BGH: Bei grenz­über­schrei­ten­dem Transport Verfall des ge­sam­ten Transportlohns mög­li­ch

Elkawe, Wikimedia Commons
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Unter den Oberlandesgerichten war um­strit­ten, ob bei ei­nem in­ter­na­tio­na­len Transport der Verfall in Höhe des ge­sam­ten Transportlohns an­ge­ord­net wer­den kann, wenn wäh­rend der Fahrt durch Deutschland ei­ne Ordnungswidrigkeit et­wa durch Verstoß ge­gen das Sonn- und Feiertagsfahrverbot, die zu­läs­si­ge Fahrzeughöhe oder das zu­läs­si­ge Gesamtgewicht be­gan­gen wird. Nach ei­ner Ansicht muss be­rech­net wer­den, wel­chen Anteil von der Gesamtstrecke des Transports die Fahrt auf deut­schen Straßen hat­te; nur der ent­spre­chen­de Bruchteil des Lohns darf für ver­fal­len er­klärt wer­den. Auf ei­ne Vorlage des OLG Oldenburg hat der BGH die von die­sem for­mu­lier­te Frage je­doch da­hin­ge­hend be­ant­wor­tet, dass be­reits ei­ne ge­rin­ge Fahrtstrecke in Deutschland (im Vergleich zu der zu­rück­ge­leg­ten bzw. zu­rück­zu­le­gen­den Strecke in an­de­ren Staaten) aus­rei­chend ist, den Verfall in Höhe des ge­sam­ten Transportlohns an­zu­ord­nen. Unbillige Ergebnisse, et­wa im Falle meh­re­rer Verfallsverfahren in un­ter­schied­li­chen Staaten, könn­ten not­falls durch Ausübung des in § 29a OWiG vor­ge­se­he­nen Ermessens ver­mie­den wer­den (BGH, Beschluss vom 10.04.2017 - 4 StR 299/16).

Der 4. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat nach Anhörung des Generalbundesanwalts und der Verfallsbeteiligten am 10. April 2017 be­schlos­sen:

Bei ei­nem un­ter Verstoß ge­gen deut­sche Straßenverkehrsvorschriften durch­ge­führ­ten in­ter­na­tio­na­len Transport kann – bei Vorliegen der sons­ti­gen hier­für er­for­der­li­chen Voraussetzungen nach § 29a OWiG – der Verfall in Höhe des ge­sam­ten Transportlohns an­ge­ord­net wer­den.

Gründe:

I.

1. Das Amtsgericht Nordhorn hat durch Urteil vom 21. Januar 2016 ge­gen die Verfallsbeteiligte den Verfall ei­nes Betrages von 2.300 Euro an­ge­ord­net.

Die Verfallsbeteiligte ist ei­ne ju­ris­ti­sche Person mit Sitz in Polen, wel­che Speditionsleistungen er­bringt. Ein Mitarbeiter der Verfallsbeteiligten be­fuhr am Sonntag, den 7. Juni 2015, ge­gen 11:30 Uhr mit ei­nem Fahrzeug nebst Auflieger die BAB 30 in Fahrtrichtung Niederlande. Er führ­te in Ausübung sei­ner Tätigkeit für die Verfallsbeteiligte ei­ne Transportfahrt von C. (Polen) über die Bundesrepublik Deutschland nach J. (Spanien) durch. Bei ei­ner Kontrolle in S. konn­te der Fahrer ei­ne gül­ti­ge Ausnahmegenehmigung für die Durchführung des Transports an ei­nem Sonntag nicht vor­le­gen. Nach der Kontrolle und Erbringung ei­ner Sicherheitsleistung setz­te er die Fahrt am sel­ben Tag fort. Die Verfallsbeteiligte ver­ein­nahm­te für den Transport von C. nach J. ei­nen Lohn von 2.300 Euro net­to.
Gegen das Urteil hat die Verfallsbeteiligte Rechtsbeschwerde ein­ge­legt. Sie macht gel­tend, dass der Transportlohn nur teil­wei­se im Sinne von § 29a OWiG er­langt sei, und zwar ent­spre­chend dem Anteil der Fahrtstrecke in der Bundesrepublik Deutschland an der Gesamtstrecke.

