom 26. Februar 2013 - VI ZR 116/12, VersR 2013, 599 Rn. 15; vom 24. März 2015 - VI ZR 265/14, VersR 2015, 638 Rn. 5).

Bei Kraftfahrzeugen mit Arbeitsfunktionen ist es er­for­der­li­ch, dass ein Zusammenhang mit der Bestimmung des Kraftfahrzeuges als ei­ne der Fortbewegung und dem Transport die­nen­de Maschine (vgl. § 1 Abs. 2 StVG) be­steht. Eine Haftung nach § 7 Abs. 1 StVG ent­fällt da­her, wenn die Fortbewegungs- und Transportfunktion des Kraftfahrzeuges kei­ne Rolle mehr spielt und das Fahrzeug nur no­ch als Arbeitsmaschine ein­ge­setzt wird (vgl. Senatsurteile vom 5. Juli 1988 - VI ZR 346/87, BGHZ 105, 65, 67; vom 23. Mai 1978 - VI ZR 150/76, BGHZ 71, 212, 214, und vom 27. Mai 1975 - VI ZR 95/74, VersR 1975, 945, 946 ; BGH, Urteil vom 13. Dezember 1990 - III ZR 14/90, BGHZ 113, 164, 165) oder bei Schäden, in de­nen si­ch ei­ne Gefahr aus ei­nem ge­gen­über der Betriebsgefahr ei­gen­stän­di­gen Gefahrenkreis ver­wirk­licht hat (vgl. Senatsurteil vom 2. Juli 1991 - VI ZR 6/91, BGHZ 115, 84, 87 mwN). Eine Verbindung mit dem “Betrieb” als Kraftfahrzeug kann je­doch zu be­ja­hen sein, wenn ei­ne “fahr­ba­re Arbeitsmaschine” ge­ra­de wäh­rend der Fahrt be­stim­mungs­ge­mäß Arbeiten ver­rich­tet (vgl. Senatsurteil vom 18. Januar 2005 - VI ZR 115/04, VersR 2005, 566, 567; BGH, Urteil vom 13. Dezember 1990 - III ZR 14/90, BGHZ 113, 164, 165; vgl. auch OLG Stuttgart, VersR 2003, 1275, 1276; OLG Rostock, DAR 1998, 474, 475).

Dieser Gesichtspunkt kann je­doch nicht los­ge­löst von dem kon­kre­ten Einsatzbereich des Fahrzeuges mit Arbeitsfunktion ge­se­hen wer­den. Zwar könn­ten die Entscheidungen des Bundesgerichtshofs zu Schäden beim Füllen von Heizungstanks (vgl. Senatsurteile vom 23. Mai 1978 - VI ZR 150/76, BGHZ 71, 212; vom 6. Juni 1978 - VI ZR 156/76, VersR 1978, 840; vom 13. Dezember 1994 - VI ZR 283/93, VersR 1995, 427, 428; BGH, Urteil vom 14. Juni 1993 - III ZR 135/92, VersR 1993, 1155) und ei­nes Silos (Senatsurteil vom 27. Mai 1975 - VI ZR 95/74, VersR 1975, 945 f.), in de­nen die Zuordnung der Schadensentstehung zum Betrieb ei­nes Kraftfahrzeuges ver­neint wor­den ist, so ver­stan­den wer­den, dass das maß­geb­li­che Kriterium der Differenzierung das Stehen oder Fahren des Kraftfahrzeuges wäh­rend der Arbeitsfunktion dar­stellt. Dies ist je­doch in die­ser Allgemeinheit nicht zu­tref­fend (vgl. Senatsurteil vom 24. März 2015 - VI ZR 265/14, VersR 2015, 638 Rn. 13). Erforderlich ist näm­li­ch stets, dass es si­ch bei dem Schaden, für den Ersatz ver­langt wird, um ei­ne Auswirkung der­je­ni­gen Gefahren han­delt, hin­sicht­li­ch de­rer der Verkehr nach dem Sinn der Haftungsvorschrift schad­los ge­hal­ten wer­den soll, d.h. die Schadensfolge muss in den Bereich der Gefahren fal­len, um de­rent­wil­len die Rechtsnorm er­las­sen wor­den ist (st. Rspr.; vgl. Senatsurteile vom 31. Januar 2012 - VI ZR 43/11, BGHZ 192, 261 Rn. 17; vom 21. Januar 2014 - VI ZR 253/13, BGHZ 199, 377 Rn. 5; vom 3. Juli 1962 - VI ZR 184/61, BGHZ 37, 311, 315 ff.; vom 27. Januar 1981 - VI ZR 204/79, BGHZ 79, 259, 262 f.; vom 6. Juni 1989 - VI ZR 241/88, BGHZ 107, 359, 367; vom 3. Juli 1990 - VI ZR 33/90, VersR 1991, 111, 112; vom 26. April 2005 - VI ZR 168/04, VersR 2005, 992, 993; vom 26. Februar 2013 - VI ZR 116/12, VersR 2013, 599 Rn. 15).

