OLG Saarbrücken: Nicht un­ter­schrie­be­nes Bußgeldurteil wird auf­ge­ho­ben

Siegfried Fries / pixelio.de
Siegfried Fries / pixelio.de

Der Betroffene wur­de we­gen ei­nes Geschwindigkeits- und ei­nes da­na­ch be­gan­ge­nen Abstandsverstoßes ver­ur­teilt. Das Urteil ist mit den Gründen zur Akte ge­langt, war je­doch vom Richter nicht un­ter­schrie­ben. Nur die Verfügung der Ausfertigung des Urteils und die Zustellung an die Beteiligten hat er mit ei­nem Namenskürzel (Paraphe) ver­se­hen. Das führ­te schon auf die Sachrüge hin zur Urteilsaufhebung. Als feh­ler­haft ge­rügt wur­de au­ßer­dem, dass das Amtsgericht bei den zwei nach­ein­an­der er­folg­ten Verstößen Tateinheit an­ge­nom­men und ge­gen den Betroffenen ei­ne Gesamtgeldbuße ver­hängt hat (Beschluss vom 21.01.2016, Az. Ss (BS) 5/2016 (2/16 OWi)).

Auf die Rechtsbeschwerde des Betroffenen wird das Urteil des Amtsgerichts St. Ingbert vom 4. November 2015 mit den zu­grun­de lie­gen­den Feststellungen  a u f g e h o b e n  und die Sache zur er­neu­ten Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten der Rechtsbeschwerde, an das Amtsgericht St. Ingbert  z u r ü c k v e r w i e s e n.

Gründe:

I.

Das Amtsgericht hat den Betroffenen we­gen ei­ner fahr­läs­sig tat­ein­heit­li­chen be­gan­ge­nen Verkehrsordnungswidrigkeit na­ment­li­ch we­gen des Überschreitens der zuläs-sigen Höchstgeschwindigkeit au­ßer­halb ge­schlos­se­ner Ortschaften um 48 km/h bzw. 43 km/h nach Toleranzabzug, so­wie der Nichteinhaltung des er­for­der­li­chen Sicherheitsabstandes (so die al­lein maß­ge­ben­de, von der Niederschrift des Urteils ab­wei­chen­de Urteilsformel laut Hauptverhandlungsprotokoll: vgl. Meyer-Goßner/Schmitt, StPO, 58. Aufl., § 268 Rn. 18 m. w. N.) zu ei­ner „Gesamtgeldbuße“ in Höhe von 330,-- € ver­ur­teilt und ge­gen ihn ein Fahrverbot von ei­nem Monat ver­hängt.

Gegen die­ses am 04.11.2015 ver­kün­de­te Urteil hat der Betroffene mit Schriftsatz sei­nes Verteidigers vom 9. November 2015 – im Original ein­ge­gan­gen beim Amtsgericht am 11.11.2015 (das dem Original vor­ge­hef­te­te Telefax je­nes Schriftsatzes weist kei­nen ge­richt­li­chen Eingangsstempel auf) – Rechtsbeschwerde ein­ge­legt, die der Verteidiger nach am 23.11.2015 er­folg­ter Zustellung des schrift­li­chen Urteils an ihn mit Schriftsatz vom 15. Dezember 2015 – ein­ge­gan­gen beim Amtsgericht am 16.12.2015 – mit der Verletzung ma­te­ri­el­len Rechts be­grün­det hat.

Die Generalstaatsanwaltschaft hat be­an­tragt, das an­ge­foch­te­ne Urteil mit den zu­ge­hö­ri­gen Feststellungen auf­zu­he­ben und die Sache zur er­neu­ten Verhandlung und Entscheidung an das Amtsgericht zu­rück­zu­ver­wei­sen.

II.

Die ge­mäß § 79 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 und Nr. 2 OWiG statt­haf­te, form- und frist­ge­recht ein­ge­leg­te so­wie be­grün­de­te Rechtsbeschwerde (§ 79 Abs. 3 Satz 1 OWiG, § 341 Abs. 1, § 344, § 345 StPO) führt mit der Sachrüge, die hier, auch wenn dies nicht aus­drück­li­ch ge­sche­hen ist, durch die gel­tend ge­mach­ten Verletzungen ma­te­ri­el­len Rechts in zu­läs­si­ger Weise er­ho­ben wor­den ist (vgl. Meyer-Goßner/Schmitt, a. a. O., § 344 Rn. 14), zu ei­nem – zu­min­dest vor­läu­fi­gen – Erfolg.