Das Oberlandesgericht Oldenburg hat die Sache dem mit drei Richtern be­setz­ten Bußgeldsenat zur Entscheidung über­tra­gen. Dieser hat die Sache durch Beschluss vom 9. Juni 2016 dem Bundesgerichtshof vor­ge­legt.

2. Das Oberlandesgericht Oldenburg be­ab­sich­tigt, die Rechtsbeschwerde als un­be­grün­det zu ver­wer­fen. Es ist der Ansicht, dass der ge­sam­te Transportlohn von 2.300 Euro durch den Verstoß ge­gen das Sonntagsfahrverbot un­mit­tel­bar er­langt wor­den sei, da oh­ne die­sen Verstoß der Transport – so wie ge­sche­hen – nicht hät­te durch­ge­führt wer­den kön­nen.

Das Oberlandesgericht Oldenburg sieht si­ch an der be­ab­sich­tig­ten Zurückweisung der Rechtsbeschwerde durch den Beschluss des Oberlandesgerichts Braunschweig vom 21. Dezember 2015 (1 Ss (OWi) 165/15, wis­tra 2016, 124) ge­hin­dert.

3. Das Oberlandesgericht Oldenburg hat da­her die Sache durch Beschluss vom 9. Juni 2016 dem Bundesgerichtshof zur Entscheidung fol­gen­der Frage vor­ge­legt:

„Ist bei ei­nem in­ter­na­tio­na­len Transport, der un­ter Verstoß ge­gen deut­sche Straßenverkehrsvorschriften durch­ge­führt wor­den ist (hier: Bestimmungen über das Sonn- und Feiertagsfahrverbot), bei der Bestimmung des Erlangten i.S. des § 29a Abs. 1 OWiG auf den ge­sam­ten Transportlohn oder nur auf den si­ch rech­ne­ri­sch für die in­län­di­sche Fahrtstrecke er­ge­ben­den Transportlohn ab­zu­stel­len?“

4. Der Generalbundesanwalt hat be­an­tragt, die Vorlegungsfrage im Sinne der Rechtsauffassung des vor­le­gen­den Oberlandesgerichts zu be­ant­wor­ten, wo­nach auf den ge­sam­ten Transportlohn ab­zu­stel­len ist.

II.

Die Vorlegungsvoraussetzungen des § 121 Abs. 2 Nr. 1 GVG in Verbindung mit § 79 Abs. 3 Satz 1 OWiG sind er­füllt. Die Vorschrift des § 121 Abs. 2 GVG ist ge­mäß § 79 Abs. 3 Satz 1 OWiG für die Rechtsbeschwerde ent­spre­chend her­an­zu­zie­hen (vgl. BGH, Beschluss vom 12. September 2013 – 4 StR 503/12, BGHSt 59, 4, 8; Göhler/Seitz, Gesetz über Ordnungswidrigkeiten, 16. Aufl., § 79 Rn. 38).

a) Die vor­ge­leg­te Rechtsfrage ist von ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Bedeutung.

Da die Verfallsbeteiligte den Einspruch ge­gen den Bußgeldbescheid zu­läs­si­ger­wei­se auf die Rechtsfolge – die Höhe des Verfallsbetrages – be­schränkt hat, steht es der Zulässigkeit der Vorlage nicht ent­ge­gen, dass si­ch das erst­in­stanz­li­che Urteil nicht zu der Frage ver­hält, ob ei­ner der ge­setz­li­chen Ausnahmetatbestände zum Sonntagsfahrverbot nach § 30 Abs. 3 Satz 2 StVO vor­lag.