Gemessen dar­an ist ei­ne Verbindung mit dem “Betrieb” des Kraftfahrzeuges i.S.v. § 7 Abs. 1 StVG beim ste­hen­den Fahrzeug auch dann ge­ge­ben, wäh­rend das Kraftfahrzeug in in­ne­rem Zusammenhang mit sei­ner Funktion als Verkehrs- und Transportmittel ent­la­den wird, und zwar auch dann, wenn das Entladen mit Hilfe ei­ner spe­zi­el­len Entladevorrichtung des Kraftfahrzeuges er­folgt. Daher haf­tet der Halter auch in die­sen Fällen für die Gefahr, die das Kraftfahrzeug beim Entladen in dem in Anspruch ge­nom­me­nen Verkehrsraum für an­de­re Verkehrsteilnehmer dar­stellt (Senatsurteil vom 23. Mai 1978 - VI ZR 150/76, BGHZ 71, 212, 215 f.). Hierhin fällt nicht nur die Gefahr durch das ent­la­den­de Kraftfahrzeug als sol­ches, son­dern auch die­je­ni­ge, die von den Entladevorrichtungen und dem Ladegut aus­geht. So hat et­wa der Halter ei­nes Tanklastzuges für Unfälle ein­zu­ste­hen, die si­ch bei der Anlieferung von Öl da­durch er­ge­ben, dass Öl auf die Straße läuft, weil der Schlauch un­dicht ist, oder je­mand über den Auslassschlauch stol­pert (Senatsurteile vom 23. Mai 1978 - VI ZR 150/76, aaO, 215; vom 5. Juli 1988 - VI ZR 346/87, BGHZ 105, 65, 67).

b) Nach die­sen Grundsätzen ist bei der ge­bo­te­nen Einzelfallbetrachtung (vgl. Senatsurteil vom 27. Mai 1975 - VI ZR 95/74, VersR 1975, 945, 946) der Schaden der Kläger auf den Betrieb des Tankwagens des Beklagten zu 1 zu­rück­zu­füh­ren. Dafür ge­nüg­te es al­ler­dings nicht, dass der Motor des Kraftfahrzeuges für den Betrieb der Ölpumpe ein­ge­setzt wur­de (vgl. Senatsurteil vom 27. Mai 1975 - VI ZR 95/74, VersR 1975, 945, 946). Im Streitfall ist viel­mehr maß­geb­li­ch, dass der Tankwagen im öf­fent­li­chen Verkehrsraum vor dem Haus der Kläger ab­ge­stellt war und ei­ne un­dich­te Stelle in ei­nem Schlauchstück vor der Schlauchtrommel beim Entladen ei­ne Ölfontäne ver­ur­sach­te, die so­wohl zu ei­ner Ölverschmutzung der öf­fent­li­chen Straße als auch zur Beschädigung des Hausgrundstücks der Kläger führ­te. Es han­del­te si­ch al­so um Gefahren, die von ei­nem im Verkehr be­find­li­chen Fahrzeug beim Entladevorgang aus­gin­gen. Bei die­sem Hergang war es al­lein vom Zufall ab­hän­gig, ob nur der Verkehrsraum, an­de­re Verkehrsteilnehmer oder auch das Hausgrundstück ge­schä­digt wur­den.

