Manipuliert die NSA Geschwindigkeitsmessungen?

von | 2017-07-14T20:15:32+00:00 17. Juli 2017|1 Kommentar

Dem Betroffenen wurde vorgeworfen, in Eisenach die zulässige Höchstgeschwindigkeit um 21 km/h überschritten zu haben. Nach den Feststellungen des Gerichts übermittelt das verwendete Messgerät TraffiStar S 350 die Messdaten „über eine sichere Leitung via VPN Verschlüsselung.“ In diesem Zusammenhang hat der Betroffene beantragt, den Geschäftsführers der K. Labs GmbH (gemeint ist womöglich Kaspersky Labs, die im vergangenen Jahr eine Pressemitteilung zur Manipulationsanfälligkeit von Verkehrsüberwachungssystemen veröffentlicht haben) als Zeugen zu der Frage zu vernehmen, „ob es externen Personen möglich gewesen ist, auf den Datensatz der Messung Zugriff zu nehmen und eine Manipulation am Messergebnis vorzunehmen.“ Den Beweisantrag hat das Gericht gemäß § 77 Abs. 2 Nr. 1 OWiG abgelehnt: Es könne durchaus als wahr unterstellt werden, dass auch auf sichere Datenleitungen ein Zugriff von außen denkbar ist und meint dazu: „Das Gericht schließt es nicht aus, dass z.B. Organisationen wie die NSA durchaus in der Lage sind, auf jede sichere Datenverbindung Zugriff zu nehmen.“ Das Gericht müsse sich diesbezüglich nicht zu weiterer Nachforschung gedrängt sehen, da für eine tatsächlich stattgefundene Manipulation keinerlei Anhaltspunkte bestünden. Für das Gericht war daher nicht ersichtlich, weshalb die NSA oder sonstige Personen auf Falldatensätze von Geschwindigkeitsmessungen in Eisenach Zugriff nehmen und gerade den Messwert des Betroffenen zu dessen Ungunsten verfälschen sollten (AG Eisenach, Urteil vom 30.03.2017 – 332 Js 1176/17 1 OWi).

Der Betroffene wird wegen fahrlässig begangener Geschwindigkeitsüberschreitung innerhalb geschlossener Ortschaften um 21 km/h zu einer Geldbuße von 80 € verurteilt.

Der Betroffene hat die Kosten des Verfahrens einschließlich seiner notwendigen Auslagen zu tragen.

Angewendete Vorschriften: §§ 17 OWiG, 24 StVG, 49, 41 Abs. 1 iVm Anlage 2 StVO.

Gründe:

Der Betroffene wurde am ….1963 in … geboren. Gegen ihn ist keine Eintragung im Fahreignungsregister enthalten.

Die Hauptverhandlung hat folgenden Sachverhalt ergeben:

Am 19.07.2016 gegen 13.36 Uhr befuhr der Betroffene mit dem Pkw, amtliches Kennzeichen …, die Nessetalstraße (B84) in Eisenach-Stockhausen in Richtung Eisenach. Im Bereich der dortigen Bushaltestelle befindet sich eine stationäre Geschwindigkeitsmessstelle der Stadtverwaltung Eisenach mit einem Messgerät der Marke TraffiStar S350. Das Gerät war entsprechend den Richtlinien des Herstellers aufgebaut und geeicht.

Im Bereich der Messstelle ist die Geschwindigkeit innerorts gemäß Zeichen 274 auf 30 km/h beschränkt.

Um 13.36 Uhr wurde der Betroffene mit seinem Fahrzeug einer Geschwindigkeitsmessung unterzogen und ein entsprechendes Lichtbild ausgelöst. Die gemessene Geschwindigkeit betrug abzüglich der Messtoleranz von 3 km/h 51 km/h.

Der Betroffene hat damit die zulässige Höchstgeschwindigkeit innerhalb geschlossener Ortschaften um 21 km/h überschritten.

Der Betroffene hat seine Fahrereigenschaft eingeräumt. Er zweifelt jedoch daran, dass die Messung stimmt.