Der Zulässigkeit der Vorlage steht auch nicht ent­ge­gen, dass si­ch das erst­in­stanz­li­che Urteil nicht da­mit aus­ein­an­der­setzt, in­wie­fern für den in Rede ste­hen­den Transport ei­ne Ausnahmegenehmigung nach § 46 Abs. 1 Satz 1 Nr. 7 StVO hät­te er­teilt wer­den kön­nen und in­wie­fern die er­spar­ten Kosten für das Genehmigungsverfahren als er­lang­tes Etwas im Sinne von § 29a OWiG in Betracht kom­men. Bei ei­nem Verstoß ge­gen ein re­pres­si­ves Verbot mit Befreiungsvorbehalt – ein sol­ches stellt das Sonntagsfahrverbot dar (vgl. Janker/Hühnermann in: Burmann/Heß/Hühnermann/Jahnke/Janker, Straßenverkehrsrecht, 24. Aufl., 2016, § 46 StVO Rn. 1; König in: Hentschel/König/Dauer, Straßenverkehrsrecht, 44. Aufl., § 30 StVO Rn. 15) – kom­men die er­spar­ten Kosten des Genehmigungsverfahrens grund­sätz­li­ch nicht als er­lang­tes Etwas in Betracht, da das buß­geld­be­wehr­te Verhalten oh­ne tat­säch­li­ch er­teil­te Genehmigung nicht nur for­mell, son­dern ma­te­ri­ell rechts­wid­rig ist und die hy­po­the­ti­sche Ermessensausübung der Verwaltungsbehörde nicht im Bußgeldverfahren er­setzt wer­den kann (OLG Celle, NZV 2013, 610, 611; OLG Hamburg, NStZ 2014, 340, 342; OLG Schleswig, Beschluss vom 20. Juni 2016, 2 Ss OWi 52/16 (37/16), ju­ris Rn. 15; Louis in: Blum/Gassner/Seith, Ordnungswidrigkeitengesetz, § 29a Rn. 24; Deutscher in: Burhoff, Handbuch für das stra­ßen­ver­kehrs­recht­li­che OWi-Verfahren, 4. Aufl., Rn. 4070; Labi, NZWiSt 2013, 41, 44; Pelz, Festschrift für Imme Roxin, 2012, S. 193). Dementsprechend spielt es auch bei ei­nem Verstoß ge­gen das Sonntagsfahrverbot für den Wert des Erlangten kei­ne Rolle, ob ei­ne Ausnahmegenehmigung nach § 46 Abs. 1 Satz 1 Nr. 7 StVO hät­te er­teilt wer­den kön­nen (OLG Celle, NStZ-RR 2012, 151, 152; Rebmann/Roth/Herrmann, Gesetz über Ordnungswidrigkeiten, 18. Lfg. März 2013, § 29a Rn. 10).

b) Das Oberlandesgericht Oldenburg kann nicht sei­ner Ansicht ge­mäß ent­schei­den, oh­ne von dem Beschluss des Oberlandesgerichts Braunschweig vom 21. Dezember 2015 ab­zu­wei­chen. Zwar lag dem Beschluss die­ses Oberlandesgerichts ei­ne an­de­re mit Bußgeld be­droh­te Handlung zu­grun­de, na­ment­li­ch die Inbetriebnahme ei­ner Fahrzeugkombination un­ter Verstoß ge­gen die höchst­zu­läs­si­ge Fahrzeughöhe nach §§ 69a Abs. 3 Nr. 2, 31 d Abs. 1, 32 Abs. 2 StVZO. Die Identität der Rechtsfrage ist al­ler­dings schon dann zu be­ja­hen, wenn we­gen Gleichheit der Fragestellung die Entscheidung oh­ne Rücksicht auf die Verschiedenheit der je­weils zu­grun­de lie­gen­den Sachverhaltsgestaltungen oder der an­wend­ba­ren Vorschriften nur ein­heit­li­ch er­ge­hen kann (BGH, Beschlüsse vom 21. September 1999 – 4 StR 71/99, BGHSt 45, 197, 200; vom 22. April 1980 – 1 StR 625/79, BGHSt 29, 252, 254 und vom 1. Februar 1977 – 1 StR 741/76, BGHSt 27, 110, 112; KK-StPO/Hannich, 7. Aufl., § 121 GVG Rn. 34; LR-StPO/Franke, 26. Aufl., § 121 GVG Rn. 64). Die Oberlandesgerichte Oldenburg und Braunschweig ha­ben – aus­ge­hend da­von, dass der Transportlohn auf­grund der je­wei­li­gen buß­geld­be­wehr­ten Handlung grund­sätz­li­ch im Sinne von § 29a OWiG er­langt wur­de – die Frage, in­wie­fern bei der Bestimmung des Verfallsbetrags Streckenanteile des Transports im Ausland zu be­rück­sich­ti­gen sind, al­lein an­hand all­ge­mei­ner, nicht am je­weils zu­grun­de­lie­gen­den Bußgeldtatbestand fest­ge­mach­ter Erwägungen be­ant­wor­tet. Der für die vor­lie­gen­de Rechtsfrage maß­geb­li­che Sachverhalt – grenz­über­schrei­ten­de Transporte, buß­geld­be­wehr­te Handlungen auf der Teilstrecke in der Bundesrepublik Deutschland – ist da­bei iden­ti­sch, so dass bei­de Rechtsansichten für den je­weils an­de­ren Entscheidungsgegenstand Geltung be­an­spru­chen.