Soweit die Revision gel­tend macht, dass die­ses Verständnis vom “Betrieb ei­nes Kraftfahrzeuges” wei­ter ge­he als die 1. KH-Richtlinie (Richtlinie 72/166/EWG des Rates vom 22. April 1972 be­tref­fend die Angleichung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten be­züg­li­ch der Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung und der Kontrolle der ent­spre­chen­den Versicherungspflicht, ABl. EG L 103 S. 1), dort sei un­ter der Benutzung von Kraftfahrzeugen le­dig­li­ch die als Verkehrsmittel im Straßenverkehr zu ver­ste­hen und nicht der Einsatz blo­ßer Arbeitsmaschinen, ist fest­zu­hal­ten, dass die ge­nann­te Richtlinie nicht den Umfang der Haftpflicht im Zusammenhang mit Kraftfahrzeugen re­gelt, son­dern den Umfang der Pflichtversicherung, wenn Haftpflichtansprüche be­stehen. Nach der Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europäischen Union sol­len die 1., 2. und 3. KH-Richtlinie nicht die Haftpflichtregelungen der Mitgliedstaaten har­mo­ni­sie­ren. Diesen steht es viel­mehr nach wie vor frei, die Haftpflicht für Schäden aus Verkehrsunfällen mit Kraftfahrzeugen selbst zu re­geln (EuGH, Urteil vom 23. Oktober 2012 - C-300/10, Rn. 29 -, Juris - Marques Almeida; Urteil vom 19. April 2007 - C-356/05, NJW 2007, 269 Rn. 3 - Farrell).

Das Berufungsgericht konn­te es da­na­ch of­fen las­sen, ob ei­ne de­lik­ti­sche Haftung oder Haftung we­gen der Verletzung von ver­trag­li­chen Verpflichtungen sei­tens des Beklagten zu 1 in Betracht kommt. Auch ob den Klägern auf der Grundlage ei­ner Gefährdungshaftung ge­gen den Beklagten zu 1 ein Anspruch aus § 2 Abs. 1 HPflG zu­steht, wie vom Berufungsgericht an­ge­nom­men, kann da­hin­ge­stellt blei­ben.

2. Zutreffend hat das Berufungsgericht ei­nen Direktanspruch der Kläger ge­gen die Beklagte zu 2, die Kraftfahrzeughaftpflichtversicherung der Beklagten zu 1, auf der Grundlage von § 3 Nr. 1 PflVG aF i.V.m. § 7 Abs. 1 StVG und dem zwi­schen den Beklagten ab­ge­schlos­se­nen Vertrag über die Kraftfahrzeughaftpflichtversicherung für den streit­ge­gen­ständ­li­chen Tankwagen an­ge­nom­men.

Da si­ch der Schadensfall am 24. August 2006 er­eig­ne­te, ist für den Direktanspruch ge­gen den Kraftfahrzeughaftpflichtversicherer nicht § 115 VVG, son­dern no­ch § 3 Nr. 1 PflVG aF an­wend­bar (vgl. Art. 12 Abs. 1, 2, 8, 1 des Gesetzes zur Reform des Versicherungsvertragsrechts vom 23. November 2007, BGBl. I S. 2631; Art. 1 Abs. 2 EGVVG; vgl. auch MünchKomm VVG/Looschelders, Art. 1 EGVVG Rn. 13; Stiefel/Maier, Kraftfahrtversicherung, 18. Aufl., § 115 VVG Rn. 1).