1. Grundlage der auf die Sachrüge hin er­for­der­li­chen materiell-rechtlichen Prüfung durch das Rechtsbeschwerdegericht sind al­lein die Urteilsurkunde und die Abbildungen, auf die nach § 267 Abs. 1 Satz 3 StPO (i. V. mit § 46 Abs. 1 OWiG) ver­wie­sen wor­den ist (vgl. Meyer-Goßner/Schmitt, a. a. O., § 337 Rn. 22; KK-Gericke, StPO, 7. Aufl., § 337 Rn. 37), al­so die schrift­li­chen Entscheidungsgründe, wie sie si­ch aus der ge­mäß 275 StPO (i. V. mit § 46 Abs. 1 OWiG) mit der Unterschrift des Richters zu den Akten ge­brach­ten Urteilsurkunde er­ge­ben (vgl. OLG Köln NStZ-RR 2011, 348 f. – ju­ris Rn. 4). Enthält ein Urteil ent­ge­gen § 267 StPO (i. V. mit § 46 Abs. 1 OWiG) kei­ne Gründe, hat die Rechtsbeschwerde al­lein aus die­sem Grunde schon mit der (zu­läs­si­gen) Sachrüge – ei­ner Verfahrensrüge be­darf es in­so­weit nicht – Erfolg, weil das Rechtsbeschwerdegericht ein Urteil oh­ne Gründe kei­ner Prüfung auf sei­ne materiell-rechtliche Richtigkeit un­ter­zie­hen kann (vgl. BGHSt 46, 204, 206; OLG Hamm, Beschl. v. 10.01.2013 – III-3 RBs 296/12, ju­ris Rn. 3; Meyer-Goßner/Schmitt, a. a. O., § 338 Rn. 52).

Nicht an­ders ver­hält es si­ch, wenn das Urteil zwar mit den Gründen zur Akte ge­langt ist, je­doch sämt­li­che rich­ter­li­chen Unterschriften oder die Unterschrift des ein­zi­gen Berufsrichters feh­len (vgl. BGH, a. a. O.; OLG Hamm, a. a. O.; OLG Bamberg NJW 2013, 2212 f. – ju­ris Rn. 7; Senatsbeschluss vom 4. Februar 2013 - Ss (Z) 254/12 (11/13 OWi) -; Meyer-Goßner/Schmitt, a. a. O., § 275 Rn. 29; KK-Greger, a. a. O., § 275 Rn. 68). Auch in die­sem Fall liegt ein be­reits auf die zu­läs­si­ge Sachrüge hin be­acht­li­cher Mangel des Urteils vor, der zu des­sen Aufhebung führt. Bei den vor­han­de­nen schrift­li­chen Gründen han­delt es si­ch in ei­nem sol­chen Fall le­dig­li­ch um ei­nen Entwurf und kei­ne end­gül­tig fer­tig ge­stell­te Urteilsbegründung (vgl. BGH, a. a. O.; OLG Hamm, a. a. O.). Vollständig ist das Urteil er­st dann, wenn es – ab­ge­se­hen von dem Fall der Verhinderung (vgl. hier­zu § 275 Abs. 2 Satz 2 StPO) – die Unterschriften al­ler Berufsrichter, die an ihm mit­ge­wirkt ha­ben, trägt (vgl. BGHSt 27, 334, 335; 28, 194, 195; BGH StV 1984, 275 – ju­ris Rn. 1; NStZ-RR 2000, 237 f. – ju­ris Rn. 5; StV 2010, 618 – ju­ris Rn. 2; Meyer-Goßner/Schmitt, a. a. O., § 275 Rn. 4; KK-Greger, a. a. O., § 275 Rn. 21, 23).