c) Die Vorlegungsfrage be­darf je­doch der Umformulierung und Präzisierung.

aa) Das Verfahren, wel­ches dem Vorlagebeschluss des Oberlandesgerichts Oldenburg zu­grun­de liegt, be­zieht si­ch nicht auf ei­nen Verfall nach § 29a Abs. 1 OWiG, son­dern auf ei­nen Drittverfall nach § 29a Abs. 2 OWiG. Hierdurch er­ge­ben si­ch für die vor­lie­gend in Rede ste­hen­de Rechtsfrage je­doch kei­ne Unterschiede, da § 29a Abs. 1 und Abs. 2 OWiG be­züg­li­ch der Bestimmung des Erlangten iden­ti­sch aus­zu­le­gen sind (BeckOK-OWiG/Meyberg, Stand: 15. Januar 2017, § 29a Rn. 73; KK-OWiG/Mitsch, 4. Aufl., § 29a Rn. 41; Schmidt, Gewinnabschöpfung im Straf- und Bußgeldverfahren, 2006, Rn. 1299; Deutscher, aaO, Rn. 4067; vgl. für § 73 Abs. 1 und Abs. 3 StGB: NK-StGB/Saliger, 4. Aufl., § 73 Rn. 36b; Rönnau, Vermögensabschöpfung in der Praxis, 2. Aufl., Rn. 108). Daher wird die Vorlegungsfrage ins­ge­samt auf das im Rahmen von § 29a OWiG Erlangte er­streckt.

bb) Die Divergenz zwi­schen den Oberlandesgerichten Oldenburg und Braunschweig be­zieht si­ch in­des al­lein auf die Frage, wie es si­ch auf die Bestimmung des Verfallsbetrages aus­wirkt, dass ein Transport nur an­tei­lig auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland durch­ge­führt wur­de. Keine Divergenz be­steht hin­sicht­li­ch der vor­ge­la­ger­ten Frage, in­wie­fern in­fol­ge ei­nes Verstoßes ge­gen Straßenverkehrsvorschriften – die mit Geldbuße be­droh­te Handlung (§ 1 Abs. 2 OWiG) – über­haupt der Transportlohn als das er­lang­te Etwas im Sinne von § 29a OWiG an­zu­se­hen ist. Ob und in wel­chem Umfang et­was im Sinne der Verfallsvorschriften er­langt wur­de, könn­te auch nicht all­ge­mein be­ant­wor­tet wer­den, son­dern dies ist tat­be­stands­spe­zi­fi­sch da­na­ch zu be­stim­men, wel­che Handlung letzt­li­ch straf- be­zie­hungs­wei­se buß­geld­be­wehrt ist (vgl. BGH, Beschluss vom 11. Juni 2015 – 1 StR 368/14, BGHR StGB § 73 Erlangtes 18; Urteil vom 27. November 2013 – 3 StR 5/13, BGHSt 59, 80, 92; Urteil vom 19. Januar 2012 ? 3 StR 343/11, BGHSt 57, 79, 84; Beschluss vom 27. Januar 2010 – 5 StR 224/09; NJW 2010, 882, 884; Göhler/Gürtler, aaO, § 29a Rn. 6; NK-StGB/Saliger, aaO, § 73 Rn. 9b; Deutscher, aaO, Rn. 4069; Kudlich, NStZ 2014, 343, 344).