Nach § 3 Nr. 1 PflVG aF kann der Dritte im Rahmen der Leistungspflicht des Versicherers aus dem Versicherungsverhältnis ei­nen Anspruch auf Ersatz des Schadens auch ge­gen den Versicherer gel­tend ma­chen. Die Zulässigkeit ei­ner Direktklage der Kläger ge­gen die Beklagte zu 2 setzt mit­hin vor­aus, dass sie ei­nen Schadensersatzanspruch ge­gen de­ren Versicherungsnehmerin, die Beklagte zu 1, gel­tend ma­chen, der im Rahmen der Kraftfahrzeughaftpflichtpflichtversicherung von der Beklagten zu 2 ge­deckt wer­den muss. Die Vorschrift des § 1 PflVG, die hier­für maß­geb­li­ch ist, ver­pflich­tet den Halter ei­nes Kraftfahrzeugs, ei­ne Haftpflichtversicherung zur Deckung der “durch den Gebrauch des Fahrzeugs” ver­ur­sach­ten Personenschäden, Sachschäden und sons­ti­gen Vermögensschäden ab­zu­schlie­ßen und auf­recht­zu­er­hal­ten.

An das Pflichtversicherungsgesetz knüpf­te § 10 Abs. 1 AKB an (vgl. nur § 10 AKB 1988, BAnz. S. 3660; § 10 AKB, Musterbedingungen, Stand Oktober 1996, in Stiefel/Hofmann, Kraftfahrtversicherung, 17. Aufl., S. 637 f.; § 10 AKB i.d.F. vom 12. Mai 2006 in Feyock/Jacobsen/Lemor, Kraftfahrtversicherung, 3. Aufl., S. 492 ff.), in dem es heißt, dass die Kraftfahrzeughaftpflichtversicherung die­je­ni­gen Schäden deckt, die “durch den Gebrauch des im Vertrag be­zeich­ne­ten Fahrzeugs” ver­ur­sacht wor­den sind (vgl. Senat, Urteile vom 31. Januar 2012 - VI ZR 43/11, BGHZ 192, 261 Rn. 6; vom 26. Juni 1979 - VI ZR 122/78, BGHZ 75, 45, 47; Beschluss vom 8. April 2008 - VI ZR 229/07, SP 2008, 338; BGH, Urteil vom 10. Juli 1980 - IVa ZR 17/80, BGHZ 78, 52, 53 f.). Auch in den AKB 2008 A. 1.1 wird die Freistellung von Schäden ver­spro­chen, die durch den Gebrauch des Fahrzeugs ent­stan­den sind (vgl. nur Stiefel/Maier, Kraftfahrtversicherung, 18. Aufl. AKB 2008 A. 1.1 Was ist ver­si­chert?). An die Regelung des § 10 AKB hat der Verordnungsgeber (§ 4 Abs. 1 PflVG) an­ge­knüpft, als er in § 2 KfzPflVV als Gegenstand des Versicherungsschutzes be­stimmt hat, dass die Versicherung die Befriedigung be­grün­de­ter und die Abwehr un­be­grün­de­ter Schadensersatzansprüche zu um­fas­sen hat, die auf­grund ge­setz­li­cher Haftpflichtbestimmungen pri­vat­recht­li­chen Inhalts er­ho­ben wer­den, wenn durch den Gebrauch des ver­si­cher­ten Fahrzeugs Schäden ein­ge­tre­ten sind (vgl. Stiefel/Hofmann, Kraftfahrtversicherung, 17. Aufl., § 2 KfzPflVV Rn. 1). Da § 1 PflVG, der die Versicherungspflicht und da­mit den Mindeststandard des zu ge­währ­leis­te­ten Haftpflichtversicherungsschutzes re­gelt und an den die Regelung des Direktanspruchs an­knüpft, den Begriff des “Gebrauchs des Kraftfahrzeuges” un­mit­tel­bar nennt, muss die­se Norm zur Bestimmung des Mindestschutzes her­an­ge­zo­gen wer­den, un­ab­hän­gig da­von, ob ei­ne Auslegung der ver­trag­li­chen Regelungen des je­wei­li­gen Haftpflichtversicherungsvertrages mög­li­cher­wei­se den Wagnisumfang er­wei­tert.