2. Nach Maßgabe die­ser Grundsätze lei­det das an­ge­foch­te­ne Urteil an ei­nem auf die Sachrüge hin be­acht­li­chen Mangel, da das mit den Gründen zur Akte ge­lang­te – wann dies ge­sche­hen ist, hat die zu­stän­di­ge Geschäftsstelle des Amtsgerichts ent­ge­gen § 275 Abs. 1 Satz 5 StPO (i. V. mit § 46 Abs. 1 OWiG) al­ler­dings nicht ver­merkt – schrift­li­che Urteil (Bl. 32 ff. d. A.) kei­ne Unterschrift des Bußgeldrichters trägt (Bl. 36 d. A.). Daran än­dert auch nichts, dass der Bußgeldrichter no­ch in­ner­halb der fünf­wö­chi­gen Frist des § 275 Abs. 1 Satz 2 Halbsatz 1 StPO (i. V. mit § 46 Abs. 1 StPO) so­wohl die Ausfertigung des Urteils (Bl. 29 Rs d. A.) als auch des­sen Zustellung an die Verfahrensbeteiligten ver­fügt (Bl. 28 und 31 d. A.) er die­se Verfügungen mit sei­nem Namenskürzel „M.“ ver­se­hen hat. Abgesehen da­von, dass ei­ne sol­che Paraphe oh­ne­hin nicht den an ei­ne ord­nungs­ge­mä­ße Unterschrift zu stel­len­den Anforderungen ge­nü­gen wür­de (vgl. nur OLG Köln NStZ-RR 2011, 348 f. – ju­ris Rn. 6; KK-Greger, a. a. O., § 275 Rn. 25), lässt es das in § 275 Abs. 2 Satz 1 StPO for­mu­lier­te, auch für ein Bußgeldurteil gel­ten­de (§ 46 Abs. 1, § 71 Abs. 1 OWiG) Gebot, dass das Urteil von den Berufsrichtern, die bei der Entscheidung mit­ge­wirkt ha­ben, zu un­ter­schrei­ben ist, nicht zu, dass die den Urteilstext ab­schlie­ßen­de Unterschrift durch ei­ne an an­de­rer Stelle in der Akte be­find­li­che Unterschrift des mit­wir­ken­den Richters er­setzt wird (vgl. BGH StV 2010, 618 – ju­ris Rn. 2). Die feh­len­de Unterschrift kann, nach­dem die fünf­wö­chi­ge Frist des § 275 Abs. 1 Satz 2 Halbsatz 1 StPO (i. V. mit § 46 Abs. 1 OWiG) be­reits am 09.12.2015 ab­ge­lau­fen ist, auch nicht mehr nach­ge­holt wer­den (vgl. BGHSt 27, 334, 335; 28, 194, 196; 46, 204, 205; BGH StV 1984, 275 – ju­ris Rn. 1; NStZ-RR 2000, 237 f. – ju­ris Rn. 5; StV 2010, 618 – ju­ris Rn. 2; OLG Köln NStZ-RR 2011, 348 f. – ju­ris Rn. 5; OLG Hamm, a. a. O.; Meyer-Goßner/Schmitt, a. a. O., § 275 Rn. 6; KK-Greger, a. a. O., § 275 Rn. 23; a. A.: Löwe-Rosenberg/Stuckenberg, StPO, 26. Aufl., § 275 Rn. 36).

3. Das an­ge­foch­te­ne Urteil war da­her mit den zu­grun­de­lie­gen­den Feststellungen auf­zu­he­ben (§ 353 StPO i. V. mit § 79 Abs. 3 Satz 1 OWiG) und die Sache zur er­neu­ten Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten der Rechtsbeschwerde, an das Amtsgericht zu­rück­zu­ver­wei­sen (§ 79 Abs. 6 OWiG).

4. Für das wei­te­re Verfahren weist der Senat auf Folgendes hin: Nach der Rechtsprechung des Senats han­delt es si­ch in Fällen, in de­nen der Fahrzeugführer wäh­rend ei­ner Fahrt nach­ein­an­der wie­der­holt ge­gen Verkehrsvorschriften ver­stößt, bei den ein­zel­nen Verkehrsverstößen in der Regel selbst dann um je­weils selbst­stän­di­ge Handlungen, wenn die Verkehrsordnungswidrigkeiten gleich­ar­tig sind. Ein Ausnahmefall – al­so ei­ne Tat im Sinne ei­ner na­tür­li­chen Handlungseinheit – kann no­ch nicht an­ge­nom­men wer­den, wenn die Geschwindigkeitsverstöße und/oder Abstandsunterschreitungen zwar in ei­nem en­gen zeit­li­chen Rahmen er­folg­ten, je­doch je­weils in un­ter­schied­li­chen Verkehrssituationen be­gan­gen wur­den und un­schwer von­ein­an­der ab­zu­gren­zen sind (vgl. Senatsbeschluss vom 6. Mai 2014 - Ss (B) 82/2012 (59/12 OWi) -, ju­ris Rn. 25 m. w. N.). Die Verhängung ei­ner – an die Bildung ei­ner Gesamtstrafe (§ 53 StGB) an­ge­lehn­ten – „Gesamtgeldbuße“, die im Falle der vom Amtsgericht an­ge­nom­me­nen Tateinheit (§ 19 OWiG) oh­ne­hin nicht in Betracht kommt, ist nach § 20 OWiG selbst im Falle der Tatmehrheit nicht zu­läs­sig (vgl. OLG Karlsruhe VRS 108, 63 ff. – ju­ris Rn. 4; OLG Hamm DAR 2015, 535 ff. – ju­ris Rn. 11; Göhler/Gürtler, OWiG, 16. Aufl., Vor § 19 Rn. 12, § 20 Rn. 2).

Über Alexander Gratz

Dipl. jur. Universität des Saarlandes

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