Dementsprechend ist klar­zu­stel­len, dass si­ch die vor­ge­leg­te Rechtsfrage aus­schließ­li­ch dar­auf be­zieht, wie si­ch ein grenz­über­schrei­ten­der Transport auf den Umfang des im Sinne von § 29a OWiG Erlangten aus­wirkt.

cc) Der Senat for­mu­liert die Rechtsfrage da­her wie folgt:

„Kann bei ei­nem un­ter Verstoß ge­gen deut­sche Straßenverkehrsvorschriften durch­ge­führ­ten in­ter­na­tio­na­len Transport – bei Vorliegen der sons­ti­gen hier­für er­for­der­li­chen Voraussetzungen nach § 29a OWiG – der Verfall in Höhe des ge­sam­ten Transportlohns an­ge­ord­net wer­den oder nur in Höhe des si­ch rech­ne­ri­sch für die in­län­di­sche Fahrtstrecke er­ge­ben­den Transportlohns?“

III.

Der Senat be­ant­wor­tet die Vorlegungsfrage wie aus dem Beschlusstenor er­sicht­li­ch.

1. Nach § 29a OWiG kann der Verfall ei­nes Geldbetrages bis zu der Höhe an­ge­ord­net wer­den, die dem Wert des Erlangten ent­spricht. Maßgeblich ist da­her die Bestimmung des wirt­schaft­li­chen Wertes des Vorteils, wel­cher dem Täter in­fol­ge der mit Geldbuße be­droh­ten Handlung zu­ge­flos­sen ist. Dabei muss – ent­spre­chend dem Wortlaut der Vorschrift („da­durch“) – ei­ne un­mit­tel­ba­re Kausalbeziehung zwi­schen buß­geld­be­wehr­ter Handlung und er­lang­tem Vorteil be­stehen; die hier­an an­knüp­fen­de Abschöpfung hat spie­gel­bild­li­ch dem Vermögensvorteil zu ent­spre­chen, wel­cher aus der Begehung der mit Bußgeld be­droh­ten Handlung ge­zo­gen wur­de (OLG Celle, NStZ-RR 2012, 151, 152; OLG Stuttgart, wis­tra 2009, 167, 168; OLG Karlsruhe, ZfSch 2013, 172; Göhler/Gürtler, Gesetz über Ordnungswidrigkeiten, 16. Aufl., § 29a Rn. 10; Müller, Gesetz über Ordnungswidrigkeiten, Stand: Oktober 2012, § 29a Rn. 4; Rebmann/Roth/Herrmann, aaO, § 29a Rn. 10; für den Verfall nach § 73 StGB: BGH, Urteil vom 27.November 2013 – 3 StR 5/13, BGHSt 59, 80, 92; Urteil vom 19. Januar 2012 ? 3 StR 343/11, BGHSt 57, 79, 82; Urteil vom 27. Januar 2010 – 5 StR 224/09, NJW 2010, 882, 884; Urteil vom 2. Dezember 2005, BGHSt 50, 299, 309; LK-StGB/Schmidt, 12. Aufl., § 73 Rn. 19; Wiedner in Graf/ Jäger/Wittig, Wirtschafts- und Steuerstrafrecht, § 73 StGB Rn. 23).

Bei ei­nem in­ter­na­tio­na­len Transport wird ei­ne sol­che un­mit­tel­ba­re Kausalbeziehung zwi­schen der mit Bußgeld be­droh­ten Handlung und dem wirt­schaft­li­chen Vorteil des ge­sam­ten Transportlohns nicht da­durch in Frage ge­stellt, dass nur auf ei­nem Teilstück der Transportstrecke ge­gen Straßenverkehrsvorschriften der Bundesrepublik Deutschland ver­sto­ßen wird.