Bei der Kraftfahrzeughaftpflichtversicherung ist das Interesse ver­si­chert, das der Versicherte dar­an hat, durch den Gebrauch des Fahrzeuges nicht mit Haftpflichtansprüchen be­las­tet zu wer­den, gleich ob die­se auf den §§ 7 ff. StVG, den §§ 823 ff. BGB oder an­de­ren Haftungsnormen be­ru­hen. Von der Kraftfahrzeughaftpflichtversicherung soll die ty­pi­sche, vom Gebrauch des Fahrzeugs selbst und un­mit­tel­bar aus­ge­hen­de Gefahr ge­deckt sein (vgl. BGH, Urteil vom 27. Oktober 1993 - IV ZR 243/92, VersR 1994, 83, 84). Es kommt mit­hin dar­auf an, ob der Schadensfall zu dem Haftpflichtgefahrenbereich ge­hört, für den die Kraftfahrzeughaftpflichtversicherung de­ckungs­pflich­tig ist. “Gebraucht” wird ein Kraftfahrzeug auch dann, wenn es nur als Arbeitsmaschine ein­ge­setzt wird. Der Entladevorgang ge­hört da­na­ch zu sei­nem Gebrauch, so­lan­ge das Kraftfahrzeug oder sei­ne an und auf ihm be­find­li­chen Verrichtungen da­bei be­tei­ligt sind. Der Schaden, der beim Hantieren mit Ladegut ein­tritt, ist dann “durch den Gebrauch” des Kraftfahrzeugs ent­stan­den, wenn es für die scha­dens­stif­ten­de Verrichtung ak­tu­ell, un­mit­tel­bar, zeit­li­ch und ört­li­ch na­he ein­ge­setzt wor­den ist. Nach die­sen Grundsätzen ist das Entladen ei­nes Tanklastzuges mit­tels ei­ner auf ihm be­find­li­chen Pumpe dem Gebrauch des Kraftfahrzeugs zu­zu­ord­nen, so­lan­ge der Druck der Pumpe no­ch auf das ab­zu­fül­len­de Öl ein­wirkt und die Flüssigkeit durch den Schlauch her­aus­treibt. Damit wird der Tanklastzug mit sei­nen spe­zi­el­len Vorrichtungen un­mit­tel­bar ein­ge­setzt und es ver­wirk­licht si­ch ei­ne Gefahr, die von dem Fahrzeug selbst aus­geht (vgl. Senat, Urteil vom 19. September 1989 - VI ZR 301/88, VersR 1989,1187; Beschluss vom 8. April 2008 - VI ZR 229/07, SP 2008, 338). Der im Streitfall beim Entladevorgang des Öltankwagens, der si­ch im öf­fent­li­chen Straßenraum be­fand, ein­ge­tre­te­ne Ölschaden ist dem­nach nicht nur dem Betrieb, son­dern auch dem Gebrauch des Kraftfahrzeuges zu­zu­ord­nen.

So schließt nach der ganz herr­schen­den Meinung in Rechtsprechung und Literatur der Begriff des Gebrauchs im Sinne von § 1 PflVG den Betrieb des Kraftfahrzeuges im Sinne von § 7 StVG ein, geht aber no­ch dar­über hin­aus (vgl. nur Senatsurteile vom 31. Januar 2012 - VI ZR 43/11, JR 2013, 140 ff.; vom 26. Juni 1979 - VI ZR 122/78, BGHZ 75, 45, 48; BGH, Urteile vom 10. Juli 1980 - IVa ZR 17/80, BGHZ 78, 52, 53; vom 23. Februar 1977 - IV ZR 59/76, VersR 1977, 418, 419; Feyock in Feyock/Jacobsen/Lemor, Kraftfahrtversicherung, 3. Aufl., § 1 PflVG Rn. 9; Lampe in Erbs/Kohlhaas, Strafrechtliche Nebengesetze, § 1 PflVG Rn. 14, Stand September 2015).