Die Geschwindigkeitsmessung ist nicht zu beanstanden. Anhaltspunkte für eine Fehlmessung liegen nicht vor.

Die vorgenommene Messung mit dem Messgerät TraffiStar S350 ist ordnungsgemäß erfolgt, wie sich aus dem Messplatzprüfprotokoll vom 25.07.2017 (Bl. 3 d.A.) ergibt.

Insbesondere war das verwendete Messgerät gemäß Eichschein Nummer … vom 25.04.2016 (Bl. 2 d.A.) gültig geeicht bis zum 31.12.2017.

Beide wurden in der Hauptverhandlung verlesen und auf sie wird ausdrücklich Bezug genommen.

Laut Messeplatzprüfprotokoll wurde am 25.07.2016 die Überprüfung des Messplatzes sowie der Beschilderung durch den Außendienstmitarbeiter der Stadtverwaltung Eisenach, Herrn G., vorgenommen.

Bei dieser Überprüfung waren die Beschilderung und die Sichtprüfungen des Messstellenbereichs, des Sensorfeldes und der Eichmarken ohne Beanstandung.

Da mithin die Eichmarken zum Zeitpunkt der Messplatzkontrolle am 25.07.2016 unbeschädigt waren, Reparaturen und sonstige Eingriffe aber nur nach Brechen von eichamtlichen Siegeln, Plomben u.ä. möglich sind, können seit dem Zeitpunkt der letzten Eichung am 25.04.2016 keine messrelevanten Reparaturen und Eingriffe an dem Messgerät stattgefunden haben. Der Einsichtnahme in die Wartungsnachweise des Messgerätes bedurfte es daher nicht.

Am 19.07.2016 um 00:00:06 Uhr wurde das auf Bl. 5 d.A. befindliche Testfoto erstellt, welches die ordnungsgemäße Funktion des Messgerätes bescheinigt.

Auch auf dieses in der Hauptverhandlung in Augenschein genommene Testfoto wird ausdrücklich Bezug genommen.

Schließlich wurde auch das auf Bl. 6/7 d.A. befindliche Messfoto, auf welches ebenfalls ausdrücklich Bezug genommen wird, in Augenschein genommen.

Auch aus dem Messfoto sind keinerlei Umstände ersichtlich, die Zweifel an der Ordnungsmäßigkeit der Messung aufkommen lassen würden. Insbesondere befindet sich der untere Rand der Markierung, was erforderlich ist, unterhalb der Linie durch die Radaufstandspunkte des Fahrzeuges. Auch liegen Teile der Fahrzeugfront in dem markierten Bereich, innerhalb der Markierung wird kein anderes Fahrzeug derselben Verkehrsrichtung angezeigt und die Markierung ist vollständig in dem Verstoßfoto sichtbar und nicht an einem der Räder abgeschnitten.

Weiterhin ergibt sich aus dem Messfoto die gemessene Geschwindigkeit von 51 km/h.

Bei einer Geschwindigkeitsmessung mit dem hier verwendeten Messgerät TraffiStar S350 handelt es sich um ein standardisiertes Messverfahren und das verwendete Messgerät hat eine Bauartzulassung von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) erhalten.

Der Zulassung durch die PTB gehen umfangreiche Prüfungen eines Mustergerätes unter Labor- und Nenngebrauchsbedingungen voraus. Dazu gehören insbesondere Messreihen, deren Ergebnisse mit denen der hochgenauen Referenzgeräte der PTB verglichen werden. Nur wenn diese Prüfungen ergeben, dass das Messgerät Gewähr dafür bietet, dass es während der Gültigkeitsdauer der Eichung im Rahmen der zulässigen, zu Gunsten Betroffener in Abzug zu bringender Fehlertoleranzen ausnahmslos richtige Messergebnisse liefert, wird die Zulassung erteilt (Saarl. OLG, Beschluss vom 17.01.2012, Az.: Ss 218/2012).

Durch die amtliche Zulassung eines Messgerätes bestätigt die PTB, dass sie die Ermittlung des Messwertes auf der Grundlage der in der Gebrauchsanweisung festgelegten Vorgehensweise einer Sachverständigenprüfung unterzogen und die Messergebnisse als innerhalb einer zulässigen Toleranz liegend eingestuft hat (OLG Köln, Beschluss vom 06.03.2013, Az.: III-1 RBs 63/13).