Zwar stellt nicht der (Gesamt-)Transport als sol­cher die mit Bußgeld be­droh­te Handlung (§ 1 Abs. 2 OWiG) im Sinne von § 29a OWiG dar, son­dern Anknüpfungspunkt des Verfalls ist nur der je­wei­li­ge Verstoß ge­gen deut­sche Straßenverkehrsvorschriften (vgl. OLG Braunschweig, wis­tra 2016, 124; OLG Schleswig, TranspR 2016, 372). Dies steht der un­mit­tel­ba­ren Kausalbeziehung zwi­schen ei­nem ent­spre­chen­den Verstoß und der Erlangung des ge­sam­ten Transportlohns je­doch nicht ent­ge­gen. Vielmehr be­steht ei­ne Ursächlichkeit auch dann, wenn meh­re­re Handlungen ei­nen Erfolg er­st durch ihr Zusammenwirken – ku­mu­la­tiv – her­bei­füh­ren (vgl. Lackner/Kühl, StGB, 28. Aufl., Vorbemerkungen zu den §§ 13 ff. Rn. 11; LK-StGB/Walter, 12. Aufl., Vorbemerkungen zu den §§ 13 ff. Rn. 75; MüKo-StGB/Freund, 2. Aufl., Vorbemerkungen zu den §§ 13 ff. Rn. 342; Schönke/Schröder/Eisele, StGB, 29. Aufl., Vorbemerkungen zu den §§ 13 ff. Rn. 83). Ist da­her die Begehung der Verkehrsordnungswidrigkeit con­di­tio si­ne qua non für den ent­stan­de­nen Vermögensvorteil – hier den Transportlohn –, wur­de die­ser aus der mit Bußgeld be­droh­ten Handlung „ge­zo­gen“ und kann dem­nach ab­ge­schöpft wer­den. Entgegen der Ansicht der Rechtsbeschwerdeführerin muss ei­ne spie­gel­bild­li­che Entsprechung ge­ra­de nicht zwi­schen buß­geld­be­wehr­ter Handlung und Vermögensvorteil be­stehen, son­dern nur zwi­schen dem ge­zo­ge­nen Vermögensvorteil und dem ab­ge­schöpf­ten Betrag.

Bei ei­nem in­ter­na­tio­na­len Transport kann die er­folg­te Nutzung des deut­schen Verkehrsraums nicht hin­weg ge­dacht wer­den, oh­ne dass der wirt­schaft­li­che Vorteil des ge­sam­ten Transportlohns ent­fie­le (vgl. Thole, NZV 2009, 64, 67 für buß­geld­be­wehr­te Handlungen, die si­ch auf Teilstrecken bei in­ner­deut­schen Transporten be­zie­hen). Würde man dem­ge­gen­über – ein­engend – ei­ne aus­schließ­li­che Kausalität der buß­geld­be­wehr­ten Handlung für ei­nen wirt­schaft­li­chen Erfolg for­dern, wür­de der prak­ti­sche Anwendungsbereich der Verfallsvorschriften un­sach­ge­mäß ein­ge­schränkt. Gerade im Wirtschaftsleben ist ein geld­wer­ter Vorteil in den sel­tens­ten Fällen mo­no­k­au­sal auf ei­ne straf- be­zie­hungs­wei­se buß­geld­be­wehr­te Handlung zu­rück­zu­füh­ren, son­dern hier­für ist re­gel­mä­ßig ein le­ga­ler Rahmen mit­ur­säch­li­ch.

Die Annahme, bei ei­nem in­ter­na­tio­na­len Transport wer­de der un­mit­tel­ba­re Tatvorteil nur aus dem Teil des Transportlohns ge­zo­gen, der auf den in­län­di­schen Streckenanteil ent­fal­le (so OLG Braunschweig und OLG Schleswig aaO), ent­spricht letzt­li­ch ei­ner Fiktion und wür­de zu der Abschöpfung ei­nes Lohnanteils füh­ren, der tat­säch­li­ch gar nicht er­wirt­schaf­tet wer­den kann: Der Transportunternehmer wird nicht für zu­rück­ge­leg­te Streckenabschnitte be­zahlt, son­dern für die Ablieferung des Transportguts am Bestimmungsort (vgl. für das deut­sche Recht §§ 407 Abs. 1, 420 Abs. 1 Satz 1 HGB). Dementsprechend er­folgt bei ei­nem in­ter­na­tio­na­len Transport die Nutzung des deut­schen Verkehrsraums nicht, um hier­für ab­schnitts­wei­se ent­lohnt zu wer­den, son­dern zum Verdienst des ge­sam­ten Transportlohns auf­grund ei­ner ein­heit­li­chen Leistung (vgl. OLG Celle, NStZ-RR 2012, 151, 153; Thole, aaO, 68). Einer Berechnung nach den im In- und Ausland ge­fah­re­nen Kilometern steht auch ent­ge­gen, dass in die Preisbildung in er­heb­li­chem Umfang nicht ki­lo­me­ter­be­zo­ge­ne Kosten wie die auf das Fahrzeug ent­fal­len­den so­wie die im Unternehmen all­ge­mein ent­ste­hen­den Gemeinkosten ein­flie­ßen (vgl. nur Schubert, Preisbildung im LkwLadungsverkehr, S. 123, 126, 136, 140).