Diesem Ergebnis steht auch die für den Streitfall no­ch maß­geb­li­che 1. KH-Richtlinie nicht ent­ge­gen. Zwar dien­te § 1 PflVG nicht der Umsetzung von Art. 3 der 1. KH-Richtlinie, der die Pflichtversicherung für die Kraftfahrzeughaftpflicht re­gelt, da die­se Versicherungspflicht für durch den Gebrauch des Fahrzeugs ver­ur­sach­te Schäden im na­tio­na­len Recht be­reits zu­vor be­stand (vgl. nur das Gesetz zur Änderung von Vorschriften über die Pflichtversicherung für Kraftfahrzeughalter vom 5. April 1965, BGBl. I S. 123; vgl. auch den his­to­ri­schen Abriss bei Feyock in Feyock/Jacobsen/Lemor, Kraftfahrtversicherung, 3. Aufl., Vor § 1 PflVG Rn. 1). Die Umsetzung der 1. KH-Richtlinie in deut­sches Recht er­folg­te mit dem Gesetz zur Änderung des Gesetzes über die Haftpflichtversicherung für aus­län­di­sche Kraftfahrzeuge und Kraftfahrzeuganhänger vom 11. Januar 1974 (BGBl. I S. 43) so­wie ei­ner hier­auf ge­stütz­ten Rechtsverordnung (Verordnung zur Durchführung der Richtlinie des Rates der Europäischen Gemeinschaften vom 24. April 1972 be­tref­fend die Angleichung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten be­züg­li­ch der Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung und der Kontrolle der ent­spre­chen­den Versicherungspflicht vom 8. Mai 1974, BGBl. I S. 1062; vgl. Lemor in Feyock/Jacobsen/Lemor, aaO, Europa, Rn. 34). Diese lie­ßen je­doch § 1 PflVG eben­so un­be­rührt wie auch die Umsetzungen der nach­fol­gen­den Kraftfahrzeughaftpflichtversicherungsrichtlinien.

Zu den Umsetzungsvorschriften ge­hö­ren aber nicht nur sol­che Vorschriften, die an­läss­li­ch der Umsetzung der Richtlinien ge­schaf­fen oder ge­än­dert wur­den, son­dern glei­cher­ma­ßen sol­che, die un­ver­än­dert ge­blie­ben sind und von nun an auch die Richtlinie um­set­zen (vgl. Kuhn, EuR 2015, 216 f.). Soweit sie in­halt­li­ch die Richtlinie um­set­zen, sind die na­tio­na­len Gerichte ver­pflich­tet, die Auslegung des na­tio­na­len Rechts un­ter vol­ler Ausschöpfung des Beurteilungsspielraums, den ih­nen das na­tio­na­le Recht ein­räumt, so­weit wie mög­li­ch am Wortlaut und Zweck der Richtlinie aus­zu­rich­ten, um das mit der Richtlinie ver­folg­te Ziel zu er­rei­chen (vgl. BGH, Urteil vom 26. November 2008 - VIII ZR 200/05, BGHZ 179, 27 Rn. 19 mwN).

Unter wel­chen Voraussetzungen nach Art. 3 Abs. 1 der 1. KH-Richtlinie ei­ne Pflichtversicherung für die Haftpflicht bei Fahrzeugen bei ge­wöhn­li­chem Standort im Inland ein­zu­rich­ten ist, hat der Gerichtshof der Europäischen Union be­reits ent­schie­den. In sei­nem Urteil vom 4. September 2014 (C-162/13, VersR 2015, 311 Rn. 41 ff. - Vnuk / Zavarovalnica Triglav d.d.) hat er aus­ge­führt, dass Art. 3 Abs. 1 der vor­ge­nann­ten Richtlinie da­hin aus­zu­le­gen ist, dass der dar­in
ent­hal­te­ne Begriff der “Benutzung ei­nes Fahrzeuges” je­de Benutzung ei­nes Fahrzeuges um­fasst, die des­sen ge­wöhn­li­cher Funktion ent­spricht (vgl. die eng­li­sche Fassung: “that the con­cept of ‚use of ve­hi­cles‘ in that ar­ti­cle co­vers any use of a ve­hi­cle, that is con­sis­tent wi­th the nor­mal func­tion of that ve­hi­cle”; in der fran­zö­si­schen Fassung: “…doit être in­ter­pré­té en ce sens que relè­ve de la no­ti­on de ‚cir­cu­la­ti­on des vé­hi­cu­les‘ qui y fi­gu­re tou­te uti­li­sa­ti­on d’un vé­hi­cu­le qui est con­for­me à la fonc­tion ha­b­i­tu­el­le de ce vé­hi­cu­le”).