Das heißt, es findet in diesem Stadium sehr wohl eine sachverständige Prüfung statt, bei welcher die technischen Einzelheiten zur Messwertbildung bekannt sind.

Dieses PTB-Zulassungsverfahren ist gesetzlich vorgeschrieben, womit zum einen sicherlich bezweckt ist, ordnungsgemäße Messungen und Messergebnisse zu gewährleisten; zum anderen soll dadurch aber auch vermieden werden, dass Geschwindigkeitsmessungen mit – vorab – überprüften Messgeräten in jedem Einzelfall einer Prüfung unterzogen werden müssen. Ansonsten wären gerichtsverwertbare Geschwindigkeitsmessungen in dem angesichts des massenhaften Verkehrsaufkommens und der zahlreichen Verkehrsverstöße erforderlichen Ausmaß faktisch nicht mehr möglich. Dieses Zulassungsverfahren soll eine praktikable Handhabung auf definiert hohem technischen Niveau zur Ermittlung massenhaft vorkommender Geschwindigkeitsverstöße ermöglichen, was für eine gefahrenminimierte Teilnahme am Straßenverkehr für alle Verkehrsteilnehmer unabdingbar ist (AG Saarbrücken, Urteil vom 25.05.2012, Az.: 22 OWi 68 Js 331/12).

Weiterhin ist das konkret verwendete Messgerät durch das zuständige Eichamt nochmals als solches auf seine Eignung als Messgerät überprüft worden und durch die Eichurkunde bescheinigt worden, dass das Messgerät richtig funktioniert, insbesondere die Anforderungen der Eichordnung und der Bauartzulassung einhält.

Die bloße Annahme möglicher Messfehler kann nicht von vornherein die Unverwertbarkeit des Messergebnisses zur Folge haben (Brandenburgisches OLG, Beschluss vom 3.06.2010, Az.: 2 Ss 110 B/10).

Voraussetzung dafür, dass sich der Tatrichter vom Vorliegen eines korrekt ermittelten Messergebnisses überzeugt, ist nicht eine absolute, das Gegenteil denknotwendig ausschließende und damit von niemandem anzweifelbare Gewissheit. Vielmehr genügt ein nach der Lebenserfahrung ausreichendes Maß an Sicherheit, das vernünftige Zweifel nicht aufkommen lässt. Dabei haben solche Zweifel außer Betracht zu bleiben, die realer Anknüpfungspunkte entbehren und sich lediglich auf die Annahme einer bloß gedanklich, abstrakt-theoretischen Möglichkeit gründen (AG Saarbrücken, Urteil vom 20.09.2011, Az.: 22 OWi 367/11).

Zweifel an der Zuverlässigkeit der Messung können daher nur konkrete Anhaltspunkte für eine Fehlmessung begründen. Ohne derartige Anhaltspunkte würden die an die Überzeugungsbildung des Tatrichters zu stellenden Anforderungen überspannt (OLG Köln, Beschluss vom 06.03.2013, Az.: III RBs 63/13).

Die Geschwindigkeitsüberwachungsanlage TraffiStar S350 arbeitet mit einem Laserscanner, der in einem Erfassungsbereich mit einem Öffnungswinkel von ca. 50°, in einer Ebene fächerförmig die Umgebung abtastet. Die erkannten Objekte werden verfolgt, solange sie sich im Erfassungsbereich des Systems befinden. Der Laserscanner liefert für jedes Objekt, das sich in seinem Erfassungsbereich befindet, genaue Entfernungs- und Winkelinformationen. Ein intelligenter Algorithmus wertet die Informationen aus und erzeugt gegebenenfalls einen Vorfall.