2. Dass die Abschöpfung des ge­sam­ten Transportlohns glei­cher­ma­ßen Transporte be­trifft, die ins­ge­samt, weit­ge­hend oder nur zu ei­nem ge­rin­gen Anteil über deut­sche Straßen füh­ren, spricht nicht für ei­ne nur an­teil­mä­ßi­ge Abschöpfung, da der Verfall kei­ne dem Schuldgrundsatz un­ter­lie­gen­de stra­f­ähn­li­che Maßnahme dar­stellt (Göhler/Gürtler, aaO, § 29a Rn. 1; KK-OWiG/Mitsch, aaO, § 29a Rn. 6; Rebmann/Roth/Herrmann, aaO, 18. Lfg. März 2013, § 29a Rn. 1; für die §§ 73 ff. StGB: BVerfG, Beschluss vom 14. Januar 2004 – 2 BvR 564/95, BVerfGE 110, 1; BGH, Urteil vom 21. August 2002 – 1 StR 115/02, BGHSt 47, 369, 373; LK-StGB/Schmidt, aaO, § 73 Rn. 7 ff.).

3. Die Anordnung des Verfalls für den ge­sam­ten Transportlohn ver­stößt auch nicht ge­gen das Territorialitätsprinzip nach § 5 OWiG. Diese Vorschrift er­öff­net in Verbindung mit § 7 OWiG le­dig­li­ch in räum­li­cher Hinsicht den Anwendungsbereich des Gesetzes über Ordnungswidrigkeiten, hat je­doch kei­ne ma­te­ri­el­le Aussagekraft über die Bestimmung des Erlangten im Rahmen des Verfalls nach § 29a OWiG. Die Vorschrift des § 5 OWiG ist viel­mehr dem ma­te­ri­el­len Recht vor­ge­schal­tet (Blum in: Blum/Gassner/Seith, aaO, § 5 Rn. 1).

4. Ebenso we­nig ist die blo­ße Möglichkeit ei­ner mehr­fa­chen Abschöpfung des Transportlohns in ver­schie­de­nen Ländern ge­eig­net, den Begriff des Erlangten nach § 29a OWiG in­halt­li­ch zu be­stim­men oder den Anwendungsbereich der Vorschrift ma­te­ri­ell zu be­gren­zen. Sollte ei­ne mehr­fa­che Abschöpfung in Rede ste­hen, kann die­sem Umstand je­den­falls un­ter Opportunitätsgesichtspunkten im Rahmen des nach § 29a OWiG aus­zu­üben­den Ermessens Rechnung ge­tra­gen wer­den (vgl. zur par­al­le­len Problematik im Fall ei­ner im Ausland be­reits ge­ahn­de­ten Ordnungswidrigkeit und der ge­bo­te­nen Berücksichtigung im Rahmen der Opportunität nach § 47 OWiG: Bohnert/Krenberger/Krumm, OWiG, 4. Aufl., § 5 Rn. 50; Göhler/Gürtler, aaO, § 5 Rn. 9; KK-OWiG/Rogall, aaO, § 5 Rn. 39; Rebmann/Roth/Herrmann, aaO, § 5 Rn. 12).

Über Alexander Gratz

Dipl. jur. Universität des Saarlandes

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