Eine Vorlage an den Gerichtshof der Europäischen Union nach Art. 267 Abs. 3 AEUV ist auf­grund die­ser Klärung nicht ver­an­lasst (vgl. EuGH, Urteile vom 6. Oktober 1982 - C-283/81, Slg. 1982, I-03415 Rn. 16 - CILFIT/Ministero del­le Sanità; vom 11. September 2008 - C-428/06, Slg. 2008, I-06747 Rn. 42 - UGT-Rioja).

Die Subsumtion des kon­kre­ten Falles un­ter die­se Voraussetzungen ist Sache des na­tio­na­len Gerichtes (vgl. EuGH, Urteil vom 4. September 2014 - C-162/13, VersR 2015, 311 Rn.  59 - Vnuk / Zavarovalnica Triglav d.d.), so auch im Streitfall. Die be­son­de­re Betonung der Bedeutung des Schutzes der durch ei­nen Unfall Geschädigten, de­ren Schaden durch ein Fahrzeug bei des­sen Nutzung ver­ur­sacht wird, er­hellt, dass der Gerichtshof der Europäischen Union hier von ei­ner wei­ten Auslegung aus­geht. Deshalb ist an­zu­neh­men, dass der recht­li­che Gehalt des Begriffs “Gebrauch des Kraftfahrzeuges” des deut­schen Rechts in der bis­he­ri­gen Auslegung durch die höchst­rich­ter­li­che Rechtsprechung mit dem des Art. 3 Abs. 1 der 1. KH-Richtlinie in der Auslegung durch den Gerichtshof der Europäischen Union über­ein­stimmt. Nicht nur hin­sicht­li­ch der Begriffe “Benutzung” und “Gebrauch”, son­dern auch im Abstellen auf den un­mit­tel­ba­ren Einsatz und die von dem Fahrzeug selbst aus­ge­hen­den ty­pi­schen Gefahren, die als sol­che nur bei ei­ner Benutzung in der ge­wöhn­li­chen Funktion ein­tre­ten kön­nen, be­steht hier Übereinstimmung. In je­dem Fall ge­hört ein Entladevorgang bei ei­nem Lastwagen oder sons­ti­gen Gütertransportfahrzeug wie im Streitfall auch zu der ge­wöhn­li­chen Funktion des Fahrzeuges.