Bei Geschwindigkeitsmessungen mit Laser wird die Laufzeit einzelner Lichtimpulse vom Sender zum Fahrzeug und zurück zum Empfänger gemessen. Aus dieser Laufzeit kann die Entfernung zwischen dem Lasermessgerät und dem Fahrzeug berechnet werden. Bei dem eingesetzten Laserscanner RLS1000 bewegt sich der Laserstrahl zusätzlich mit hoher Geschwindigkeit horizontal in einem Bereich von ca. 50° und bildet den Erfassungsbereich. Trifft der ausgesandte Laserstrahl auf ein Fahrzeug, wird er reflektiert. Der reflektierte Laserstrahl wird im Empfänger des Scanners registriert und der entsprechende Winkelwert zugeordnet. Die Zeit zwischen dem Aussenden des Pulses und dem Empfang des reflektierten Pulses ist direkt proportional zur Entfernung des Fahrzeugs zum Laserscanner. Da aus dem Winkel direkt auf die Richtung geschlossen werden kann, ergibt sich aus den beiden Informationen die Position des erfassten Fahrzeuges. Aus der Folge der empfangenen Pulse werden die Kontur des Fahrzeugs und aus der Bewegung der Kontur die Geschwindigkeit berechnet (siehe Bl. 15 der Gebrauchsanweisung TraffiStar S350).

Da vorliegend keine Anhaltspunkte für eine fehlerhafte Messung ersichtlich waren, geht das Gericht von ordnungsgemäßer Messung im standardisierten Messverfahren aus.

Die Datenübertragung erfolgt nach Kenntnis des Gerichts über eine sichere Leitung via VPN Verschlüsselung.

Es kann dabei durchaus als wahr unterstellt werden, dass ein Zugriff von Außen auf jede, auch noch so sichere Datenleitung, durchaus möglich ist. Das Gericht schließt es nicht aus, dass z.B. Organisationen wie die NSA durchaus in der Lage sind, auf jede sichere Datenverbindung Zugriff zu nehmen.

Dass ein solcher Zugriff mit besonderen technischen Voraussetzungen möglich ist führt aber nicht zu der Annahme, dass ein solcher im konkreten Fall auch erfolgt ist.

Dem Gericht liegen keinerlei Anhaltspunkte dafür vor, dass ein Dritter tatsächlich Zugriff auf die Datenleitung genommen hat, um hier irgendwelche in Eisenach erzeugte Messergebnisse, insbesondere gerade hier das Messergebnis des Betroffenen, zu dessen Ungunsten zu verfälschen.

Der diesbezügliche Beweisantrag auf Vernehmung des Geschäftsführers der K. Labs GmbH zu der Frage, ob es externen Personen möglich gewesen ist, auf den Datensatz der Messung Zugriff zu nehmen und eine Manipulation am Messergebnis vorzunehmen, war daher gemäß § 77 Abs. 2 Ziffer 1 OWiG abzulehnen.

Die von der gemessenen Geschwindigkeit abzuziehende Toleranz von 3 km/h bei Messwerten unter 100 km/h ergibt sich aus der Eichordnung (EO 18-11).

Der Betroffene hat sich damit einer fahrlässig begangenen Geschwindigkeitsüberschreitung innerhalb geschlossener Ortschaften gemäß §§ 24 StVG, 41 Absw. 1 iVm Anlage 2, 49 Abs. 3 Ziffer 4 StVO schuldig gemacht.

Der Betroffene hat zumindest fahrlässig gehandelt, da er die Geschwindigkeitsüberschreitung vorhersehen konnte und durch angepasste Fahrweise hätte vermeiden können. Es sind keine Gründe ersichtlich, die es dem Betroffenen verboten hätten, seine Geschwindigkeit auf 30 km/h zu verringern.

Hinsichtlich der Ahndung des Verstoßes ist das Gericht von Ziffer 11.3.4 BKat ausgegangen. Hiernach ist bei einer Geschwindigkeitsüberschreitung von 21 km/h innerhalb geschlossener Ortschaften im Regelfall ein Bußgeld von 80 € zu verhängen.

Anhaltspunkte, die vorliegend ein Abweichen von dieser Regelsatzhöhe rechtfertigen würden, waren nicht ersichtlich.

Die Kostenentscheidung folgt aus §§ 46 Abs. 1 OWiG, 465 StPO.

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