Auch wenn man dies an­ders se­hen woll­te, wä­re hier von ei­nem “Gebrauch” im Sinne von § 1 PflVG aus­zu­ge­hen. Denn der Begriff des “Gebrauchs” im deut­schen Recht wür­de wei­ter­rei­chen als die Definition des Gerichtshofs der Europäischen Union, al­so wei­ter als die Richtlinie. Damit ge­währ­te das deut­sche Recht dem Geschädigten wei­ter­ge­hen­den Schutz. Dann wä­re von ei­ner über­schie­ßen­den Umsetzung der Richtlinie aus­zu­ge­hen, die auch bei un­ver­än­dert ge­blie­be­nen Vorschriften des na­tio­na­len Rechts in Betracht kommt (vgl. Kuhn, EuR 2015, 216 f.). Eine über­schie­ßen­de Umsetzung der Richtlinie ist hier aus­drück­li­ch ge­stat­tet. Darauf wei­sen schon die Erwägungen der 1. KH-Richtlinie hin, wo­nach es ge­bo­ten ist, in den na­tio­na­len Rechtsvorschriften al­ler Mitgliedstaaten die Pflicht zur Haftpflichtversicherung die­ser Fahrzeuge mit ei­ner im ge­sam­ten Gebiet der Gemeinschaft gül­ti­gen Deckung vor­zu­se­hen, die ein­zel­staat­li­chen Rechtsvorschriften aber Abweichungen für be­stimm­te Personen und Fahrzeuge vor­se­hen könn­ten. Nach Art. 6 Abs. 2 der 5. KH-Richtlinie (Richtlinie 2005/14/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 11. Mai 2005 zur Änderung der Richtlinien 72/166/EWG, 84/5/EWG, 88/357/EWG und 90/232/EWG des Rates so­wie der Richtlinie 2000/26/EG des Europäischen Parlaments und des Rates über die Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung, ABl. EU L 149, S. 14), die in ih­rem Art. 4 Nr. 4 den Direktanspruch ge­gen den Versicherer für Schäden nach Art. 3 der 1. KH-Richtlinie auf Unfälle in den Wohnsitzmitgliedstaaten der Geschädigten er­wei­ter­te, kön­nen die Mitgliedstaaten im Einklang mit dem Vertrag Bestimmungen bei­be­hal­ten oder ein­füh­ren, die für die Geschädigten güns­ti­ger sind als die Bestimmungen, die zur Umsetzung die­ser Richtlinie er­for­der­li­ch sind (so auch das ak­tu­el­le Recht vgl. Art. 28 der so­ge­nann­ten 6. KH-Richtlinie, Richtlinie 2009/103/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. September 2009 über die Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung und die Kontrolle der ent­spre­chen­den Versicherungspflicht, ABl. L 263 vom 7. Oktober 2009, S. 11 bis 31).

Soweit von der Revision wei­ter gel­tend ge­macht wird, dass ge­schä­dig­te Grundstückseigentümer von dem Direktanspruch aus­ge­nom­men sei­en, da die­ser si­ch le­dig­li­ch auf “Verkehrsunfallopfer” er­stre­cke, er­weist si­ch das nicht als durch­grei­fend. Dies er­gibt si­ch be­reits auf der Grundlage der 5. KH-Richtlinie. In de­ren Art. 4 Nr. 4 zur Einführung des Direktanspruches ist näm­li­ch ge­re­gelt, dass die Mitgliedstaaten si­cher­stel­len, dass Geschädigte ei­nes Unfalls, der durch ein im Sinne des Art. 3 Abs. 1 der Richtlinie 72/166/EWG ver­si­cher­tes Fahrzeug ver­ur­sacht wur­de, ei­nen Direktanspruch ge­gen das Versicherungsunternehmen ha­ben, das die Haftpflicht des Unfallverursachers deckt. In Art. 1 der hier­durch in Bezug ge­nom­me­nen 1. KH-Richtlinie ist un­ter Ziff. 2 ge­re­gelt, dass Geschädigter je­de Person ist, die ein Recht auf Ersatz ei­nes von ei­nem Kraftfahrzeug ver­ur­sach­ten Schadens hat. Daraus ist ei­ne Beschränkung auf Straßenverkehrsteilnehmer oder Verkehrsunfallopfer im en­gen Sinne nicht ab­leit­bar. Auch für die­se Frage gilt im Übrigen, dass nach Art. 6 Abs. 2 der 5. KH-Richtlinie - wie be­reits aus­ge­führt - die Mitgliedstaaten Bestimmungen bei­be­hal­ten oder ein­füh­ren kön­nen, die für den Geschädigten güns­ti­ger sind als die Bestimmungen, die zur Umsetzung der Richtlinie er­for­der­li­ch sind (vgl. nur zu Art. 28 Abs. 1 der 6. KH-Richtlinie Senatsurteil vom 15. Oktober 2013 - VI ZR 471/12, VersR 2013, 1544 Rn. 10).

Über Alexander Gratz

Dipl. jur. Universität des Saarlandes

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